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Donnerstag, 11.01.2018

Impuls des großen Franzosen

In Görlitz-Zgorzelec locken die zweiten Messiaen-Tage mit erlesenen Angeboten.

Von Karsten Blüthgen

Beinahe vergessen war der Ort am südöstlichen Rand der Doppelstadt Görlitz-Zgorzelec. Sechs Nachkriegsjahrzehnte haben einen Wald wachsen lassen über dem einstigen Gefangenenlager Stalag VIII A. 120 000 Menschen verschiedener Nationen wurden hier während des Zweiten Weltkriegs registriert. Jeder Zehnte überlebte die Lagerzeit nicht. Zu den Insassen zählte der französische Komponist Olivier Messiaen (1908 – 1992). Dieser schrieb 1941 für die im Lager verfügbaren Stimmen Klavier, Violine, Violoncello und Klarinette das „Quatuor pour la fin du temps“ – „Quartett auf das Ende der Zeit“. Es sollte ein Schlüsselwerk der Musikgeschichte werden – wegen seiner Besetzung, seiner Symbolik der Verbundenheit, wegen der singulären Qualität.

Am 15. Januar 2008, im Jubiläumsjahr Messiaens, an einem so bitterkalten Tag wie zur Uraufführung vor exakt 67 Jahren, wurde das Quartett am historischen Ort wiederaufgeführt. Seitdem erklingt es hier jährlich, mit stets wechselnden Interpreten, doch nicht nur das. Der Verein „Meetingpoint Music Messiaen“, der für die Initialzündung sorgte, lässt ein Umfeld wachsen. Nach Jahren im Zelt findet das Konzert seit 2015 im Europäischen Zentrum für Erinnerung, Bildung, Kultur statt, das am Rand des einstigen Lagers erbaut wurde. Und seit letztem Jahr gibt es um den Tag herum ein kleines Festival, dass Messiaens Werk als Impuls begreift und Konzerte und mehr an verschiedenen urbanen Orten dies- und jenseits der Grenze bietet.

Mit „Musik zwischen Gipfeln und Abgründen“ eröffnet die Sinfonietta Dresden unter Milko Kersten die Messiaen-Tage am Freitag. Am Samstag bieten Museen der Doppelstadt Sonderführungen, die die Zeit des Nationalsozialismus in Görlitz und Schlesien erhellen, und weitere Konzerte, wobei Nachtschwärmer die Live-Elektronik von Franz Danksagmüller nicht verpassen sollten. Am Sonntag entwirft Schauspielerin Blanche Kommerell ein literarisches Porträt Messiaens. Das Lutoslawski Quartett wartet mit einem besonderen deutsch-polnischen Programm in der Synagoge Görlitz auf. Der Montag steht im Zeichen des Gedenkens am einstigen Lager, bietet Angebote für deutsche und polnische Schüler und mündet in das „Quartett auf das Ende der Zeit“, gespielt von Musikern des Lutoslawski Quartetts und Gästen.

2. Internationale Messiaen-Tage Görlitz/Zgorzelec; 12. bis 15.1., Karten/Infos unter 03581 474747

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