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Montag, 09.10.2017

Kann denn Sachsen Sünde sein?

Das Staatsschauspiel Dresden schickt „Minna von Barnhelm“ schauderwitzig in die Spur.

Von Rafael Barth

Philipp Grimm spielt Tellheim in „Minna von Barnhelm“ am Staatsschauspiel mit pubertären Stimmungsschwüngen.
Philipp Grimm spielt Tellheim in „Minna von Barnhelm“ am Staatsschauspiel mit pubertären Stimmungsschwüngen.

© Sebastian Hoppe

Den Krieg hat der Major überlebt, aber wie? Dass man ihn unehrenhaft aus der Armee entließ, begreift er als absoluten Gesichtsverlust. So wendet er den Blick von der Welt ab. Als schwarzer Klumpen liegt der Mann in der Ecke eines Holzkastens, die offene Seite hat er mit zwei Schranken verbarrikadiert. Es könnte die Befreiung bedeuten, dass seine Verlobte mit ihrer Bediensteten angestöckelt kommt, dass sich beide Frauen am Verschlag die Knöchel wund pochen, dass sie ihn rufen mit Sirenenstimmen, „Tellheim“, oder einfach nur „Telli“. Kurz: dass sie ihn fürs Lebens zurückgewinnen wollen.

Aber der Mann will nicht. Selbst am Ende von knapp drei Theaterstunden bleibt dieser Major von Tellheim unschlüssig stehen, verdattert vor lauter hochtönenden Begriffen wie Vernunft und Ehre, unfähig zur quietschvergnügten Liebe. Dieses Spannungsfeld leuchtet die Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings „Minna von Barnhelm“ konsequent aus. Am Sonnabend lief die Premiere auf der großen Bühne im Kleinen Haus, fast auf den Tag genau 250 Jahre nach der Uraufführung. Joachim Klement, der neue Intendant des Staatsschauspiels, hat die Inszenierung von seiner vorherigen Wirkungsstätte, dem Staatstheater Braunschweig, mit nach Dresden gebracht. Solche Übernahmen machen es Klement leichter, ein Repertoire aufzubauen – auch wenn „Minna“ erst vor ein paar Jahren im Schauspielhaus lief.

Diesmal gibt schon die Bühne ein Statement ab zu möglichen Schattenseiten der Aufklärung, wie Lessing und andere sie betrieben. Ausstatterin Barbara Steiner hat eine berühmte Grafik von Goya raumgreifend vergrößert: „Der Traum der Vernunft bringt Ungeheuer hervor“ zeigt einen Mann, der den Kopf in seinen Armen auf der Tischplatte abgelegt hat, umflattert von grusligen Eulen und Fledermäusen. Tellheim nimmt dieselbe Haltung an einem Pappkarton ein. Das Schreckgespenst, das ihn beherrscht, ist die Vorstellung, als degradierter Mann könne er seine Verlobte Minna von Barnhelm nun nicht mehr heiraten. Also liegt es an der Frau, dem Mann mit trickreichen Finten das Gegenteil zu beweisen. Und die Komödie nimmt ihren Lauf.

Gequetschte AfD

Es dauert jedoch, bis der Abend an Fahrt gewinnt. Vor der Pause gibt es manche zähe Stelle, hier hätten Kürzungen gutgetan. Es hilft da nur bedingt, dass Regisseur Michael Talke neben der Kunst- auch die Stummfilmgeschichte anzapft. Dramatische Klaviermusik brandet auf, Schauspieler bewegen lautlos den Mund zu ausladenden Gesten, während dazu andere den Text brummen und zwitschern. Alle Spieler haben die Gesichter weiß geschminkt und die Augen schwarz umrandet, was das Schaurige unterstreicht und das Klamaukige umso mehr leuchten lässt. Zum Beispiel beim Wirt. Sven Hönig spielt ihn als geldgierigen Türlauscher, der sich eine blutige Nase holt. Ja, denn jetzt kommt Schwung in die Bude: Tür auf, Tür zu, Tempo hoch, los geht’s mit dem Feuerwerk. Und wie das bei solchen Packungen ist: Nicht alles zündet, aber immerhin ist viel drin.

Bemerkenswert, dass es hier nicht die Hauptdarsteller sind, die brillieren. Thomas Eisen lässt Tellheims früheren Wachtmeister wie eine steife Puppe über die Bühne stolpern und kriegt dafür sogar Szenenapplaus. Wenn er sich entrüstet, quetscht er die Namen von AfD-Politikern durch die Zähne. Eine hübsche Aktualisierung in diesen Tagen: Schon der gebürtige Kamenzer Lessing hatte sein Stück nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges mit sachsenkritischen Tönen verfasst. So müssen sich Minna und ihr Mädchen beim Wirt beinahe für ihre Herkunft rechtfertigen, wenn dieser wieder und wieder staunt: „Ei, ei, aus Sachsen!“ Da hätte das Theater mehr rausholen können.

Die humoristische Königin des Abends ist eindeutig Birte Leest, dabei spielt sie das Dienstmädchen Franziska mit dem wippenden Lockenturm auf dem Kopf. Während das Verwirrspiel nicht enden will, Minna und Tellheim sich in schier endlose Diskussionen verstricken, telefoniert Franziska mit ihrem Stöckelschuh, schüttelt die Sektflasche, wirft rote Luftschlangen über das streitende Paar, Konfetti, Tröte, Hochzeitsmarsch, das ganze Programm. Sie drückt perfekt die gespannte Erwartung aus, die sich auch im Publikum breitmacht: Wann, endlich, kommen die beiden zusammen? Franziska genervt: „Mann, Minna, ich steh hier wie auf Kohlen.“

Nun fällt allerdings umso mehr auf, dass Ursula Hobmair als Titelfigur relativ blass bleibt. Zu selten solche Momente wie jener, in der Minna dem hingestürzten Tellheim auf den Bauch kriecht und mit dem Zeigefinger den Kopf zu Boden drückt, um klarzumachen, wer hier eigentlich den Ton angibt. Philipp Grimm spielt den Tellheim mit pubertären Stimmungsumschwüngen, mal steif-verbittert, mal hochfahrend-forsch. Dass seine Einwände gegen sich selbst schlimmer Hirnspuk sind, zeigt der Abend überdeutlich. Ein Bettler soll er sein? Aber die Geldscheine bringt man ihm doch kistenweise rein. Ein Krüppel? Quatsch, den verletzten Arm befreit er folgenlos vom Verband. Ein Mann ohne Ehre? Diesen Gedanken torpediert schon die Riesenfledermaus mit ihren rot blinkenden Augen. Von Minna ganz zu schweigen.

Wieder am 18.10. und 17.11. im Kleinen Haus, Dresden. Kartentel. 0351 4913555

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