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Freitag, 08.07.2016

Jeder kann Vorbild sein

Nicht nur im Fußball sind die Grenzen zwischen angemessener und übergroßer Härte fließend.

Von Werner J. Patzelt

Professor Werner Patzelt
Professor Werner Patzelt

© Ronald Bonß

Der Bürger Bittner hat wieder einmal recht: Niemandem ist geholfen, wenn der Kampf gegen den Faschismus nicht mehr unterscheidbar ist vom faschistischen Kampf. Das schadet gerade auch dem Antifaschismus. Leider; denn „nie wieder Faschismus, nie wieder Angriffskrieg“ sind lobenswerte Grundsätze. Also tut es weh, wenn man von der „SAntifa“ nicht nur liest, sondern auch zugeben muss, dass sich da nicht bloß Wut von Rechten auf Linke ausdrückt, weil manches schon richtig beobachtet wurde.

Natürlich ist nichts gewonnen, wenn man die Gewalttätigkeit der einen Seite an jener der anderen Seite relativiert. Wer traumatisiert ist, weil er überhaupt die Fratze von Gewalt erblickte, wird ja nicht durch den Hinweis geheilt, jene Gewalt wäre gerechtfertigt gewesen durch ein übergeordnetes Ziel. So darf man nur bei Notwehr und Nothilfe argumentieren – und muss selbst dann noch auf Verhältnismäßigkeit achten.

Der abseits von Notwehr und Nothilfe stets gültige Grundsatz hat deshalb zu sein: Keine Gewalt – gegen niemanden, nichts und nirgendwo! Auch gilt es zu begreifen, dass Gewalt nicht erst mit der Schädigung von Eigentum und Leib eines anderen beginnt, sondern bereits mit der Drohung, solches zu tun. Besonders pervers ist an Gewalt, die auf den Körper eines Mitmenschen zielt, dessen so vollzogene Beschränkung auf die Leiblichkeit und auf die aus ihr entstehenden Schmerzen. Deren Abschreckungs- und Bezwingungskraft kann sich nämlich niemand entziehen. Gar nichts bleibt von der Würde eines Menschen, wenn sich in seinem Gesicht Angst zeigt oder er verwundet wimmert. Deshalb lehnen wir doch körperliche Folter ab; und so sollten wir es mit allem halten, was seelische Verletzungen androht oder zufügt.

Natürlich verlangt das nicht den Verzicht auf Streit und Kampf. Jedes Fußballspiel lehrt außerdem, dass die Grenzen zwischen angemessener und übergroßer Härte fließend sind. Wichtig ist aber der Wille zur Fairness samt der Bereitschaft, die bei eigenem Fehlverhalten fällige Verwarnung oder Strafe hinzunehmen. Wie schön wäre derlei auch beim politischen Streit – gleich, ob man ihn von links oder von rechts, von unten oder von oben oder aus jener Komfortzone führt, die sich „die Mitte“ nennt. Jeder kann also Vorbild sein. Und sollte das auch wollen.

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