Samstag, 01.12.2012
Jetzt zwitschert der Papst
Urbi@Orbi: Benedikt XVI. verbreitet seine katholischen Botschaften künftig über Twitter.
Benedikt XVI. Foto: dpa
Rom. Lady Gaga tut es längst; nun beginnt auch der Papst mit der Twitterei, und der Vatikan kündigt diese epochale Neuerung mit einem Wortschwall an, der ganz im Widerspruch zu den 140 Zeichen steht, die Benedikt XVI. künftig für jedes seiner Gezwitscher zur Verfügung hat. Am Montag soll der päpstliche „account“ präsentiert werden, aber schon vorab schwärmen römische Kirchenleute von den „neuen Möglichkeiten der Evangelisierung“, von den „großen Wahrheiten, die sich in kleinen Worten ausdrücken lassen“. Vor allem aber – und das läuft theologisch wohl auf ein elektronisches Brotbrechen hinaus – von den Möglichkeiten, religiöse Wahrheiten und Erfahrungen weltweit zu „teilen“. Zwitschern und weiterzwitschern; die Pfarreien sterben, es lebe die community.
Der Jesuitenpater Antonio Spadaro sieht Benedikts Twitterei schon „in einer Linie mit der ersten großen Radiobotschaft eines Papstes“. Pius XI. sprach diese im Februar 1931. Das aber war eine Pionierleistung in einer Zeit, in der eine Botschaft noch eine Botschaft war und nicht Fragment jenes millionenfach vermehrten Geschwätzes, das die Welt seither überzieht.
Dabei ist Benedikt auf Twitter eher spät dran. Bischöfe und Kardinäle sind ihm voraus. In der konfessionellen Nachbargalaxie hat die Herrnhuter Brüdergemeine mit ihren täglichen Bibel-Losungen längst den App- und Twitter-Space erobert und dabei bewiesen, dass sich auch mit 140 Zeichen eine Menge anfangen lässt. Hat nicht Mose in weiser Voraussicht seinerzeit bereits die zehn Gebote in zwitschertaugliche Häppchen gepackt? Und Jesus die Bergpredigt: Wehe euch, ihr Reichen ...“
Aber was wird Benedikt – beziehungsweise in Wahrheit wohl eher sein heiliger Ghostwriter – der Welt wohl zwitschern? Den berühmten Segen „urbi et orbi“, den die neue Welt ohnehin längst „urbi @ orbi“ schreibt? Oder Auszüge aus den päpstlichen Reden, die „in gewissermaßen poetischer Textarbeit und -verdichtung“ auf Format gebracht würden, wie Padre Spadaro meint? Lehrsätze aus dem Katechismus natürlich, vielleicht aber auch, so unkt mancher, die Kernpunkte katholischer Moral. „Macht’s ohne!“ würde der Papst demnach zwitschern, während sämtliche Gesundheitsorganisationen „Macht’s mit!“ rufen, um Aids zu verhindern.
Übrigens hat der Heilige Vater neulich eine „Akademie für die lateinische Sprache“ gegründet. Da bei diesem Papst nie irgendetwas als ein „Schritt zurück“ verstanden werden darf, bringen Experten auch dies in Zusammenhang mit der Twitterei. Auf Lateinisch, sagen sie, lasse sich alles viel knapper ausdrücken als in jeder modernen Sprache. Und so wird Benedikt XVI. im nächsten vatikanischen Jahrbuch wohl als „feliciter regnans et fritinniens“ bezeichnet werden. Als „glücklich regierend und zwitschernd“.
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http://www.sz-online.de/nachrichten/kultur/jetzt-zwitschert-der-papst-2444302.html