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Freitag, 15.04.2016

Künstler müsste man sein

Satire darf alles, okay. Aber warum gilt das nicht auch für die Politik?

Von Werner J. Patzelt

Politikwissenschaftler Professor Werner Patzelt.
Politikwissenschaftler Professor Werner Patzelt.

© Ronald Bonß

Gerade lernen wir: Wer so frei ist zu sagen, er würde gleich eine Grenze überschreiten, der darf das tun. (Schade, dass es derlei in der DDR noch nicht gab …) Der Meier sagt also: Ich werde gleich eine Grenze überschreiten, weil ich – Achtung! – behaupten werde, dass der Müller ein Rindvieh ist.

Das behauptet er nun auch. Und der Müller? Der wird sich doch nicht beklagen. Schließlich hat der Meier das mit dem Rindvieh gar nicht ernst gemeint. Denn hätte er es ernst gemeint, dann wäre ja wirklich eine Grenze überschritten. Aber weil der Meier das vorher angekündigt hat, war das Grenzüberschreiten eingeklammert, quasi im Vorgriff schon ungeschehen gemacht. Denn wer wirklich eine Grenze überschreiten will, der kündigt das doch nicht an; wäre ja auch zu blöd!

Ups, da stimmt was nicht. Doch was? Der Schmidt kündigt dem Schulz an, ihn beklauen zu wollen; und wenn er ihn dann wirklich beklaut, dann ist nichts Schlimmes geschehen, weil doch das Ganze gar nicht als Klauversuch gemeint war; den kündigt man ja niemals an. Das Geld ist aber trotzdem weg. Was stimmt denn jetzt schon wieder nicht? Beim Schmidt und Schulz ging es ums wirkliche Leben, beim Müller und Meier aber um Kunst. Die darf so etwas. Die darf nämlich alles. Zu welchen Kosten auch immer. Capito?!

Angenommen, nicht der Meier, sondern der Schlaumeier sagt, der Müller wäre ein Rindvieh. Und der Schlaumeier ist nun aber ein Politiker. Dann hat er wirklich eine Grenze überschritten – und das sogar noch zugegeben. Dumm gelaufen; Künstler müsste man eben sein. Doch der Schlaumeier hat ein anderes Metier.

Ich wüsste da einen Ausweg. Kunst ist doch auch politisch, nicht? Und die Politik – ist sie nicht auch künstlich? Sorry, ich meinte: künstlerisch! Betreiben unsere Politiker nicht oft wunderbare Realsatire? Was wäre mit dem Politischen Aschermittwoch als neuer Kunstform? Mit der politischen Rede als Büttenrede? Seit Beuys wissen wir: Jeder Mensch ist ein Künstler – auch der Politiker! Die Staatskunst behauptet mancher ja, ohnehin zu beherrschen.

Reißen wir also unnötige Mauern nieder! Künstler in die Politik, Politiker in die Kunst! Dann darf endlich auch unser Schlaumeier den Müller ein Rindvieh nennen – und jede Grenze nach Ansage überschreiten. Na toll!

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