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Freitag, 04.01.2013

Konformistischer Rebell

Eine neue Biografie beschreibt Mick Jagger als Womanizer und Geizkragen. Dabei hat er doch einen sympathischen Charakter.

Von Ulf Mallek

Die Richtung ist klar: Für Stones-Boss Mick Jagger – hier 1998 bei einem Spanienkonzert – geht’s stets vorwärts. Auch noch mit 69 Jahren. Foto: AP
Die Richtung ist klar: Für Stones-Boss Mick Jagger – hier 1998 bei einem Spanienkonzert – geht’s stets vorwärts. Auch noch mit 69 Jahren. Foto: AP

Eine großartige Band. Wirklich. Das schrieben die Manager des damals mächtigen britischen Schallplatten-Labels Decca nach dem Hören eines Demobandes der Rolling Stones in einem Brief an die junge Band. Und sie fügten hinzu: „Aber mit diesem Sänger werden Sie es nicht weit bringen.“

Der Sänger hieß damals Mick Jagger, und 50 Jahre später heißt er immer noch Mick Jagger. Inzwischen wechselten sich neun britische Premierminister ab, zwei Stones-Manager, neun US-Präsidenten und eine unbekannte Anzahl von Damen, die sich der Gunst des Bandleaders temporär erfreuen durften.

Die neue Biografie von Mick Jagger lässt sich am besten als eine Sammlung von unzähligen oft unglaublichen Storys betrachten. Der Autor Philip Norman ist ein altgedienter englischer Journalist, der zuvor elf Biografien, u. a. über die Beatles, Elton John, die Rolling Stones in ihrer Gesamtheit oder John Lennon, veröffentlicht hat.

Norman kennt sich aus mit dem Geschäft. So erzählt er die hanebüchene Geschichte der ersten gemeinsamen Wohnung von Mick Jagger, Keith Richards und Brian Jones. Die Wohnung im Londoner Stadtteil Chelsea war in einem so erbärmlichen Zustand, dass man sich wundert, wie so ein wohlerzogener, ja penibler Vorstadtjunge aus der Mittelklasse wie Jagger dort überhaupt überleben konnte. In der Küche schimmelt das Geschirr, durch die Fenster drang vor lauter Dreck kein Licht. Ein weiterer Mitbewohner spuckte unentwegt Schleim an die Wand, der dort langsam eintrocknete. Als Ersatz für eine Tapete.

Im Unterschied zu seiner Wohnung, zu deren Vermüllen er angeblich selbst kräftig beitrug, blieb Mick selbst auffällig sauber und gepflegt. Norman vergleicht die Stones mit „jungen Offizieren im Ersten Weltkrieg, die auch noch in den schlammigen Schützengräben Flanderns dafür sorgten, dass ihre Uniformknöpfe glänzten“.

Woher Norman diese und viele andere Episoden erfahren hat, bleibt im Dunkeln. Über seine Quellen sagt er nicht viel. Mick Jagger selbst wird es nicht gewesen sein, der spricht nicht gern über sich. Als er mal eine Autobiografie schreiben sollte und dem Projekt zunächst zustimmte, überlegte er es sich dann doch anders: Sein Leben sei zu langweilig für eine Autobiografie, ließ er im Mai 2007 verbreiten. Band-Drummer Charlie Watts sagte dazu: „Mick kümmert es nicht, was gestern war. Ihn interessiert nur das Morgen.“

Da ist Keith Richards ganz anders. Er reihte in seinem gut 700-Seiten-Wälzer „Life“ Details seines Lebens aneinander. Das klingt alles echt, abgefahren und richtig nach Rock ’n’ Roll. Norman kann so etwas natürlich nicht bieten. Er ist aus der gleichen Generation wie Mick, hat die Geschichten nur gehört, dafür sie aber so eifrig gesammelt wie Mick seine Frauen. Die Dichte des Materials ist beeindruckend. Stets bemüht sich Norman um die kritische Distanz zu seinem Helden. Weder stellt er Jagger auf einen Sockel, noch stößt er ihn in den Abgrund. Er bezeichnet den Stones-Frontmann als einen „durch und durch beherrschten, berechnenden und konformistischen Rebellen“. Anders hätte er auch nicht ein Vermögen von heute geschätzt einer halben Milliarde anhäufen können, aber anders gäbe es die Stones schon lange nicht mehr. Die Band wäre ohne ihn zerbrochen. Daran lässt Norman keinen Zweifel. Nicht Keith, sondern ihm ist die lange Existenz der Stones zu verdanken.

Drugs und Sex gehören zum Rock ’n’ Roll. Während sich Jagger beim Drogenkonsum – anders als sein Gegenspieler Keith Richards – zurückhielt, ist sein Frauenverschleiß beträchtlich. Er wird auf 4 000 Damen geschätzt, darunter Prominente wie Carla Bruni, Marianne Faithfull, Farah Fawcett, Jerry Hall, Marsha Hunt, Bianca Jagger, Angelina Jolie, Madonna, Prinzessin Margaret, Pippa Middleton, Carly Simon, Linda Ronstadt, Uma Thurman und Margaret Trudeau.

Die vermeintliche Bisexualität Jaggers mit seinen großen Lippen, „die einem Huhn das Ei aus dem Arsch saugen können“, wird nicht ausgespart. Die vermeintliche Affäre mit David Bowie wird da genannt. Daraus soll ja auch der Song „Angie“ entstanden sein. Angie war Bowies Freundin, die die beiden Männer angeblich erwischt hat. Die Frage, ob Jagger sexsüchtig war oder nicht, ist angesichts der Faktenlage wohl eher eine rhetorische.

Mick Jagger ging nicht immer fair mit seinen Ex-Ehefrauen um, zankte sich ums Geld, vermutlich ist er sogar geizig. Entsprechende Hinweise spart Norman nicht aus. In einen Interview mit einem kanadischen Newsportal wird der Autor gefragt, ob er Mick eigentlich mag. Er antwortet: „Mick ist kein Monster. Er gibt nur vor, eins zu sein. Er ist im Grunde ein sympathischer Charakter.“

Hinter diesen „sympahtischen Charakter“ ist Norman allerdings nicht wirklich gedrungen. Jagger bleibt ein Geheimnis, vielleicht sogar für sich selbst. „Wir sind ein Symbol der Ewigkeit“, sagte Jagger mit 60 bei der Vorstellung einer neuen Tournee. Nächsten Sommer wird der Mann mit den großen Lippen 70 Jahre alt.

Ach so. Die Musik. Um Musik ging es auch in der Biografie, aber nur am Rande. Sie kennt ja jeder.

Philip Norman „Mick Jagger – Die Biografie“, Droemer 2012, 24,99 Euro

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