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Dienstag, 19.01.2016

Lasst mehr Hörner sprechen

Rechnungsprüfer wollen Ungerechtigkeiten in Orchestern abschaffen. Bläser sollen mehr arbeiten. Gern, aber was?

Von Bernd Klempnow

Mozart war ein Stümper. Zumindest aus Sicht von Landesrechnungshöfen. Denn Mozart und andere Künstler haben draufloskomponiert, egal, ob der Einsatz der Musiker mit dem deutschen Tarifrecht in Einklang zu bringen ist. Das ist es nämlich nicht, haben gerade rheinland-pfälzische Landesrechnungsprüfer festgestellt und sich damit einem Urteil ihrer Kollegen aus anderen Bundesländern – auch Sachsen – angeschlossen. Es gibt Instrumentengruppen, die arbeiten erheblich mehr als andere, werden aber genauso bezahlt. Ergo: Wer nicht Dienst habe, solle sich mit musikpädagogischen Angeboten für Kinder und Flüchtlinge engagieren.

Im aktuellen Fall stellten die Experten in Ensembles von Koblenz, Ludwigshafen und Mainz fest, dass „Musiker wie Trompeter, Hornisten und Oboisten bis zu einem Drittel seltener eingesetzt sind als tariflich möglich“. Das erinnert an 16 Streicher des Bonner Beethoven-Orchesters vor gut zehn Jahren, die vor dem Arbeitsgericht auf Gleichbehandlung bei der Arbeitszeit klagen wollten. Sie müssten, argumentierten sie, 7,5 Dienste – als Fachbegriff für Proben und Aufführungen – wöchentlich bestreiten, ihre blasenden „Gegner“ jedoch nur 4,2. Die Fachwelt schüttelte den Kopf: „Ein Bademeister wird auch nicht dafür bezahlt, wie viele Menschen er aus der Not rettet“, raunten Kollegen. Und die Orchester-Gewerkschaft DOV stellte fest: „Den Einsatz von Streichern und Bläsern haben die Meister in ihren Partituren schon vor Zeiten vorgegeben. Deshalb ist diese Ungleichbehandlung systemimmanent.“ Die Streicher zogen daraufhin ihre Klage zurück.

Eine Umfrage unter sächsischen Orchestern ergab, auch hier gibt es die Vielarbeiter und die – zumindest in der Öffentlichkeit – Wenigerarbeiter. Entscheidend ist das Profil der Ensembles. In Klangkörpern wie der Staatskapelle oder der Elbland Philharmonie, die viel Musiktheater spielen, sind die Dienste relativ ausgeglichen. Bei den reinen Konzert-Ensembles wie Dresdner Philharmonie ackern die 2. Geigen und die Bratschen etwa ein Drittel mehr als die Bläser. Der Grund: In einen Orchestergraben passt nur eine begrenzte Anzahl von Musikern – also circa 25 Streicher zu den gut 20 Bläsern sowie Schlagwerkern und Harfen. Der Konzertdirigent hingegen stockt für einen „fetteren Sound“ gern die Streicher auf bis zu 50 Instrumente auf. Also sitzen fast alle Geiger, Bratscher, Cellisten und Kontrabassisten auf dem Podium.

Nervenflattern aufm Präsentierteller

Nun haben Bläser vermeintlich mehr frei. Da sie aber heikle Instrumente spielen, bei denen alle im Publikum jeden falschen Ton sofort hören, üben diese viel mehr. Von der nervlichen Belastung vor dem Einsatz ganz zu schweigen. So gleicht sich der Stress von vielbeschäftigten Geigern in der Masse und den Bläsern auf dem Präsentierteller aus.

Was wäre sonst die Lösung? Würden alle Trompeter, wie die Rechnungsprüfer vorschlagen, in ihrer vermeintlichen Freizeit Kinder ausbilden, gäbe es bald noch mehr Trompeter. Nein, es braucht Kompositionen für die schönen Holz- und Blechinstrumente. Mozart wird man im Nachhinein nicht ändern. Aber die lebenden Tondichter sollten das Potenzial der Bläserfamilie erkennen, denn auch Horn und Tuba können Ohren betören, Herzen erreichen und für Tarifgerechtigkeit sorgen.

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