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Donnerstag, 21.01.2016

Lachhafter Geistesblitz

Eberhard Cohrs wäre am 4. Januar 95 Jahre geworden. Er sammelte sächsische Witze – genau wie Bernd-Lutz Lange. Er sucht jetzt mit der SZ den besten Witz der Sachsen.

Von Peter Ufer

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Eberhard Cohrs erlangte in der DDR mit Witzen Kultstatus. 1998 feierte er nach zehn Jahren Bühnenabstinenz sein Comeback.
Eberhard Cohrs erlangte in der DDR mit Witzen Kultstatus. 1998 feierte er nach zehn Jahren Bühnenabstinenz sein Comeback.

© dpa

Bernd-Lutz Lange erzählt gern folgenden Witz: Wurde ein Bauer in der Sowjetunion gefragt, was für ihn Glück sei. Der Bauer: „Dass wir in der Sowjetunion leben.“ Wurde der Bauer gefragt, was für ihn Pech sei. Der Bauer: „Dass wir so viel Glück haben.“ Dazu gibt es auch eine DDR-Variante.

Aus der Dialektik entsteht die Komik, die philosophische Tiefe besitzt. Ein großartiger Scherz, den sich der Leipziger aber nicht selber erdacht hat. Er hörte ihn einst von seinem Freund Küf Kaufmann, der aus der UdSSR stammt. Lange sammelt seit über 50 Jahren Witze und sucht jetzt mit der SZ und dem MDR den besten Witz der Sachsen. Der Kabarettist sagt: „Mit Witzeerzählen begannen meine ersten Schritte zur Kleinkunst. Sagen wir so ab 16 Jahre. Als Jugendlicher habe ich die scheinbar schon unbewusst gestaltet, also mit etwas Figurensprache und dem Versuch, diverse Dialekte nachzuahmen. Die Resonanz war stets sehr gut. Auch bei jungen Damen.“

Die meisten Scherze fand der 72-Jährige in antiquarischen Büchern, die politischen erzählte man sich zu DDR-Zeiten im Café Corso in Leipzig, viele hörte er von verschiedenen Kabarettkollegen. Lange: „Eine Menge große Geister sammelten früher Witze. Das geht von Billy Wilder bis Willy Brandt. Mit Johannes Rau habe ich in Düsseldorf mal beim Bier einige Exemplare getauscht.“ Aber während die meisten Witze schnell vergessen werden, schrieb Lange sie auf. Zum Beispiel den: Sagt Willy Brandt zu Walter Ulbricht: „Ich sammle Witze, die Leute über mich erzählen.“ Sagt Ulbricht: „Ich habe ein ganz ähnliches Hobby. Ich sammle Leute, die Witze über mich erzählen.“

Die Ursprünge der Witze sind meist ebenso schwer nachvollziehbar wie bei Märchen. Der Leipziger meint, dass Witze selten erfunden werden, es seien Geschichten aus dem Leben, pointiert erzählt. Sie gehen von Mund zu Mund, man erzählt sie sich im Büro, am Stammtisch oder schickt sich heute die Gags per Smartphone zu. So verbreiten sie sich schnell, werden immer geschliffener. Es sind Geistesblitze, die einen unvorbereitet treffen. Fragt der Patient den Arzt: „Meinen Sie, dass die Fangopackung helfen wird?“ Arzt: „Nein, das nicht, aber so gewöhnen Sie sich schon mal an die feuchte Erde.“

Die Fangopackung ist neu, vor Jahren war es noch Schlamm. Von jedem Witz gibt es Varianten, die Besetzung der Erzähler wechselt je nach Region oder aktuellem Zeitbezug. Lange: „Es gibt diverse Grundmuster, aber auch regionale Unterschiede im Humor. Mich hat neben dem sächsischen Witz der politische Ostblockwitz besonders interessiert.“

Wer sich heute ansieht, wie in den 1960er-Jahren Eberhard Cohrs Witze erzählte, der verfällt zum einen in ostalgisches Lachen, zum anderen hört er Scherze, die sich ins Heute übertragen lasse. Der „Dleene mit der großen Gusche“, der am 4. Januar 95 Jahre alt geworden wäre, setzte, im Gegensatz zu Lange, eher auf den schnellen Witz, aber ebenso auf die sächsische Sprache. Der Mann mit Hut und Fliege fragte gern sein Publikum, um gleich zu antworten: „Was is dor Undorschied zwischn ä Minisdr un ä Ehemann? Dor Minisdr kennd sei Schdellfordredor. Warum hieß ä Traband 601? 600 ham droff gewarded, eener hadn gekrischd. Was machd denn Ihr aldes Iebl? Die sidzd Daheeme un kochd.“

