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Dienstag, 14.02.2017 Berlinale-Tagebuch

Kinoträume und Lebenskrisen

Kurz vor der Halbzeit gibt es bei der Berlinale schon ein paar Festival-Lieblinge.

Von Thomas Klein

Festivalbesucher warten vor den Kassen für den Berlinale-Ticketverkauf in Berlin.
Festivalbesucher warten vor den Kassen für den Berlinale-Ticketverkauf in Berlin.

© dpa

Zunächst: Der an dieser Stelle bereits angemerkte Mangel an Hollywood und Star-Besuchern bei der Berlinale wird nur noch deutlicher. Da kommt Stanley Tucci mit seiner Regie-Arbeit „Final Portrait“, einer stimmungsvollen Skizze des Künstlers Alberto Giacometti, nach Berlin – und Hauptdarsteller Geoffrey Rush erscheint zur Premiere nur kurz auf dem roten Teppich und zur Abholung seines Ehrenbären, aber nicht zur Pressekonferenz. Und Ewan McGregor, Zugnummer von „T2 Trainspotting“, reist gar nicht erst an. Man bleibt gespannt, ob Hugh Jackman am Freitag wirklich zu „Logan“ in Berlin sein wird.

Aber es ist auch erfrischend, die Berlinale mal etwas befreit von Promis und Boulevard-Geschwurbel zu erleben. Ob notgedrungen oder nicht, man kehrt zum Festival-Kerngeschäft zurück, es geht dann doch um die Filme. Und nach dem sehr schwachen Start mit „Django“ gab es auch im Wettbewerb schon einige wirklich schöne Dinge zu sehen.

Zärtlich und in jeder Hinsicht zauberhaft war „Teströl és lélekröl“ („Körper und Seele“) der ungarischen Filmemacherin Ildikó Enyedi: Eine schüchterne junge Frau (Alexandra Borbély) fängt als Qualitätsprüferin in einem Schlachtbetrieb an und fällt dort dem älteren Chef-Buchhalter auf, einem Melancholiker mit verkrüppeltem Arm (Géza Morcsányi). Zaghaft nähert er sich der neuen Kollegin, die mit Menschen im Allgemeinen und Sympathie-Erklärungen im Besonderen nur schwer fertigwird. Doch es gibt etwas, was die beiden Gestrandeten verbindet: Beide träumen nachts dasselbe, sie begegnen sich als Hirsch-Paar im verschneiten Wald.

Das klingt unglaublich und seltsam konstruiert, doch Regisseurin Enyedi benutzt das mit glasklaren, wunderbaren Tierbildern geschickt als Symbol einer zarten Liebesgeschichte zwischen zwei vom Alltag verschreckten Außenseitern, die Borbély und Morcsányi eindrucksvoll und mit großem Einfühlungsvermögen spielen. Es ist schwer, die eigenwillige, wunderschöne Sogwirkung des Films und die so skurrile wie warmherzige Geschichte auf dem Papier angemessen wiederzugeben. Ein grandioser Film über die Liebe und auch ein Bären-Kandidat: Jenseits einer Festival-Auszeichnung wünscht man sich „Teströl és lélekröl“ bald regulär in deutschen Kinos. In jedem Fall in die Filmtheater kommt ein anderer Wettbewerbsbeitrag, der österreichische „Wilde Maus“ startet Anfang März bei uns.

Auch das Regie-Debüt des Kabarettisten und Schauspielers Josef Hader ist bemerkenswert gelungen: Voll düsterem Humor erzählt der Film von dem Musikkritiker einer Wiener Tageszeitung (Hader), der ohne Vorwarnung entlassen wird. Im Schockzustand taumelt er durch Wien und sein Leben, übt sich in bemühten Racheakten gegen den ehemaligen Arbeitgeber, streitet mit seiner Freundin (Pia Hierzegger), die von ihm schon lange ein Kind will, und freundet sich mit einem Schausteller (Georg Friedrich) an. Das ist schon todlustig, aber in Haders Film steckt bei allem trockenen Humor auch erstaunliche Beobachtungsgabe. „Wilde Maus“ zeigt überzeugend eine Lebens- und Beziehungskrise. Bei der Berlinale schlägt Hader und seinem Film viel Liebe entgegen, viele Berichterstatter fühlen sich von dieser Geschichte persönlich angesprochen.

Bei der Pressekonferenz konkretisiert Hader das auch: Von Journalisten höre er immer wieder von Einsparungen, Entlassungen und neuen Verträgen für weniger Geld. „Der Print-Journalismus“, sagt Hader, „ist heute irgendwie das, was im England der Achtzigerjahre die Grubenarbeiter waren.“