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Freitag, 26.05.2017

Kultur muss man hegen und pflegen

Eine Rahmenkultur nimmt Rücksicht auf Bestehendes. Nur so kann sie sich öffnen.

Von Werner J. Patzelt

Politikwissenschaftler Professor Werner J. Patzelt
Politikwissenschaftler Professor Werner J. Patzelt

© ronaldbonss.com

Mit einer Rahmen- oder Leitkultur verhält es sich vielschichtiger als mancher erkennt. Durchaus meint dieser Begriff keinen Kasten, in dem zum weiteren Gebrauch verwahrt wird, was im eigenen Land je gedacht oder getan wurde. Alles Nötige sagt das lateinische Ursprungswort von „Kultur“: Es geht um das, was durch Aussaat und Ernte, durch Pflege und Erneuerung des Überkommenen, ja, auch durch umsichtiges Neuanpflanzen entsteht. Kulturen sind also niemals fertig. Doch sie unterscheiden sich sehr von dem, was durch bloßes Zuschauen beim Wachsen entsteht.

Sein ganzes Leben lang habe er eine „gewisse Idee von Frankreich“ gehegt, schrieb Charles de Gaulle zu Beginn seiner Memoiren. Diese Empfindung habe ihn nicht minder inspiriert als die Vernunft. Genau eine solche „Idee“ ist der Kern von Leitkultur: Wie möchte man, dass die eigene Gesellschaft oder Gemeinde, dass die Leute im Land oder das Land selbst wären? Zufrieden im Nebeneinander oder voller Lust aufs Miteinander? Selbstsüchtig und grob oder gemeinsinnig und höflich? Jeden Tag beschäftigt mit dem Aushandeln von Regeln oder frei für Neues, weil man sich auf fortbestehende Selbstverständlichkeiten verlassen kann?

Wer eine Kultur von Zierblumen anlegt oder für einen Wald zuständig ist: Wird der wohl glauben, die Erfahrungen früherer Gärtner oder Förster wären entbehrlich? Oder es brauche jene Pflanzen nicht, deren Samen er nutzt, oder keine Bäume, die schon vor eigenen Lebzeiten wuchsen? Gewiss nicht. Gerade wer vernünftig ist, wird seine Ideen von der Zukunft mit dem verflechten, was vom Vergangenen blieb. Nicht alles wird er weiterverwenden, manches aber schon. Neues wird er einkreuzen, doch nicht jegliches.

Rahmenkultur hat also viel zu tun mit dem Willen, zwar Neues entstehen zu lassen, doch nicht ohne Rücksicht auf Bestehendes. Sie hat zu tun mit der Kraft, plausible Ziele zu setzen und ihnen Wege zu bahnen. Wer zu Hegendes benennt, braucht aber nicht nur Wissen über Bewährtes, sondern auch Zuneigung zu ihm. Doch zu mögen, was es in Deutschland schon vor 1933 gab, scheint immer noch anrüchig zu sein. Ein Einwanderungsland freilich, das die eigene Kultur nicht kennt oder mag, tut sich schwer damit, seine Einwanderer wirklich dazugehören zu lassen.