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Dienstag, 05.12.2017

Irgendwas ist immer

Von Steffen Rüth

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Ein bisschen Gesellschaftskritik muss eben sein: Bono (2.v. l.) und seine U2-Kollegen setzen sich auf ihrer neuen Platte natürlich auch mit Donald Trump auseinander. Foto: Universal
Ein bisschen Gesellschaftskritik muss eben sein: Bono (2. v. l.) und seine U2-Kollegen setzen sich auf ihrer neuen Platte natürlich auch mit Donald Trump auseinander. Foto: Universal

© - keine Angabe im huGO-Archivsys

U2-Boss Bono hat aber auch Pech. Das bislang letzte Album seiner Band wurde im wörtlichen Sinn über Nacht an alle Apple-Kunden als Download verschenkt – eine Marketingmaßnahme, auf die viele Fans erbost reagierten. Dann hatte der Sänger damals auch noch einen bösen Fahrradunfall. Und nun beim aktuellen Album „Songs Of Experience“ trüben die Enthüllungen seiner Finanzmachenschaften die Veröffentlichungsfeierlichkeiten.

„Das hier war in der Vergangenheit ein großartiger Ort für Protest“, rief der Frontmann, der bürgerlich Paul Hewson heißt, unlängst in die Londoner Novembernacht. Halbe Sachen sind bekanntermaßen nicht die Spezialität von U2, und so spielten Bono, The Edge, Adam Clayton und Larry Mullen jr. im Rahmen der MTV-Awards am zweiten Novemberwochenende ein Konzert auf dem Trafalgar Square, dem größten und geschichtsträchtigsten Platz Londons. Dem Sänger ist die Ablenkung, die sein Beruf bietet, momentan noch willkommener als sonst, denn eine unschöne Steuervermeidungsgeschichte wirft einen Schatten auf den Frontmann und somit auch unweigerlich auf „Songs Of Experience“, das 14. Studioalbum von U2.

Kein dummer Geschäftsmann

Die Lage an der Wirtschaftsfront kurz zusammengefasst: Über eine Briefkastenfirma in Malta und auf Guernsey ist Bono an einem Einkaufszentrum in Litauen beteiligt. Diese, übrigens eher kleine Investition wirft insbesondere deshalb kein gutes Licht auf den Musiker, da Bono seit Jahrzehnten als Weltretter auftritt und für das Gute und Faire in der Welt streitet. Man kann ihm also Heuchelei vorwerfen, und einige tun das auch. Zudem versteuert die Band ihre Lizenzeinnahmen etwa für Tassen und T-Shirts seit mehr als zehn Jahren in den Niederlanden, weil das günstiger ist als in Irland. Und Bono hat mit einem frühen, vorbörslichen Investment in Facebook mutmaßlich mehr Geld verdient als mit allen ausverkauften Stadionkonzerten zusammen. „Nur weil du ein Philanthrop und Aktivist bist, musst du kein dummer Geschäftsmann sein“, sagte Bono, der wie die gesamte Band momentan übrigens keine Interviews gibt, bereits 2015, und damit hat er natürlich auch wieder recht.

Das Album als solches hat die teils überzogene Häme, die jetzt auf Bono (57) einprasseln, nicht verdient. „Songs Of Experience“ ist ein durchaus mitreißendes, vielschichtiges, üppiges, überzeugendes und leidenschaftliches Werk der vier Iren. Das Album, an dem U2 gut zweieinhalb Jahre tüftelten, ist Fortsetzung und Gegenstück von „Songs Of Innocence“, das im Herbst 2014 erschien. Dieses Mal veröffentlichen sie wieder ganz klassisch, und überhaupt: Wer „Songs Of Experience“ als Rückbesinnung auf die Wurzeln von U2 beschreibt, der liegt damit nicht falsch. „Uns war wichtig, dass die Songs ohne Tricks funktionierten“, so beschreibt Bono – vor den Enthüllungen – den Ansatz gegenüber einer amerikanischen Musikzeitschrift. „Jedes Stück haben wir probeweise im Studio quasi nackt ausgezogen und gespielt. Nur wenn es uns dann immer noch bewegte, kam es aufs Album.“ Die Balance zu halten zwischen dem bewährten U2-Sound und modernen Einflüsse, das sei eine wichtige Überlegung gewesen. „Es ist uns schon wichtig, dass wir ein Teil der aktuellen Musikkultur sind und nicht nur eine Altherrenband“, so Gitarrist The Edge. „Produktion, Songwriting und Melodiestruktur sollten zugleich unmissverständlich U2 sein.“

