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Sonntag, 11.02.2018 Zelluloid-Erinnerungen

In Ost und West gefragt

Sonja Sutter hält es mit der Devise „Selbst ist die Frau“ und macht große Karriere.

Von Heinz Fiedler

Sonja Sutter im Defa-Film „Lissy“.
Sonja Sutter im Defa-Film „Lissy“.

© Archiv Berger

Wer sich auf dem weiten Feld sprichwörtlicher Zitate umschaut, kommt bald dahinter, dass es in puncto Gleichberechtigung Nachholebedarf gibt. Man sagt bekanntlich „Selbst ist der Mann“ und meint damit, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Doch wie verhält es sich mit „Selbst ist die Frau“?

Das scheint bis jetzt eine nicht in Umlauf gebrachte Weisheit zu sein, obwohl sie vollauf gerechtfertigt wäre. Sie trifft zum Beispiel auf die 1931 in Freiburg/Breisgau geborene Bankierstochter Sonja Sutter ohne Abstriche zu. Als für das Mädchen feststeht, dass sie zur Bühne will, lernt sie ein Dutzend Werke der Weltliteratur auswendig. Mit 19 glaubt sie, dass sie den Schritt ins Rampenlicht wagen kann. Ihr Debüt am Stadttheater Freiburg als Wedekinds „Lulu“ kann sich sehen lassen.

Die unausgebildete Anfängerin gefällt auf Anhieb. Die nächste Station ist um einige Grade passabler. An der Seite des renommierten Werner Krauss geht sie als Inken Peters in Gerhart Hauptmanns Drama „Vor Sonnenaufgang“ auf eine mehrwöchige Deutschlandtournee. Bei allen bisherigen Erfolgen fühlt sich Sonja Sutter als eine Lernende, die das Spiel hochrangiger Kolleginnen und Kollegen intensiv studiert. Über Stuttgart und Hamburg kommt sie nach München, wo sie am Kammertheater ihr Repertoire beträchtlich erweitern kann. 1959 folgt die Freiburgerin einem Ruf des Wiener Burgtheaters.

Fast 40 Jahre hält sie dem Musentempel der Schauspielerelite die Treue, verkörpert fast 70 Bühnenrollen von Kleists „Penthesilea“ bis zu Nestroys „Lumpazivagabundus“ und wird mit der Verleihung des Titels Kammerschauspielerin geehrt. Von 1959 an gastiert sie regelmäßig bei den Festspielen in Salzburg, Bregenz und Bad Hersfeld.

Von Luis Trenker entdeckt

Der Film kommt 1952 mit Ufa-Bergfilmer Luis Trenker (1892 – 1990). Ein erfahrener Mann, der unter anderem den Stars Luise Ullrich, Viktoria von Ballasko und Marianne Hold die Wege zu Leinwandruhm geebnet hat. Trenker möchte einen Heimatfilm mit der Burgschauspielerin machen. Er braucht keine süße Dutzendschönheit, die an diversen Bars eine gute Figur abgeben. Ihm liegt vielmehr an einer kraftvoll-herben Frauenpersönlichkeit, so wie die Sutter. Die Probeaufnahmen fallen bestens aus. Doch irgendwie kommt etwas dazwischen, Trenker wird nicht mit ihr filmen. Regisseur Slatan Dudow springt ein und verpflichtet die Künstlerin 1952 für die von ihm inszenierte Defa-Produktion „Frauenschicksale“. Eine muntere Geschichte vor ernsthaftem Hintergrund.

Vier vom Wesen her verschiedene Frauen aus Ost- und Westberlin auf der Suche nach etwas Glück. Für die Sutter ein gelungener Kino-Einstieg. Ihr eigentlicher Durchbruch ergibt sich aus dem 1957 von Konrad Wolf inszenierten Lissy-Film, nach dem 1937 von F. C. Weiskopf in der Emigration verfassten Roman „Die Versuchung“. Die Freiburgerin als Arbeitertochter, die einen SA-Angehörigen (Horst Drinda) ehelicht – ein Bündnis, das tragisch endet. In Berlin-West übernimmt sie in dem Familienepos „Die Barrings“ mit Paul Hartmann und Lil Dagover sowie in dem Melodram „Meines Vaters Pferde“ an der Seite von Curd Jürgens Hauptrollen. Sonja Sutter zählt zu den wenigen Künstlerinnen, die bis zum Mauerbau in Ost und West arbeiten können. An Angeboten fehlt es nicht, sie steht für 40 Kino- und TV-Filme vor der Kamera. Ihre letzten Jahre verbringt die mit einem Arzt verheiratete Charakterschauspielerin in einem Künstlerheim in Baden bei Wien, wo sie am 2. Juni 2017 86-jährig von der Bühne des Lebens abtritt. Tochter Carolin ist als Schauspielerin und Sängerin künstlerisch tätig.

Unser Kolumnist schreibt seit 1948 für die SZ und ist Zeitzeuge verflossener Kinojahrzehnte. Sie erreichen ihn per E-Mail: sz.feuilleton@ddv-mediengruppe.de.

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