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Montag, 20.11.2017

Je blutiger, umso mehr Bravo

Die furchtbare Geschichte der „Lucia di Lammermoor“ ist ein Fest für Stimmen. Die Semperoper feiert es nach 80 Jahren.

Von Jens Daniel Schubert

Eine Wahnsinnige träumt: Lucia (Venera Gimadieva) mit Raimondo (Georg Zeppenfeld, l.) und Enrica (Aleksey Isaev).
Eine Wahnsinnige träumt: Lucia (Venera Gimadieva) mit Raimondo (Georg Zeppenfeld, l.) und Enrica (Aleksey Isaev).

© Jochen Quast

Eine Frau zwischen zwei Männern in einer Belcanto-Oper, das kann nur schief gehen: Liebe, Eifersucht, Verrat, Misstrauen, Wahnsinn, Mord. Ein Fest für die Oper, gekrönt von großen Stimmen und auch in der Semperoper am Wochenende ein Triumph: „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti.

Die Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf verschärft die Figurenkonstellation, verdichtet die familiären Bande um Lucia. Aus dem Erzieher und Vertrauten Raimondo wird ein zweiter Bruder, einer, der Gefühle zeigt neben dem glasharten, eiskalt berechnenden Enrico. Und aus Lucias Vertrauter Alisa wird die Mutter, an deren offenem Sarg bereits zu Beginn das Familienschicksal verhandelt wird und die dann, aus dem Sarg kommend, immer wieder Lucias Nähe sucht.

Bühnenbildner Johannes Leiacker lässt die Geschichte in einem schwarzen Einheitsraum mit grellen Oberlichtern, variablen schwarzen Tischen und Stühlen spielen. Im Zentrum immer das Bett der Lucia, Zufluchtsort und Mordstatt, ein weißer Fleck im Einheitsschwarz. Gesine Völlm verortet die durchweg schwarzen Kostüme weniger im originalen ausgehendem 16. Jahrhundert als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Entstehungszeit der Oper. In wessen Kopf und Gedanken spukt diese Lucia? Lässt sich ihre Kollision mit Gefühlen auf einen Ort, eine Zeit fixieren?

Georg Zeppenfeld ist der Held

Es sind nicht die äußeren Räume: Garten, Friedhof, Kabinett oder Festsaal, die das Bühnenbild zeigt. Es sind Innenräume, in denen das Gewitter tobt und sich der Geist einer Ermordeten aus einer Quelle hebt und wieder senkt. Es sind kaum Vorgänge, sondern die Beziehungen zwischen den Figuren, die zu spannungsvollen Konstellationen führen. Sie bringen die Musik zur Explosion. Diese Bezüge erzählt Hilsdorf genau. Hier lässt er keinen Zweifel, was Zu- und Abwendung ist, wo Wärme versagt und Kälte triumphiert.

Georg Zeppenfeld ist Bruder Raimondo, mit großartigem, strahlendem Bass aus tiefsten Tiefen bis in klangvolle Höhen. Doch nicht nur stimmlich verleiht er seiner Figur Größe. Von abgebrüht bis liebevoll zugewandt, von eiskalt berechnend bis verunsichert, schlussendlich von blutberauschtem Voyeurismus getrieben differenziert er seine Figur. So wird er, neben Lucia, zum Angelpunkt der Inszenierung.

Der Bösewicht ist klar Enrico, der andere Bruder, der die Schwester für seine Karriere missbraucht, mitleid- und herzlos. Aleksey Isaev steigert sich auch stimmlich in die Rolle, wird der Lucia zum echten Widerpart, ohne je ihre emotionale Größe zu erreichen. Venera Gimadieva wird als Lucia ohne große dramatische Entwicklung, aber durch schwindelerregende emotionale Kontraste geführt. Sie redet von Beginn an von, mit und über Geister, ist selbst in den Liebesszenen merkwürdig unterkühlt. Und in der „Wahnsinnsarie“, jenem großartigen Wechselgesang mit der sphärischen Glasharmonika, erscheint sie anfangs so „vernünftig“ wie kaum je zuvor. Es ist hier wiederum das Wie. Nach anfänglichen Schärfen entwickelt sie kraftvolle Dramatik in der Stimme, brilliert mit hoher Koloraturkunst und bewegt mit ergreifendem Piano. Der Applaus unmittelbar nach ihrem Bravourstück wollte nicht enden! Ihre große Liebe, deren Glück der Zuschauer mehr aus der Tiefe des Unglücks erahnt, denn erlebt, gilt Edgardo. Dessen berührenden und wunschkonzerterprobten Glanzarien stehen ganz am Schluss. Aber Edgaras Montvidas ist von der ersten Note an präsent, klangschön, mit jenem Etwas von Metall in der Stimme. Seiner sympathischen Ausstrahlung setzt die Inszenierung nicht immer erfolgreich eine fast kumpelhafte Ähnlichkeit zu seinem Erzfeind Enrico entgegen. Männer eben, die Rache leben, der Eine nicht besser als der Andere.

Stehende Ovationen wie lange nicht

Susanne Gasch als Mutter und Tom Martinsen als dienstbarer Handlanger und schließlich Bauernopfer sowie Simon Esper, der als Lord Arturo mit der arrangierten Ehe ins offene Messer läuft, ergänzen das glanzvolle Solistenensemble. Der Staatsopernchor, dezent im Hintergrund agierende Masse, gibt dem Vokalen Fülle und Kraft. Die Staatskapelle unter Giampaola Bisanti wandelt virtuos auf dem Grat zurückgenommener Sängerbegleitung, exzellenter solistischer Partnerschaft und vielfarbigem Impulsgeber für die Szene.

Das Publikum war begeistert. Wenige Buhs fürs Regieteam gingen in den Begeisterungsrufen des stehend applaudierenden Publikums unter. Tatsächlich fehlen der Regie und dem Bild jede das Stück illustrierende Fabulierlust. Aber sie erzählen genau die Räume und Situationen, weit weg von Zwängen der Logik, nach der die aufwühlende Musik verlangt. Und die im Semperbau begeisternd zum Klingen kam.

Erstmals nach 80 Jahren geschah das im Haus wieder szenisch. Letztmals erklang der Belcanto-Klassiker hier 2008 – allerdings konzertant und in der Hauptpartie mit Edita Gruberova, die lange Zeit als beste Darstellerin der heiklen Lucia-Rolle galt.

Wieder am 22., 25. und 29. 11. sowie 8. und 22. 12. und dann im März und April 2018; Kartentel. 0351 4911705

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