Das hat funktioniert, aber es war, wie immer bei U2, kein einfaches Unterfangen. Wieder hat die Band mit einer ganzen Reihe von Produzenten gearbeitet, die mal eher dem Pop, mal eher dem Rock und auch mal einem Hauch von Hip-Hop-Einfluss zugeneigt sind, mit von der Partie sind Jacknife Lee, Ryan Tedder, Steve Lillywhite, Andy Barlow und Jolyon Thomas.

Und während man schrieb und aufnahm und zwischendurch auch noch die große Welttournee zum dreißigsten Jubiläum des „The Joshua Tree“-Albums absolvierte, färbte sich die Weltpolitik zunehmend dunkel ein. „Plötzlich entwickelte sich die Welt wieder weg von Fairness und Gerechtigkeit“, so Bono, und diesen Zustand habe man mit aufnehmen wollen in die Lieder.

So überarbeitete man zum Beispiel „The Blackout“, eine musikalisch total lustige, tanztaugliche Disconummer, textlich jedoch die Geschichte „einer persönlichen Apokalypse, die sich zur politischen Dystopie ausweitet“. Bono, so ist zu lesen, habe eine Begegnung mit seiner eigenen Sterblichkeit gehabt, was seine Texte deutlich beeinflusst habe. „Im Hinterkopf hat er gedacht“, so The Edge, „was er wohl hinterlassen wird, wenn er nicht mehr ist“. Und Bono ergänzt, dass viele der „Songs Of Experience“ wie Briefe an seine Frau und die gemeinsamen Kinder zu verstehen seien.

Die Liebe, sie ist in der Tat das zentrale Thema auf diesem Album. Mit „Love Is All We Have Left“ beginnt die Platte auf stille, akustische, zu Herzen gehende Weise. Auch das finale „13 (There Is A Light“) klingt zart und zärtlich, aber etwas hymnischer. Dazwischen spielt sich eine Menge ab. Gitarre, Bass und Schlagzeug klingen wieder ruppiger und kantiger als auf dem doch recht uneckig produzierten „Songs Of Innocence“.

Logisch ist auch, dass es ganz ohne Anti-Donald-Trump-Wut nicht geht. „Wäre komisch gewesen, wenn wir Trump ignoriert hätten“, sagt The Edge, und so bekommt der US-Präsident im Text von „American Soul“ ein paar kräftige und hochverdiente Hiebe in die Seite. Musikalisch ist der Song schön funky bis sexy, alte Fans könnten sich an „New Year’s Day“ erinnern. Aber es gibt natürlich auch einige große Balladen. „The Little Things That Give You Away“ ist ruhig und erhaben und schön, zugleich geht Bono hier erneut recht kritisch mit sich ins Gericht und wird sehr persönlich.

Hymne aufs Durchhalten

„Landlady“ ist hübsch und intim, während „Love Is Bigger Than Anything In Its Way“ mit großen Chören das U2-hymnigste aller neuen Lieder ist. Richtig poppig werden sie – so man vom eingängigen „You’re The Best Thing About Me“ absieht – nur einmal, „Summer Of Love“ erinnert ein wenig an einen Robin-Schulz-Hit, aber dafür geht es hier inhaltlich umso tiefer – nachdem Bono auf CNN einen Bericht über einen Mann in Aleppo sah, der mitten im Bürgerkrieg unverdrossen seinen Garten hegte, schrieb er diesen Text über trotziges Durchhalten unter widrigen Umständen. Womöglich denkt er dabei auch an sich selbst.

Das Album: U2, Songs Of Experience, Universal

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Chris

    Alle Achtung, Herr Rüth. Die fast einzige SOE Plattenkritik die die Paradise Papers zwar erwähnt, durchaus auf eine kritische, aber dennoch faire Art und Weise, und die nicht die (herausragende musikalische) Qualität von SOE daran bemisst.

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