Freitag, 07.12.2012

Jauchzet, frohlocket

Derzeit erklingt überall das Weihnachtsoratorium von Bach. Dabei ist das Werk gar nicht für den Advent geschrieben worden.

Von David Buschmann

Alle Jahre wieder ... ob in den kleinen Gemeinden oder in den großen Stadtkirchen ist es Zeit für das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Wohl gibt es viele solcher Oratorien für die hohe Zeit, doch das vom ehemaligen Thomaskantor ist das bekannteste und beliebteste. Gut 100 Aufführungen stehen in diesen Tagen in Sachsen als fester Bestandteil des adventlichen Konzertprogrammes an – dabei ist dieses Werk gar nicht für den Advent geplant gewesen.

Ursprünglich hatte Bach die sechs Kantaten für die drei Weihnachtsfeiertage 1734 sowie Neujahr, den Sonntag nach Neujahr und den 6.Januar 1735 geschrieben. Zum einmaligen Gebrauch, wie es üblich war. Und nach der Uraufführung der einzelnen Teile durch die Thomaner in den sechs Gottesdiensten in der Nikolaikirche und der Thomaskirche geriet das Werk gut hundert Jahre in Vergessenheit. Die handschriftliche Partitur erbte Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel – so kam das Werk zur Singakademie nach Berlin. Diese war es auch, die das Oratorium 1857 wiederentdeckte. Sie führte es aber nicht mehr als Part des Gottesdienstes, sondern als adventliches Konzert auf. Dennoch stand das „WO“, wie Insider das Werk nennen, weitere 100Jahre im Schatten der anderen großen Passionen Bachs. Erst nach und nach wurde es häufiger musiziert und erzielte schließlich ab der Mitte des 20. Jahrhunderts im Zuge der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegungen eine große Breitenwirkung.

Die biblische Weihnachtsgeschichte bildet das Gerüst der sechs Teile. Der Evangelist erzählt die Geschichte von Jesu Geburt bis zu den drei Weisen, während der Chor und die Solisten in verschiedene Rollen als Engel, Hirten, Maria oder Herodes schlüpfen, die Handlung kommentieren und Gefühle der einzelnen Personen ausdrücken. Für die Kommentare nutzte Bach keine Bibeltexte, sondern ließ diese neu schreiben. Die Schriften der Bibel sind teils schwer zu verstehen, doch die Freude der Maria über das Kind und die Angst, dieses wieder zu verlieren, ist jedem verständlich. Bach verband die Geschichte mit Gefühlen, um die Bedeutung dieser erfahrbar zu machen. Er schrieb quasi einen musikalischen Gottesdienst.

Der Meister zitiert sich selbst

Viele Chöre und Arien sind jedoch nicht neu komponiert, Bach zitierte sich selbst. So dienten ihm drei Geburtstagskantaten für das Dresdner Königshaus als Vorlage. Der berühmte Beginn „Jauchzet, frohlocket“ hieß einmal „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten“ – deshalb setzen die genannten Instrumente auch im Weihnachtsoratorium in dieser Reihenfolge ein.

Nicht Faulheit war der Grund, sondern der Wille, seine Musik zu erhalten. Nach einmaliger Aufführung der Geburtstagskantaten in Dresden wären diese zu Lebzeiten Bachs nie wieder erklungen. Das Wiederverwenden eigener Werke war im Barock übliche Praxis. Die Themen sind zudem noch sehr ähnlich. In den alten Kantaten ging es ebenfalls um die Geburt und Huldigung eines Königs. So wurde aus dem Wiegenlied für einen mythologischen Göttersohn eines für das Christuskind.

Eine bloße Kopie wäre einem Genie wie Bach jedoch nicht gerecht geworden. Er passte die Musik den neuen Texten in Emotionen, Instrumentation und Tonart an. Interessant ist, dass noch Mitte des 20. Jahrhunderts führende Musiker die nicht-originäre Entstehungsweise des Weihnachtsoratoriums als peinlich empfanden.

Was Bach 1734 schuf, sind nicht nur einige seiner gut 200 Kantaten. Es sind musikalische Besonderheiten, die von höchstem künstlerischen Können zeugen und durch ihre Aussage – der Freude über den geborenen Heiland – jedes Jahr neu besinnlich auf das Weihnachtsfest einstimmen: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage.“

CD-Tipp: Neu ist eine Live-Gesamtaufnahme des Weihnachtsoratoriums mit dem Kammerchor und dem Ensemble der Frauenkirche unter der Leitung von Kantor Matthias Grünert bei Berlin Classics (Edel) erschienen.

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