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Im Herz der amerikanischen Rechten

09.12.2017
Von Michael Bittner

er amerikanischen Rechten
Die weiße Bevölkerung in den Südstaaten zog ihren Stolz lange daraus, über den Schwarzen zu stehen. Reiche wie Donald Trump waren keine Feindbilder, und die Durchsetzung der Bürgerrechte empfinden viele Weiße noch immer als Bevormundung des Nordens.

© Beth A. Keiser

Eines immerhin haben die verfeindeten politischen Lager in den Staaten des Westens noch gemeinsam: Linke wie Rechte fühlen ein Unbehagen angesichts des Abgrundes, der sich da innerhalb der Gesellschaften auftut. Zumindest in den Reihen der Linken mehren sich auch die Bemühungen, die gegnerische Seite erst einmal zu verstehen, ohne vorschnell zu verurteilen oder nur zu belehren. Denn unter den Wählern der Rechtspopulisten finden sich auch viele Arbeiter, deren Vertretung früher Sache der Linken war. Warum haben sie die Seiten gewechselt? Wie lassen sie sich zurückgewinnen?

Die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild hat mit dem Buch „Fremd in ihrem Land“ den Versuch unternommen, die „Empathiemauer“ zu überwinden. Hochschild, die lange an der traditionell linken Universität Berkeley in Kalifornien lehrte, nahm für ihr Projekt einige Mühen auf sich. Fünf Jahre lebte sie zeitweise in Louisiana, tief im konservativen Süden der USA, sprach mit Anhängern der Tea-Party-Bewegung, besuchte Gottesdienste und Familienfeiern, schließlich auch eine Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump. Mehr als 4 000 Seiten an Interviews hatte Hochschild am Ende zusammengetragen, mit vielen ihrer Gesprächspartner freundete sie sich trotz aller politischen Gegensätze an. Im Buch erzählt sie nur vom Schicksal einiger ausgewählter Protagonisten. Auf diese Weise gelingt es ihr mit literarischem Geschick, auch bei den Lesern Sympathie für diese Menschen zu wecken.

Ausgangspunkt ist ein „großes Paradox“: Warum wählen weiße Amerikaner der Arbeiter- und Mittelklasse so oft die Republikaner, deren Politik doch vor allem den Vermögenden und Kapitalisten dient? In Louisiana zeigt sich der Widerspruch besonders drastisch: Hochschild erzählt von Menschen, die Haus und Gesundheit eingebüßt haben, weil Öl- und Chemiekonzerne rücksichtslos die Umwelt zerstörten. Dieselben Menschen unterstützen aber Politiker, die sich für die Abschaffung von Umweltbehörden und die Lockerung von ökologischen Vorschriften einsetzen. Ein Mann wie Mike Schaff, eine der zentralen Figuren des Buches, engagiert sich sogar zugleich gegen Umweltverschmutzung und für die Tea Party, die staatlichen Umweltschutz als Kommunismus verdammt.

Der deutsche Leser lernt bei der Lektüre dieser Geschichten zunächst, dass es einen einzigen globalen Rechtspopulismus nicht gibt. Von den deutschen Verhältnissen unterscheiden sich die amerikanischen trotz mancher Gemeinsamkeiten erheblich, die Rechte in den USA funktioniert anders als die in Europa. Eine viel größere Rolle spielen nicht nur christliche „Familienwerte“, sondern auch eine eingefleischte Staatsfeindlichkeit, die jede Maßnahme der Bundesregierung in Washington als Einschränkung der persönlichen Freiheit wahrnimmt. Hinzu kommt die Geschichte der Sklaverei in den Südstaaten: Die überwiegend arme weiße Bevölkerung zog hier ihren Stolz lange daraus, wenigstens noch über den Schwarzen zu stehen. Den Reichen gegenüber empfanden sie nicht Hass, sondern Bewunderung, so wie heute für Donald Trump. Die Durchsetzung der Bürgerrechte auch für Minderheiten empfinden noch immer viele Weiße in den Südstaaten, wo seit den sechziger Jahren die treusten Wähler der Republikaner wohnen, als Bevormundung des Nordens.

Erhellend auch für Europäer ist Hochschilds Einsicht, dass die Zugehörigkeit zu politischen Bewegungen, anders als Linke oft meinen, weniger von ökonomischen Interessen als von Gefühlen und Geschichten abhängt. Hochschild hat eine „Tiefengeschichte“ entworfen, in der sich ihre Gesprächspartner wiedererkannten, weil sie ihre „gefühlte Wirklichkeit“ treffend beschrieben sahen: „Du wartest geduldig in einer langen Schlange, die wie bei einer Wallfahrt auf einen Berg führt. … Gleich hinter der Bergkuppe befindet sich der amerikanische Traum, das Ziel aller, die in der Schlange warten. … Die Sonne brennt, und die Schlange rührt sich nicht vom Fleck. Oder bewegt sie sich sogar rückwärts? … Du siehst, wie Leute sich vordrängen! Du hältst dich an die Regeln, sie nicht. … Schwarze, Frauen, Einwanderer … Ein Mann beaufsichtigt die Schlange … Sein Name ist Barack Hussein Obama. Hey – du siehst, wie er den Vordränglern winkt. Er hilft ihnen und hat für sie besondere Sympathien, die er für dich nicht aufbringt.“

Geschichten wie diese schlummern gewiss auch auf dem Seelengrund vieler Deutscher. Auch sie haben das Gefühl, „ältere weiße Männer“ seien inzwischen zur vernachlässigten, ja unterdrückten Minderheit geworden, zu „Fremden im eigenen Land“. Diese Selbststilisierung zum Opfer hat mit den Tatsachen nur bedingt zu tun, viel aber mit verletzten Gefühlen des Stolzes und fehlender Anerkennung.

Daraus lassen sich Lehren ziehen: Wer die Mehrheit zurückgewinnen will, sollte es vermeiden, nur als Lobbyist von Minderheiten wahrgenommen zu werden. Und wer die Arbeiter ansprechen will, sollte zuerst einmal die Arbeit würdigen, die geleistet wird, bevor er Utopien des bedingungslosen Einkommens entwirft.

Arlie Russell Hochschild: Fremd in ihrem Land. Campus-Verlag, 429 S., 29,99 Euro