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Montag, 04.01.2016

Klappe zu, Ohren auf!

2015 war das Jahr des Streits, gerade in Sachsen. Verlieren wir darüber den Respekt voreinander?

Von Oliver Reinhard

Babys haben immer recht. Viele Erwachsene leider auch. Sie beharren stur auf ihren Meinungen und fordern Respekt, ohne anderen das Gleiche zu gewähren.
Babys haben immer recht. Viele Erwachsene leider auch. Sie beharren stur auf ihren Meinungen und fordern Respekt, ohne anderen das Gleiche zu gewähren.

© national geographic/getty images

Machen wir uns nichts vor: Das vergangene war kein gutes Jahr. Unsere Blicke sahen, medial verstärkt, so viel Tod und Not, Elend und Hass wie selten. Noch etwas war besonders. Kamen Nachrichten über Hass und Hader zuvor überwiegend aus dem Ausland zu uns, wurzelten sie 2015 vermehrt im Inland. Eine Region produzierte besonders viele solcher Nachrichten und Bilder, nämlich Sachsen, nachgerade Dresden samt Umgebung. Etliche dieser Bilder zeigen schreiende Menschen, deren Gesichter abstoßend hässlich sind vor Wut und Hass. Die blicken, als wollten sie töten.

Die Ursache ist die gleiche: Ein heftiger Streit geht um in Europa. In dem Maße, wie die lange bestehende Flüchtlingskrise 2015 den Kontinent in allen Facetten erreichte, wuchsen sich auch hierzulande die Debatten über den richtigen Umgang damit zu offenem Streit aus. Der hat inzwischen eine derartige Intensität und eine derartig aggressive Tonalität angenommen, dass Bundeskanzlerin Merkel sogar in ihrer Neujahrsrede vor der drohenden Spaltung Deutschlands warnt.

Seit Pegida regelmäßige Kundgebungen von – um einen umstrittenen Euphemismus zu bemühen – Asylgegnern veranstaltet, läuft diese Konfrontation nirgends derart öffentlich und unverstellt ab wie in unserer Region. Längst blickt das ganze Land auf Dresden & Co. wie auf einen Boxring, in dem sich die extremsten Vertreter zweier feindlicher Lager stellvertretend für den ganzen Rest regelmäßig prügeln. Und nirgends zeigt es sich ähnlich offensichtlich: Wir laufen Gefahr, den Respekt voreinander zu verlieren. Jenes Schmiermittel, ohne das keine Zivilgesellschaft existieren kann. Weil ohne Respekt Auseinandersetzungen und Verständigungen darüber, wie wir miteinander leben wollen, unmöglich sind.

Nun ist es ja nicht so, dass der Respekt allen egal wäre. Im Gegenteil, die Rufe danach werden immer mehr und lauter. Doch die meisten Rufer fordern diesen Respekt nur für sich, ohne ihn anderen zu zollen. „Respekt“ bedeutet ihnen lediglich, dass sie jeden respektieren, solange er entweder bereits ihrer Meinung ist oder sie übernimmt oder ihr wenigstens nicht widerspricht.

Diesen „Respekt“ bringt selbst manch Asylgegner-Ultra auch Flüchtlingen entgegen – solange die sich den hiesigen Verhältnissen zu 100 Prozent anpassen. Dieser „Respekt“ verlangt nur Unterordnung, bedingungslosen Gehorsam, hinterfragungslose Übernahme fremder Normen und Werte. Dieser „Respekt“ hat 1933 bis 1945 eindrücklich bewiesen: Er ist keiner.

Was der Begriff wirklich meint, deutet seine Übersetzung an. Re-Spectus heißt Rück-Sicht, gegenseitig, aufeinander. Respekt setzt sich zusammen aus Höflichkeit und Achtung, aus dem Wahren von Würde und Achtsamkeit, Fairness und Anstand.

Zugegeben: Einfacher hat es, wer keinen Respekt besitzt. Er darf es konsequenterweise unnötig finden, Andersmeinenden zuzuhören und die eigene Meinung zur Diskussion und damit womöglich auf den Prüfstand zu stellen. Er bleibt selbstzufrieden in seinem Haltungskorsett und nährt sich weiter nur von der Bestätigung gleichgesinnter Freunde, Nachbarn, Verwandten, die entweder Grenzschließer sind oder Willkommensjubler, Pegidianer oder Anti-Pegidianer. Zwar stützt ein solches Beharren auf dem eigenen Standpunkt als „Wahrheit“ die Identität. Es beweist aber zugleich, wie labil diese ist. Eben weil man die eigene Identität offenbar nur behaupten kann, indem man stur wie ein Kleinkind auf seiner Meinung beharrt. So befördert Respektlosigkeit letztlich das Unwissen und die schlimmsten Formen der Dummheit: Ignoranz und Borniertheit.

Beides findet man unter den Kontrahenten in Dresden und Umgebung zuhauf. Vor allem montags, wenn Tausende Pegida-Anhänger rechtspopulistische Parolen bejubeln und ihre Gegner in direkter Verbalkonfrontation angehen. In den Augen vieler Pegidianer ist jeder gegen sie, der die Ansichten und Forderungen der Bewegung nicht vollständig teilt. Die andersdenkende Mehrheit der gesellschaftlichen Mitte existiert für sie ebensowenig wie dezidiert linke Gegner, die man eigentlich mindestens grundrespektieren müsste. Es gibt für sie nur noch rotgrüne Meinungsfaschisten, linksversiffte Gutmenschen, die Antifa-SA, Volksverräter und Lügenpresse.

