Mittwoch, 27.02.2013

Inquisition in bayerischen Wäldern

Hirnloses Spektakel: In „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“ ballert ein Geschwisterpaar im Dauergefechtsmodus sein Kindheitstrauma weg.

Von Martin Schwickert

Famke Janssen spielt die sexy Oberhexe Muriel in „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“. Foto: Paramount / David Appleby
Famke Janssen spielt die sexy Oberhexe Muriel in „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“. Foto: Paramount / David Appleby

Nicht nur in Deutschland, auch in Hollywood wurde das Grimm-Jubiläum gebührend gefeiert. Gleich vier Großproduktionen, die sich mehr oder weniger frei der Interpretation Grimmscher Kinder- und Hausmärchen widmeten, ließen die US-Studios vom Band laufen.

„Twilight“-Regisseurin Catherine Hardwicke erzählte mit ihrer Rotkäppchenversion „Red Riding Hood“ das Märchen als Geschichte über das Erwachsenwerden. Rotkäppchen kämpfte hier mit jugendlichem Elan für eine verbotene Liebe und trat gegen das dörfliche Establishment an, das von Aberglaube und Inquisition beherrscht ist.

Dann folgten zwei Versionen von „Schneewittchen“ – ein Stoff, auf den im amerikanischen Kino lange der Animationsklassiker der „Disney“-Studios das Auslegungsmonopol besaß. Tarsem Singhs „Spieglein, Spieglein“ stellte Julia Roberts als böse Königin ins Zentrum des Interesses und schuf ein humorvolles Update des klassischen Märchenstoffes. Als düsteres Fantasy-Gemälde legte Rupert Sanders seinen „Snow White And The Huntsman“ an, der die Beziehung zwischen Schneewittchen und dem Jäger freizügig ausbaute und die Königstochter vom verfolgten Opfer zur Anführerin eines Rückeroberungsfeldzuges aufsteigen ließ.

Noch freier geht nun Tommy Wirkolas „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“, der im Studio Babelsberg und in deutschen Wäldern gedreht wurde, mit der Vorlage um. Wirkola erzählt die Geschichte dort weiter, wo sie bei den Gebrüdern Grimm aufhörte.

Lautstarke Langeweile

Nach ihren schrecklichen Kindheitserlebnissen im tiefen dunklen Wald haben die Geschwister im Erwachsenenalter ihr Trauma zum Beruf gemacht. Hänsel (Jeremy Renner) und Gretel (Gemma Arterton) verdingen sich im mittelalterlichen Bayern als freiberufliche Hexenjäger. Ins schöne Augsburg werden sie gerufen, als dort mehrere Kinder spurlos verschwinden und Hexen unter dringendem Tatverdacht stehen. Polizeichef Berringer (Peter Stormare) zeigt sich wenig angetan vom professionellen Beistand der kampferprobten Geschwister.

Aber als schon in der nächsten Nacht ein Hexenkommando die Stadt überfällt, erhält das Duo vom Bürgermeister (Rainer Bock) den Auftrag, den Kidnappern das Handwerk zu legen. Und auf geht es, von lästigen narrativen Ansprüchen befreit, im Dauergefechtsmodus mit Armbrust, abgesägten Schrotflinten und selbst gebastelten Maschinengewehren gegen die kreuzgefährliche Hexenübermacht. Die Hexen sehen hier übrigens eher aus wie Zombies, sodass die hässlichen Monster ohne moralische Bedenken reihenweise abgeknallt, enthauptet oder effektvoll zur Explosion gebracht werden.

Die Oberhexe darf gelegentlich in das attraktive Antlitz von Famke Jansson schlüpfen, damit Gemma Arterton als Gretel im Amazonen-Lederoutfit nicht allein fürs Sexappeal zuständig ist. Um bei politisch überkorrekten Kritikern nicht unter Inquisitionsverdacht zu geraten, unterscheiden die Filmemacher sauber zwischen bösen Hexen, die als entmenschlichte Latexmonster durch die Luft wirbeln, und guten Hexen mit langem roten Haar, die kräuterkundliches Wissen und übernatürliche Kräfte zum Wohle der Menschheit einsetzen, den Helden liebevoll verarzten und mit ihm aus therapeutischen Gründen auch schon einmal nackt im Bergsee baden – bis der nächste Angriff der Killerhexen startet und Hänsel wieder seinen ballernden Verpflichtungen nachkommen muss.

Über den Großteil seiner glücklicherweise nur 86 Minuten währenden Existenz auf der Leinwand ist „Hänsel & Gretel: Hexenjäger“ von einem überdimensionalen Videospiel kaum zu unterscheiden. Nur dass im Kinosessel die USB-Anschlüsse für die Gamepads fehlen und man wehrlos der lautstarken Langeweile des hirnlosen Spektakels ausgesetzt ist.

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