Sächsischer Scherz braucht Sachsen

Der gebürtige Dresdner empfahl sich als komischer Volksvertreter, denn er redete die Sprache des Herrn von nebenan. Anfang der 1970er-Jahre suchte er per Annonce alte Witzbücher, um seinen Scherzschatz zu erweitern. Als er 1977 die DDR verließ, begriff er in seiner neuen Heimat im Westen Deutschlands sehr schnell, dass Witze nur in einem gesellschaftlichen sowie sprachlichen Kontext funktionieren. Weder die lachhaften Sorgen der DDR-Bürger noch das Sächsische fanden die Westdeutschen lustig. Cohrs kam mit seinen Scherzen nicht an. Erst als er nach dem Mauerfall in seine Heimat zurück kehrte, lachte das Publikum wieder über den laufenden Scherzmeter und kürte ihn erneut zu seinem Liebling.

Zu den Vorbildern von Eberhard Cohrs gehörte übrigens Paul Beckers, geboren 1878 in Magdeburg, gestorben 1965 in Leipzig. Von ihm stammt die Geschichte mit dem alten Übel, der Frau, die zu Hause kocht. Beckers erfand noch eine andere legendäre Pointe: „Meine Frau, die schdand ja schon in dor Bibel. Was da schdehd? Eine große Dirre wird kommen.“ Beckers Bunte Bühne sorgte Ende der 1920-Jahren für Furore in Dresden. Er trat als Fliegentüten-Heinrich auf. Ein Original, das mit einer leimigen Tüte Fliegen fing und mit seinen Scherzen Leute in den Wahnsinn trieb. Er sprach schnell, schoss die Sätze ins Publikum. Ein Star der Kleinkunstbühnen. Viele kennen noch seine Geschichte mit dem Blädbräd, auf das er steigen sollte, um die Fenster zu putzen und abstürzte. Beckers hinterließ einen Fundus an Scherzen, der noch heute Grundlage vieler Witze ist.

Zu den antiquarischen Büchern von Lange und Cohrs gehören auch Titel von Hans Reimann. Er lebte fast zur selben Zeit wie Beckers, 1889 in Leipzig geboren, 1969 in der Nähe von Hamburg gestorben. Der Schriftsteller sammelte zum Beispiel die Geschichten über den letzten König, Friedrich August den III. Reimann hörte den Sachsen zu, notierte Anekdoten über den Monarchen oder schrieb Scherze dem obersten August zu. Der König sitzt in der Dresdner Oper, am Ende des Stückes fragt er die Sopranistin: „Wie findn Se dä Agusdig hier.“ Die Sängerin: „Sehr gut, Eure Majestät, sehr gut.“ König: „Und warum ham Se dann so rumgeblägd?“

Langes Sammlung sächsischer Lieblingswitze erschien gerade in einer Neuauflage im Aufbau-Verlag. Als Jury-Mitglied bei der Suche nach dem Witz der Sachsen muss also wirklich was Neues bekommen. Über alte Kamellen kann er nicht lachen.

Und jetzt sind Sie dran. Gesucht werden der beste sächsische Witz und der beste sächsische Witze-Erzähler. Schicken Sie uns Ihren sächsischen Lieblingswitz als Text oder Ihr selbst aufgenommenes Audio bzw. Video. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Mail: ufer.peter@ddv-mediengruppe.de

WhatsApp: 0173 5358762

Post: Peter Ufer, Chefredaktion, Sächsische Zeitung, Ostra-Allee 20, 01067 Dresden

Eine Jury entscheidet über die Sieger. Dabei sind unter anderem die Sängerin und Kabarettistin Katrin Weber, der Schauspieler Tom Pauls sowie SZ-Autor Peter Ufer und MDR-Moderator Andreas Berger.

„Der Witz der Sachsen“ ist eine Aktion der Sächsischen Zeitung gemeinsam mit MDR Sachsen.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Richard52

    „Die Praxis ist die Schlampe der Theorie“ Grabinschrift von Karl Marx in London. Mein bester Witz aus DDR-Zeiten, der mit hohen Auszeichnungen geehrt und verfolgt wurde.

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