Solch extrem realitätsresistentes und respektloses Denken wohnt gleichwohl auf beiden Seiten. Manchem Anti-Pegida-Aktivisten gilt deren komplette Anhängerschar als genau solche Nazis und Rassisten wie jene Hälfte aller Deutschen, denen die Herausforderungen der Massenzuwanderung nicht nur, aber eben auch Sorgen bereiten. Als wäre jeder, der die Kita seiner Kinder nicht sofort freiwillig als Erstaufnahmeeinrichtung anbietet und die gemeinsame Zukunft ausschließlich in den Regenbogenfarben der multikulturellen Sozialromantik pinselt, gleich ein nationalchauvinistischer Xenophobiker.

Sicher, auch Streit kann ein Ausdruck von Respekt sein, sofern er frei von verbaler oder körperlicher Gewalt bleibt. Schließlich zeigt man im Streiten, dass man den anderen grundsätzlich ernst nimmt. Gleichwohl schaffen es nur wenige Kontrahenten, einander auf Augenhöhe zu behandeln. Streiten fällt eben leichter, wenn man sich über den anderen erhebt. So baut manch Pegida-Gegner aus seinem Status oder seiner Bildung gern ein Treppchen zum Herabblicken. Andere setzen sich gleich aufs hohe Ross der moralischen Überlegenheit.

Die Kühnsten unter ihnen erlassen sogar Vorschriften, mit wem man reden darf und mit wem nicht. Pegidianer wiederum kontern derlei Hochtrabereien gerne aus, indem sie sich kurzerhand über die Moral samt Moralisten erheben und sie als etwas Grundschlechtes hinstellen. Was ebenso regelmäßig geschieht; zu den Standardbotschaften einer Pegida-Standardrednerin zählen „Scheiß auf Moral“ und „Scheiß auf Anstand!“ Gewiss weiß sie, dass solche Respektlosigkeiten von einem Publikum, dem Moral eher egal ist, als Stärke wahrgenommen werden. Die Tragikomödie um den Respekt läuft auf jeder Leinwand. Respektlos sind immer die anderen.

Doch bei allem Respekt für den Respekt: Selbst ihm sind Grenzen gesetzt. Zu indifferenter bis wahlloser Respekt verzerrt das aufgeklärte Menschenbild und macht wirkliche Streitkultur unmöglich. Wohl sollte in zivilisierten Gesellschaften wie der deutschen für alle klar sein, dass Menschen jedes Geschlechts, jeder Herkunft, jeder sexuellen Orientierung und jeden Glaubens die gleiche Achtung als gleichwertiges Individuum verdienen. Ob man neben der Achtung auch Respekt verdient, hängt jedoch von dem ab, was den Menschen ausmacht: seinen Ansichten und Verhaltensweisen.

Wer etwa aus Glaubens- oder sonstigen Gründen Frauen, Homosexuelle oder Andersgläubige als minderwertig betrachtet und behandelt, wird es schwer haben, Respekt einzufordern. Wer körperliche Gewalt als legitimes Mittel der Auseinandersetzung betrachtet, dem dürfte es nicht anders gehen. Doch alle Menschen gleichermaßen zu achten, bedeutet selbst durch rosarote Brillen zugleich die Einsicht: Auch ein vereinsamter Rentner kann ein Betrüger sein, ein schwer Körperbehinderter ein Tyrann, ein nicht-deutscher Schläger eine ebenso miese Type wie ein deutscher Prügelant und das muslimische Opfer einer rassistischen Gewalttat selber ein Rassist.

So haben sogar Zeitgenossen, die die Grundwerte unserer freiheitlichen Zivilgesellschaft ablehnen und Andersdenkenden keinerlei Respekt entgegenbringen, eine grundsätzliche Achtung – als Mensch – verdient. Keinesfalls aber Respekt. Das gilt für islamistische Terroristen und Hassprediger wie für deutsche Rassisten und Hassprediger. Nicht minder für Menschen, die ihnen durch Applaus und Jubel zustimmen. Schwieriger wird es bei Grenzgängern, die Hetzredner zwar ablehnen, aber dennoch deren Publikum vergrößern. Weil sie glauben, ihre Unzufriedenheit mit der aktuellen Politik aus Mangel an anderen Gelegenheiten wenigstens auf diese fragwürdige Weise artikulieren zu müssen.

Um es klar zu sagen: Respekt bedeutet die Einsicht, dass Menschen gleichwertig sind, nicht gleich. Respekt beinhaltet gerade das Erkennen und Anerkennen von Unterschieden und Vielfalt. Deshalb kann eine so heterogene Gesellschaft wie die deutsche mit ihren verschiedenen Kulturen, Traditionen und Religionen ohne Respekt nicht bestehen. Gewiss, Respekt ist anstrengend, herausfordernd, oft überfordernd. Man muss sich für andere interessieren, zuhören wollen, sich auch mal infrage stellen können. Kurz: Man muss sich den Respekt verdienen. Noch kürzer: Respekt macht Arbeit. Nur – wer sich diese Arbeit nicht machen will, verdient auch keinen Respekt.