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Mittwoch, 17.02.2016

Im Namen des Vaters und des Todes

„Colonia Dignidad“ mit Daniel Brühl ist ein Politthriller über die finstere Geschichte einer deutschen Folter-Sekte in Chile.

Von Oliver Reinhard

Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) erleben 1973 in Chile den Putsch der Generäle mit und landen bald als Gefangene in der berüchtigten deutschen „Colonia Dignidad“.
Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) erleben 1973 in Chile den Putsch der Generäle mit und landen bald als Gefangene in der berüchtigten deutschen „Colonia Dignidad“.

© Majestic

Paul Schäfer, das klingt gemütlich nach den Sechzigern, nach nettem Opa in Pantoffeln, nach Kartoffelfeuer und Laubsägearbeiten. Tatsächlich verbirgt sich hinter diesem Namen einer der berüchtigtsten deutschen Unholde des vergangenen Jahrhunderts: In den Fünfzigern sammelte Paul Schäfer als windiger Laienprediger gläubige Schäfchen um sich, floh 1961 wegen Kindsmissbrauchsverdachts nach Chile, wo er eine deutsche Enklave gründete, seine Anhänger versklavte, ausbeutete, vergewaltigte und die schwer bewachte „Colonia Dignidad“ dem Regime Pinochet als Folterstätte zur Verfügung stellte.

Diesen wahren Begebenheiten hat Florian Gallenberger nun das Schicksal eines Paares hinzuerfunden und tat damit zweierlei: Erstens drehte er endlich mal wieder einen deutschen Polit-Thriller nach besten amerikanischen Vorbildern aus den Siebzigern und zugleich im Stil dieser Zeit. Zweitens will er über das Kino öffentlich Anklage führen, weil die Geschichte der Colonia Dignidad auch zehn Jahre nach Schäfers Verhaftung und sechs nach seinem Tod von den deutschen Behörden nicht ganz aufgeklärt ist und wichtige Akten unter Verschluss bleiben.

Auf der filmischen Ebene funktioniert das ziemlich gut. Es will zwar zunächst nicht recht klappen, dass man die zarte Emma Watson als Lufthansa-Stewardess Lena auf Besuch bei Lover, Fotograf, Plakatkünstler und aktivem Allende-Fan Daniel in Chile voll akzeptiert. Doch an Daniel Brühls Seite klappt das später, nachdem sie während des Pinochet-Putsches verhaftet und getrennt werden und sich irgendwann wiederfinden, doch noch ganz gut.

Während die Agenten der neuen Schreckensherrschaft Daniel in die Colonia verschleppen und dort foltern, verkleidet sich Lena als haltsuchendes Christenmädchen und wird von Guru Paul Schäfer (Michael Nyquist) als Novizin akzeptiert. Geschockt von Brutalität, Unterdrückung und Misshandlungen macht sie Daniel schließlich ausfindig. Der tut, als sei er durch die Folter schwachsinnig, hat die Flucht aber schon vorbereitet. Gekonnt langsam schnürt Florian Gallenberger den Gefahrenstrick ums Heldenpärchen enger und enger und schafft es zum wendungsvollen Finale hin wirklich, dass man im Kinosessel vor Angespanntheit hin und her rutscht.

Da die Zuschauer natürlich von Anfang an auf der richtigen Identifikationsseite sind, teilt man sie zutiefst, die Empörung über den deutschen Botschafter in Santiago de Chile (August Zirner). Der nämlich verspricht den zu ihm Geflohenen Hilfe – und verrät sie heimlich an Paul Schäfer. Damit gelingt auch Gallenbergers zweites Anliegen: die durch lange Recherchen sachlich hinreichend gestützte und dramaturgisch geschickt gestaltete Klage darüber, dass deutsche Behörden und deren Vertreter jahrzehntelang weggesehen, vertuscht, verschwiegen und die Verbrecher-Kolonie damit gar „gerettet“ haben. Aus politischer und wirtschaftlicher Staatsraison dem wichtigen BRD-Partner Chile gegenüber.

So wird „Colonia Dignidad“ sogar zum doppelten Polit-Thriller in bestem historischem Zeitkolorit mit dennoch brandheißem Anliegen.

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