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Freitag, 22.08.2008

Kunst in der leeren Platte

In Hoyerswerda wird ein Abrissblock für vier Wochen zum internationalen Projekt.

Von Anett Slama

Hoyerswerda - Vor wenigen Tagen hat Monika Mehrfort ihre Kisten gepackt. Als Letzte aus dem Aufgang musste sie nach gut 20 Jahren ihre Wohnung am Stadtrand von Hoyerswerda verlassen und in ein anderes Viertel ziehen. „Ich konnte Ende der 80er Jahre zusehen, wie das Haus gebaut wurde, und jetzt erlebe ich den Abriss mit“, sagt sie. Doch bevor die Bagger den Fünfgeschosser auseinandernehmen, bekommen die grauen Platten noch mal Farbe.

38 Künstler aus 20 Ländern, darunter aus Dänemark, Chile, Israel und Polen, bewohnen und bearbeiten den Abrissblock für vier Wochen. Das Projekt mit dem Titel „Artblock“ haben drei junge Künstlerinnen aus Deutschland und Estland organisiert. Über einen persönlichen Kontakt sind sie bei der Suche nach einem Ort schnell auf Hoyerswerda gekommen. „Und es gibt ja nicht viele Städte in Deutschland, wo der Abriss so extrem ist“, erzählt Mitinitiatorin Lisa Premke.

Deswegen war auch schnell ein leerstehender Block gefunden. In zwei Aufgängen haben sie sich provisorische Unterkünfte eingerichtet, in weiteren zwei ihre Ateliers. Strom und Wasser stellt der Vermieter kostenlos zur Verfügung. Er unterstützt das Projekt, „weil es eine neue Art und Weise des Umgangs mit dem Thema Abriss ist, von Leuten, die davon nicht betroffen sind“, erklärt Axel Fietzek, Chef der Lebensräume Hoyerswerda eG.

Auch Oberbürgermeister Stefan Skora freut sich über das internationale Flair für seine Stadt. „Ihr Kunstprojekt ist ja sozusagen eine Abschiedsvorstellung“, richtete er sich bei der Eröffnung an die Künstler. Denn im September werden die Blöcke am Stadtrand wie geplant abgerissen. Und mit ihnen die Kunstobjekte.

Die Fotografen, Architekten, Maler und Bildhauer haben vier Wochen Zeit, um die leeren Wohnungen mit Kunst neu zu beleben. Die ungewöhnlichen Ateliers öffnen vom 28. bis zum 30. August zu einer Abschlussausstellung. Dann möchte auch Monika Mehrfort ein letztes Mal in ihren Block kommen. Ihr Herz hängt nicht nur an dem ehemaligen Wohnhaus, sondern auch an der Lausitz. Dagegen haben ihre Kinder der Heimat bereits den Rücken gekehrt. Der Sohn folgte dem Arbeitsplatz nach Westdeutschland, die Tochter der Liebe nach Australien.

Hoyerswerda hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehr als 30000 Einwohner verloren. So schnell, wie vor allem junge Leute gen Westen ziehen, kommen die beiden großen Vermieter mit dem Abriss gar nicht hinterher. Die Stadt ist mit dem Problem nicht allein. In Sachsen stehen derzeit etwa 500000 Wohnungen leer, 15 Prozent des Bestands. Seit 2000 wurden im Freistaat mehr als 82000 Wohnungen zurückgebaut - eine Herausforderung für Stadtplaner.

So möchte man in Görlitz mit einer bundesweit einmaligen Aktion wieder mehr Bewohner in die Innenstadt locken: Für eine Woche können Interessierte mietfrei in einer möblierten Wohnung im Zentrum probewohnen. In Leipzig und Chemnitz entstand die Idee vom „Wächterhaus“. Dabei sollen vom Verfall bedrohte Altbauten erhalten und neue Mieter gewonnen werden.

Um neue Mieter geht es bei dem Hoyerswerdaer Projekt nicht mehr, vielmehr soll der Abschied den ehemaligen Anwohnern so etwas leichter gemacht werden. Kathrin Klingner, eine der drei Initiatorinnen, musste selbst mal aus einem Plattenbau ausziehen. „Als das Haus abgerissen wurde, hat mir das Herz geblutet.“ (dpa)