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Lauter schöne Lügen

Die Landesbühnen klopfen in Lutz Hübners Komödie „Willkommen“ sogenannten Gutmenschen auf die Finger.

02.10.2017
Von Rainer Kasselt

höne Lügen
Noch feiern sie, doch Benny (Moritz Gabriel) macht den Vorschlag, dass ein Asylbewerber in die WG mit einzieht. Da bröckeln die Fassaden, auch bei der Fotografin Sophie (Sandra Maria Huimann).

© Hagen König

Menschen möchten gut sein, doch immer kommt was dazwischen. Die Verhältnisse, das Leben, der Eigennutz. Oder Flüchtlinge, wie in Lutz Hübners und Sarah Nemitz’ jüngster Komödie „Willkommen“. Es geht um deutsche Befindlichkeiten. Am Sonnabend hatte das Stück in den Landesbühnen Sachsen die mit großem Beifall aufgenommene Premiere.

Erzählt wird mit Witz, viel Gefühl und reichlich Bier die Geschichte einer fünfköpfigen Dresdner WG. Sie machen Party, tanzen und turteln, leeren den Kühlschrank. Die Stimmung verfliegt, als Dozent Benny vorschlägt, sein Zimmer eine Zeit lang Asylbewerbern zu überlassen. Er geht für ein Jahr nach New York. Die Fotografin Sophie ist von der Idee begeistert. Sie wittert die Chance für eine Langzeitdoku über Integration. Die übrigen WG-Bewohner drucksen herum. Nachwuchs-Banker Jonas ist in der Probezeit, er will seine Ruhe, befürchtet eine kinderreiche Flüchtlingsfamilie. Zur Not kann er sich ein älteres Ehepaar oder zwei hübsche Schwestern vorstellen. Die schwangere Studentin Anna hätte das Zimmer gern für ihren Freund – und die Gruppe grölt, als sie seinen Namen nennt: Achmed. Doro, die WG-Älteste, lehnt Bennys Vorschlag ab. Sie will mit arabischen Männern nichts zu tun haben, hasst deren frauenfeindliche Selbstgefälligkeit. Sie möchte nackt auf dem Dach in der Sonne liegen und sich nicht vorschreiben lassen, mit wem sie die Nacht verbringt. Sophie Lüpfert brilliert in dieser Rolle, balanciert die Figur locker und unverkrampft aus, ist ganz selbstbewusste Frau.

Lutz Hübner hat sein Talent, Konflikte aus dem Alltag unterhaltsam und lebensnah auf die Bühne zu bringen, nicht nur im Renner „Frau Müller muss weg“ bewiesen. Seine Stücke tun nicht wirklich weh, aber sie tun gut. Das gilt ebenso für die Radebeuler Aufführung. „Willkommen“ bezieht in der tempo- und musikreichen Inszenierung von Tom Quaas deutlich Position gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft. Gespielt wird vor einer Videowand auf der Bühne von Tom Böhm mit quietschbuntem Sofa, Stühlen und Nierentisch.

Die Figuren der Komödie, die nach außen für Toleranz und Idealismus eintreten, pfeifen auf politische Korrektheit, wenn es ans Eingemachte geht. Sandra Maria Huimanns selbstgerechte Künstlerin Sophie verliert alle Gutmenschen-Pose, als ihr Projekt scheitert. Sie rastet aus, als der im Ruhrpott geborene Deutsch-Türke Achmed, temperamentvoll von Felix Lydike gespielt, Palästinenser als „Kanaken“ bezeichnet und die jetzige „Vollbetreuung“ der Flüchtlinge beklagt. Luca Lehnert, neu im Ensemble, ist Studentin Anna: Anfangs verhuscht und unsicher, später leidenschaftlich mit überschnappender Stimme. Holger Uwe Thews verkörpert in Trainingsklamotten mit fitter Physis und ironischem Ton einen künftigen Manager, der sich mehr für Tischtennis als für Flüchtlinge interessiert. Moritz Gabriel klopft als Dozent Benny lauter schöne Sprüche, was ihm umso leichter fällt, weil er die Konsequenz seiner Idee in Amerika nicht ausbaden muss.

Regisseur Quaas fügt dem Stück in gut gemeinter Absicht Prolog und Epilog hinzu. Im Videoeinspiel besucht Moritz Gabriel Flüchtlinge in Riesa und schwört den Zuschauer auf Verständnis und Anteilnahme ein. Nach der letzten Szene öffnet sich der Vorhang für Musiker aus Syrien und Ägypten, sie interpretieren mitreißend Melodien ihrer Heimat. Ein versöhnlicher Schluss, der dem offenen Stückausgang die Brisanz nimmt und letztlich der Wirkung der Komödie misstraut.

Wieder am: 12. und 19. 11. sowie am 7. 12. im Stammhaus Radebeul. Kartentelefon: 0351 8954214