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Dienstag, 22.08.2017

Krimi ohne Täter

Die Ursache für den milchigen Belag mancher Münzen bleibt unklar. Das Dresdner Kabinett will trotzdem wieder öffnen.

Von Ronja Münch

Auge in Auge mit den Mächtigen vergangener Zeiten, die ihr Konterfei auch gerne auf Münzen verewigten: Derzeit ist das nicht möglich. Erst im Dezember soll die Münzausstellung im Schloss wiedereröffnet werden.
Auge in Auge mit den Mächtigen vergangener Zeiten, die ihr Konterfei auch gerne auf Münzen verewigten: Derzeit ist das nicht möglich. Erst im Dezember soll die Münzausstellung im Schloss wiedereröffnet werden.

© Ronald Bonss

Dresden. Wer auf des Rätsels Lösung hoffte, wurde an diesem Dienstag enttäuscht. Alle Spurensuche war vergeblich, teilten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) mit. Noch immer weiß niemand, was den weißlichen Belag auf gut 100 Silbermünzen der Dauerausstellung verursacht hat.

Ende vergangenen Jahres wurde er entdeckt, nur anderthalb Jahre zuvor hatte die Ausstellung im Georgenbau des Dresdner Residenzschlosses neu eröffnet. Den Besuchern dürfte erst etwas aufgefallen sein, als die Münzen aus den Schaukästen verschwanden. Der weißliche Überzug ist mit bloßem Auge kaum zu sehen. Gut 1 400 Objekte wurden vorsorglich schon im Dezember ins Depot geholt, im März wurde aus Sicherheitsgründen die gesamte Ausstellung geschlossen. Den Belag fand man auf Münzen quer durch die Vitrinen, von Altertum bis Neuzeit und auf verschiedenen Silbermischungen.

Da liegt was in der Luft

Was den „Schimmel“ bildete, war schnell festgestellt: Silberchlorid. Es greift die Patina an, also das Silberoxid. Während Oma das angelaufene Silberbesteck poliert und so wieder zum Glänzen bringt, erhöht diese altersbedingte Verfärbung bei Münzen sogar den Wert. Das weißliche Silberchlorid hingegen ist unerwünscht. Messungen ergaben Anfang des Jahres Schadstoffe in der Luft von Räumen und Vitrinen. Die Frage war: Woher kommt das Chlor? Gleich mehrere Gutachten sollten eine Antwort finden.

Sowohl in den Vitrinen als auch im gesamten Ausstellungsraum suchte man nach dem Täter. Die Schaukästen seien von der Raumluft eigentlich abgeschlossen, erklärt Michael John von der Abteilung Bau, Technik und Sicherheit der SKD. Sie haben eine eigene Klimaanlage, nur alle 10 Tage wird die Luft ausgetauscht. Die Gutachter nahmen dennoch den gesamten Raum unter die Lupe. Alles war verdächtig. Die Textilbespannungen, Böden und Filter der Vitrinen, aber auch der Holzfußboden der Ausstellungsräume. „Holz hat immer Emissionen“, erklärt John. Wobei Chlor eigentlich nicht dazugehöre. Eichenholzfußböden in Museen sind zudem nichts Ungewöhnliches. Auch die verwendeten Vitrinen der österreichischen Firma Artex sind in der Anwendung erprobt. Verdächtig waren die Schläuche der Klimasysteme, da diese Polyvinylchlorid enthalten – besser bekannt als PVC.

Doch die Messungen verschiedener Institute führten zu keinem Ergebnis. Weder das auf Schadstoffe in Museen spezialisierte Fraunhofer-Institut in Braunschweig noch das Dresdner Institut für Holztechnik konnte Chloremissionen an den Materialien messen, auch nicht an den Schläuchen. „Wir sind ein bisschen ratlos“, gesteht John. Möglich seien sogenannte Mikroemissionen unterhalb der Messgrenze. „Aber wenn ich das nicht messen kann, wie soll ich dann die Ursache finden?“ Der Täter in diesem Krimi verbirgt sich gut. John spricht von Pech, keine andere Münzsammlung hatte bisher ähnliche Probleme. Metallrestauratoren der großen Sammlungen in Wien, München und Berlin kamen vorbei und gingen wieder, ohne Lösung.

Dem Münzkabinett bleibt also nichts anderes übrig, als die Unterbringung der Ausstellungsstücke auf Verdacht hin zu verbessern. So will man die Luftkanäle der Vitrinen und Räume komplett reinigen, sie noch besser luftdicht abschließen und die Aktivkohlefilter zur Reinigung der Innenluft komplett neu auslegen, sagt John. Sie sollen also besser auf die darin gefundenen Schadstoffe abgestimmt werden. Und auch der Holzfußboden soll eine neue Beschichtung bekommen, „auch wenn er möglicherweise nichts damit zu tun hat“.

Der Belag der Münzen lässt sich, da er früh entdeckt wurde, zum Glück relativ einfach entfernen. Restaurator Jens Dornheim braucht dafür nur Wattetupfer und etwas Wasser. Und ein Mikroskop, um überhaupt etwas zu erkennen. Zudem werden viele Münzen und Medaillen konserviert. Das bedeutet, sie bekommen eine transparente Lack- oder Wachsschicht. Der Belag hat nur nicht konservierte Münzen befallen. Dennoch sei dieser Schritt eine Abwägungssache, so Sammlungsdirektor Rainer Grund. Ist die Münze konserviert, kann sich die eigentlich gewünschte Patina nicht mehr bilden.

Öffnung im Dezember

Für die Arbeiten wurde die Werkstatt personell aufgestockt. Bis Mitte November sollen alle Maßnahmen und auch ein weiterer Emissionstest abgeschlossen sein. Die Einrichtung der Ausstellung dauert einen weiteren Monat. Wenn alles funktioniert, könne schon vor Weihnachten wieder eröffnet werden, sagt Grund. Wie viele Kosten die genannten Maßnahmen verursachen, dazu wollte Marion Ackermann keine Angaben machen. Ein Teil werde mit dem Restaurierungsbudget der SKD abgedeckt, einen Teil werde auch der für die Räume verantwortliche Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement tragen, so die Generaldirektorin der Kunstsammlungen. Die Kosten ließen sich erst beurteilen, wenn alle Arbeiten abgeschlossen seien. Einen Einnahmenausfall hat es im Residenzschloss laut kaufmännischem Direktor Dirk Burkhardt nicht gegeben.

Die Schließung verteidigt Ackermann, das sei „immer das, was man erst ganz zum Schluss erwägt“. Man habe nicht abschätzen können, wie schnell sich der Schaden verbreitet. Nach den intensiven und umfangreichen Untersuchungen habe man sich „durchgerungen“, im Dezember wieder zu öffnen. Dann sollen die Münzen und Medaillen noch häufiger kontrolliert werden, um einen möglichen erneuten Befall schnellstmöglich zu erkennen.

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