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Freitag, 03.02.2017

Irren, um zu lernen

Wer Neues ausprobiert, weiß natürlich nicht, wohin ihn dieses Neue führen wird.

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

Wer kennt nicht das folgende Politikmuster? Man verwirklicht eine Idee ohne Scheu vor Risiken und Nebenwirkungen; dann erschrickt man über die Folgen – und tut bald das Gegenteil dessen, was vorher als richtig galt. Etwa liberalisiert man den „law and order“-Staat, bis Kriminelle oder Reichsbürger dessen Autorität nicht mehr ernst nehmen, und dann werden „Recht und Ordnung“ wieder zum attraktiven Politikziel. Oder man ist stolz aufs Beseitigen von Grenzen, aufs Einbringen von Nationalstaaten in supranationale Gefüge – und erntet Xenophobie samt Neonationalismus.

Ist es nicht dumm, solche Pendelschwünge zuzulassen? In Kauf zu nehmen, was sie an Ressourcenverlust, Enttäuschung, Verschwendung politischer Energie mit sich bringen? Muss der Wagen immer erst in den Graben geraten, bevor Insassen oder Fahrzeuglenker bemerken, Kurs oder Geschwindigkeit waren riskant?

Wer Neues unternimmt, weiß einfach nicht, wohin es führt. Wer Unerprobtes versucht, den überrascht oft unerwartetes Geschehen. Wo Grenzen liegen, erkennt man erst beim Überschreiten – oder viel später. Also sollte gar nichts Neues versuchen, wer sich nicht irren will. Wer nichts Neues versucht, kommt aber auch nicht weiter, lässt Chancen aus. Nur bezahlt man für Wagemut immer wieder.

Auch in der Politik bezahlt man dafür, bloß die Politiker meist nicht aus eigener Tasche. Das lässt sich auch nicht ändern, falls man politische Ämter nicht Reichen vorbehalten will, die den Staat wie ein Privatunternehmen führen. Also braucht es Kontrolle des Staatsvolks über die Experimente seiner Politiker, ausgeübt durch öffentliche Meinung und Demonstrationen, durch Wahlen und Abstimmungen. Doch Kontrolle ändert nichts daran, dass Politik unvermeidlich ein Prozess von Versuch und Irrtum ist. Und hoffentlich auch einer des Lernens aus Erfahrungen. Diesen Prozess muss man also gut organisieren.

Am besten ist dafür die folgende Rollenverteilung. Einesteils gibt es jene, die vom Bestehenden wagemutig fortschreiten wollen – warum auch immer. Und andernteils sind da jene, die halbwegs Funktionierendes nicht aufs Spiel setzen mögen. Progressive nennt man die einen, Konservative die anderen. Einmal erweisen sich die einen, ein andermal die anderen als urteilsklüger. Notwendig sind beide, achtenswert auch.

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