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Donnerstag, 12.10.2017

Im Rücken der Kunst

Der Sammler Egidio Marzona gibt in Dresden erste Einblicke in sein millionenschweres Archiv der Avantgarden, das er Sachsen geschenkt hat. Wer lässt sich davon locken?

Von Rafael Barth

Ein Freund von Kunst, Tier und Genuss: Egidio Marzona mit seinem Hund Anton bei einem Besuch der Sächsischen Zeitung in seinem Berliner Haus.
Ein Freund von Kunst, Tier und Genuss: Egidio Marzona mit seinem Hund Anton bei einem Besuch der Sächsischen Zeitung in seinem Berliner Haus.

© kairospress

Ein Diaprojektor wirft Fotos von farbstarken Teppichen an die Wand, gestaltet vom italienischen Grafiker Alighiero Boetti in den Achtzigern. Aus Lautsprechern hört man Mädchenstimmen, ein Hörspiel des Philosophen Walter Benjamin. Elegante Stühle reihen sich zu Dutzenden in den Regalen. Mit einer Tintenzeichnung auf Transparentpapier schlägt der französische Fluxus-König Robert Filliou 1969 eine neue Toilettenordnung vor: Es gibt Türen für Herren, Damen und Künstler.

Es sind vier Beispiele für Werke, die Vorreiter ihrer Disziplinen im 20. Jahrhundert gestaltet haben. Vier Schlaglichter auf eine Sammlung, die aus anderthalb Millionen Teilen besteht. Zusammengetragen hat sie der deutsch-italienische Galerist und Verleger Egidio Marzona seit den Sechzigerjahren. Eine Sensation war das im vorigen Jahr, als Marzona sein Archiv der Avantgarden (AdA) als Schenkung nach Dresden gab. Ausgerechnet das barocksaumelige Dresden wurde damit zum Hüter von Büchern, Briefen, Fotos, Skizzen, Broschüren aus dem Kreis wegweisender Künstler, Denker und Gestalter. Wenn dabei auch jedes Zettelchen zählt, so haben doch die Staatlichen Kunstsammlungen durch das Geschenk ihren Bestand mit einem Schlag verdoppelt, von 1,5 auf drei Millionen Objekte. Gutachter beziffern den Wert des Archivs auf 120 Millionen Euro.

Allerdings ist dieses Geschenk nicht kostenlos. Der Freistaat investiert 20 Millionen Euro, um das Blockhaus am Neustädter Markt zu sanieren. Dort soll das Avantgarde-Material ab 2021 zu erleben sein. Einen Eindruck davon gibt von nun an eine Reihe kleiner Ausstellungen. Die erste hat am Dienstagabend im Japanischen Palais eröffnet. Dabei erfuhr das Publikum vom Mäzen, wie das riesige Archiv überhaupt zustande kam.

Neugierde aus aller Welt

„Der Zufall spielt die allergrößte Rolle“, sagt Marzona im Gespräch mit der Generaldirektorin der Kunstsammlungen, Marion Ackermann. Die Neugier habe ihn zu immer neuen Schätzen geführt, wobei ihn die Ideen hinter einem Kunstwerk fast mehr interessiert hätten als das fertige Werk. Mit der Zeit sei er dazu übergegangen, statt Einzelobjekte ganze Nachlässe in aller Welt aufzutreiben. Die Sammlung überschreitet Grenzen, weil sie neben bildender Kunst auch Philosophie, Tanz und Literatur berücksichtigt. Wie sich Avantgarden gegenseitig angestachelt haben, werden in Dresden eines Tages neun Mitarbeiter herausfinden. Marzona sagt: „So ein Archiv gibt eine ganze Menge her an Geheimnissen.“ Wer davon profitieren kann?

Marzona nennt drei Zielgruppen. Erstens soll das Archiv wie eine „Batterie“ den Staatlichen Kunstsammlungen einen neuen Schub verschaffen. Zweitens werden sich internationale Forscher mit der Kollektion beschäftigen; Marzona selbst hat schon die Fühler ausgestreckt zum Getty Center in Los Angeles und zu Einrichtungen in Sankt Petersburg, Lódz und Prag. Drittens betonen alle Beteiligten immer wieder, sie wollten die Bürger aus Dresden und der Region anlocken. Kunstsammlungschefin Ackermann sagt, das Archiv solle einen „entscheidenden Anteil am städtischen Leben“ haben.

Falls sie das ernst meinen, müssen die Verantwortlichen manches anders machen als bisher. Die Auftaktausstellung unter dem akademisch verschraubten Titel „System AdA: Reprise und Repetition“ riecht nach einer Angelegenheit für Künstler und Kunstwissenschaftler. Besucher bekommen unter anderem eine Zeitung mit Grafiken in die Hand; was es mit den Farb- und Formexperimenten auf sich hat, wird mit keiner Zeile erläutert. Das ist umso bedauerlicher, da die Archivinhalte um Richtungen wie Konzeptkunst und Minimal Art kreisen, mit denen das Publikum ohnehin schon fremdelt. „Es ist eine sehr schwierige Kunst“, sagt Marzona selbst. Nicht zu vergessen: Der Großteil sind nicht einmal Kunstwerke, sondern Nebenprodukte, abgelagert im Rücken der Kunst.

Da bleibt viel zu klären. Wie lässt sich der Furor der Avantgarde reizvoll vermitteln? In einer Region, in der konservativreaktionäre Strömungen viel Zuspruch haben? Der Lösungsweg wird kniffliger sein als die Entscheidung zwischen den Türen für Herren, Damen und Künstler.

Die erste Ausstellung läuft bis 4.11. im Japanischen Palais Dresden, geöffnet Do/Fr von 11 bis 17 Uhr, zusätzlich am Samstag, 4.11., selbe Zeit. Eintritt frei

In der nächsten Veranstaltung spricht ein Designer über Stahlrohrmöbel: 25.10., 18.30 Uhr, Japanisches Palais

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