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Kitt oder Sprengsatz

Worte rechtfertigen im Nachhinein Verbrechen, zuvor vernageln sie den Verstand.

17.02.2017
Von Werner J. Patzelt

 Sprengsatz
Kolumnisten Professor Werner Patzelt.

© Ronald Bonß

Womöglich sind Städte unschuldig, weil sie nicht handeln. Das tun die in ihnen lebenden Menschen, darunter ihre Anführer. Womöglich sind auch Worte unschuldig, obwohl sie wie Gift wirken können – etwa wenn man „Neger“ von „Weißen“, „Biodeutsche“ von „Passdeutschen“ unterscheidet. Doch schuldig werden jene, die giftige Worte gebrauchen und in Reden einfügen, die Gefolgschaft stiften.

Denn aus Worten werden Haltungen, aus Reden Handlungen. Die verändern dann die Wirklichkeit. Im Kleinen geschieht das bei übler Nachrede, die etwa eine Kollegin zur Außenseiterin macht. Massenhaft vollzieht sich das bei Hassmails und Shitstorms, was inzwischen ehrenwerte Leute von politischer Tätigkeit abhält.

Ins Schlimmere wächst das alles, wenn aus Hassreden über einen Fußballklub gewaltsame Angriffe auf dessen Anhänger werden – oder aus Kritik am Kapitalismus die Morde der RAF, aus Hetze gegen Ausländer die Morde des NSU. Und bei Massenverbrechen endet derlei, wenn aus gläubig gepredigter Klassenlehre die Vernichtung der Kulaken wird, aus gläubig gepredigter Rassenlehre der Völkermord an Herero und Nama, an Sinti und Roma, an Europäern jüdischer Abkunft.

Alles beginnt und endet mit Worten. Im Nachhinein rechtfertigen sie Verbrechen, im Vorhinein vernageln sie den Verstand, und zwischendrin formen sie Haltungen, in denen Unrecht für Recht, Schlechtes für Gutes, Dummes für Klugheit genommen wird. Oft wirken sie wie Grenzanlagen, wie Feldzeichen feindlicher Heere, wie Kommunikationsartillerie.

Doch Worte können auch verbinden und versöhnen, aufklären und läutern, aufrichten und beschützen. Wir selbst sind es, die Worte zum Kitt oder Sprengsatz unserer Gesellschaft machen. Wir haben die Wahl: Wollen wir mit unseren Worten andere erreichen oder abschrecken? Worte nutzen zum Beschimpfen, sie gar ersetzen durch Pfeifen und Gebrüll? Oder sie guten Willens verwenden für sorgfältiges Antworten auf Fragen, geduldiges Erläutern von Zusammenhängen, werbendes Aufzeigen sinnvoller Regeln und lohnender Ziele?

Letzteres wäre richtig. Solchen Worten muss man aber auch Umstände schaffen, in denen sie wirken können. Das meint: vorab dem anderen ernsthaft zuhören, seine Argumente verstehen wollen, das auch zeigen. Warum nur halten es so viele derzeit ganz anders?

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