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Samstag, 27.02.2016

Klunker, Kuscheltiere und Kommerz

Deutschland schickt die puppenhafte Jamie-Lee Kriewitz zum Eurovision Song Contest und bringt Farbe in die Show.

Von Enya Wolf

Siegerpose zum Zweiten: Nachdem Jamie-Lee Kriewitz im Dezember bei „The Voice Of Germany“ abräumte, gewann sie nun auch das deutsche Ticket für den Eurovision Song Contest in Stockholm. Dort tritt die 7-Jährige am 14. Mai im Finale an.
Siegerpose zum Zweiten: Nachdem Jamie-Lee Kriewitz im Dezember bei „The Voice Of Germany“ abräumte, gewann sie nun auch das deutsche Ticket für den Eurovision Song Contest in Stockholm. Dort tritt die 7-Jährige am 14. Mai im Finale an.

© dpa

So perfekt wie der Kuschelpanda im dunklen Prinzessinnenhaar sitzt auch das Kinder-Elmex-Grinsen, als Jamie-Lee Kriewitz am Donnerstagabend erfährt: Sie ist der Darling des Publikums, sie wird Deutschland im Mai beim Eurovision Song Contest in Schweden vertreten. Mit 44,5 Prozent der Zuschauerstimmen kürt Moderatorin Barbara Schöneberger die 17-Jährige zur Gewinnerin. Wie schon in der Castingshow „The Voice Of Germany“ brachte ihr der Song „Ghost“ beim Vorentscheid für Stockholm den Triumph.

Schon bald wird Kriewitz’ Elfenstimme durch Wohnzimmer in ganz Europa tönen – eine aufregende Perspektive für das Mädchen aus dem niedersächsischen Springe, das noch vor einem Jahr ein ganz gewöhnliches Leben als Schülerin führte und deren Bühnenerfahrung sich jahrelang auf einen Gospelchor beschränkt hatte. Das alles änderte sich mit ihrer Teilnahme an der fünften Staffel von „The Voice Of Germany“, aus der die junge Frau als Siegerin hervorging. Seitdem hat sie einen festen Platz unter den Popsternchen eingenommen, die im deutschen TV- und Online-Kosmos erstrahlen.

Schutz für die noch Minderjährige

Die stellare Metapher dürfte der Nachwuchskünstlerin gefallen, scheint sie doch eine Vorliebe für alles zu besitzen, was glitzert, glänzt und blinkt. Für schillernde Stoffe, Klunkerringe und Manga-Mode bekannt, bleibt die Sängerin ihrem „Sailor-Moon“-Stil auch bei „Unser Lied für Stockholm“ treu. Im Arm hängt ein kulleräugiges Kuscheltier, als sie nach dem Sieg gefragt wird, ob sie das nicht irgendwie nerve, ständig mit Lena Meyer-Landrut verglichen zu werden.

Viele Künstler verweisen bei solchen Fragen auf das deutsche Schubladendenken und dass man ein eigenständiger Musiker sei. Die junge Siegerin aber sagt: „Ich kann’s verstehen, dass ich mit ihr verglichen werde.“ Zumindest oberflächlich gibt es da einige Parallelen: die Wurzeln in der Region Hannover, die eigenwillige Bühnen-Präsenz, die Stimme mädchenhaft und kraftvoll zugleich. Eine weitere Gemeinsamkeit: Wie schon Meyer-Landrut im Jahr 2010 geht auch Kriewitz als Teenagerin beim Eurovision Song Contest für Deutschland ins Rennen. Auf Bühnenshows bis tief in die Nacht und Interviews nach Lust und Laune muss die Sängerin als Minderjährige noch verzichten. Popstar-Lifestyle jugendfrei: bis 23 Uhr musste die Gewinnerin des Donnerstagabends, dem Jugendschutz geschuldet, die Bühne räumen.

Girliehaftes Kichern, Luftherzchen in die Kamera, bonbonfarbene Klammern im Haar. All das macht den Niedlichkeitsfaktor von Jamie-Lee aus, mit dem sie vermutlich insbesondere bei Mädchen aus der Mittelstufe punkten kann. Die skurrilen Outfits, die sich oft an der japanischen Decora-Mode orientieren, sind dabei gekonnt gepaart mit einer hinreichenden Dosis Mainstream und Kommerz: Der Titel „Ghost“ etwa, an dem die Sängerin mitgeschrieben hat, lässt sich einem soliden West-Pop zuordnen, der eher an die Songs von R&B-Star Rihanna als an Musik aus Fernost erinnert.

Auf den ersten Blick wirkt Kriewitz schüchtern und bescheiden, versteckt ihr Lächeln kokett hinter einer Hand, als sie nach der Verkündung ihres Sieges mit Schöneberger spricht. Doch so klar wie der Gesang der 17-Jährigen scheinen auch ihre Vorstellungen davon zu sein, wer sie ist und was sie will. So strahlt die junge Frau ein großes Selbstbewusstsein bei einer Peta-Kampagne aus. Plastik statt Leder, Weltverbessern durch Glitzerstreuen: Im eiscremefarbenen Kleidchen und mit pinken Schmetterlingen im Haar wirbt Kriewitz für einen veganen Lebensstil. Diesen verfolgt die Sängerin seit rund drei Jahren. „Ich freue mich sehr, auf diesem Weg auch alle Fans einzuladen, genauer hinzusehen und vegan einfach mal auszuprobieren“, sagt sie in einem Video von Peta. Ihre Augen leuchten dabei.

Eine Portion Leichtigkeit und Optimismus könnte Deutschland beim Eurovision Song Contest nach den Skandalen und Enttäuschungen der vergangenen Jahre gut tun. Bald wird sich zeigen, ob die quietschbunte Agentin Jamie-Lee Kriewitz diese Mission erfüllen kann.

Das Finale des Eurovision Song Contest 2016 ist am 14. Mai ab 21 Uhr in der ARD zu sehen.