erweiterte Suche
Dienstag, 15.03.2016

Im eisigen Süden

Erhaben und unberührt erscheint die schwarz-weiße Welt der Antarktis in Fotografien von heute und einst.

Von Birgit Grimm

Bild 1 von 3

„Antarctica 3“: Hans-Christian Schink kam 2010 als Tourist in die Antarktis.
„Antarctica 3“: Hans-Christian Schink kam 2010 als Tourist in die Antarktis.

© Galerie Kicken Berlin; Galerie Rothamel Erfurt/Frankfurt

  • „Antarctica 3“: Hans-Christian Schink kam 2010 als Tourist in die Antarktis.
    „Antarctica 3“: Hans-Christian Schink kam 2010 als Tourist in die Antarktis.
  • Eisberg mit Pinguinen am 4.12.1898.
    Eisberg mit Pinguinen am 4.12.1898.
  • Ein Herr Dr. Schmidt ordnet 1898 Eis zum Fotografieren an.
    Ein Herr Dr. Schmidt ordnet 1898 Eis zum Fotografieren an.

Abenteuerlust. Ein Forschungsauftrag. Sehnsucht nach Einsamkeit und Stille. Pinguine. Es gibt verschiedene Gründe, die mitteleuropäische Komfortzone zu verlassen und sich in den eisigen Süden zu begeben. Dafür bezahlen immer mehr Menschen immer mehr Geld. Vielleicht wollen sie auch nur die Gewissheit kaufen, ein exotisches und zugleich sicheres Reiseziel gebucht zu haben. Denn außer Wissenschaftlern aus aller Welt wird niemandem ein längerer Aufenthalt in der Antarktis erlaubt. Militär und Wirtschaft müssen fernbleiben. Und von den Touristen, die mit Kreuzfahrtschiffen anreisen, dürfen nicht mehr als einhundert zeitgleich anlanden und sich dort auch nur in einem überschaubaren Areal bewegen.

Der Antarktisvertrag von 1959 erlaubt es Forschern noch nicht einmal, Schlittenhunde mit zum Südpol zu nehmen. Unerreichbar und unberührt erscheint das mit Eis bedeckte Land rund um den Südpol. Ein unwirtliches Paradies in Schwarz-Weiß. Erhaben und weltentrückt. Farbe spenden nur das Blaueis der Gletscher und die Exkremente der Pinguine.

Aus der menschenleere Stille

So erlebte auch Hans-Christian Schink im Januar 2010 die Antarktis. Der gebürtige Erfurter war auf einer Weltreise – als Tourist mit einer analogen Großformatkamera. Der Fotograf, der an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst studiert hatte, widmet seine Arbeit vor allem Lebensräumen, gebauten und natürlich entstandenen. Er fotografierte Verkehrsprojekte der deutschen Einheit und Dorfstraßen im Fläming. Schinks Thema ist das Verhältnis von Zivilisation und Natur. Menschen zeigt er dabei sehr selten.

Erhaben und weltentrückt sind seine großformatigen Antarktisbilder. Man steht ergriffen vor den eisigen Landschaften, fühlt einen starken Sog hinein in die menschenleere Stille. Doch dieser so besondere Landstrich sei in Wahrheit viel banaler und auch gar nicht so still, erzählt der Fotograf: „Hinter mir achtzig Leute in roten Jacken. Vor mir die Pinguine machen einen unglaublichen Lärm und noch mehr Gestank.“ Auf einem seiner Fotos liegt ein gigantisches Skelett im Geröll.

Als wäre der gestrandete Wal von Tieren gefressen, aber dabei nicht bewegt worden. Schink sagt: „Das ist die Hinterlassenschaft einer Walfangstation. Das Skelett hat jemand später anatomisch korrekt drapiert.“ Schinks Fotografien sind Dokument und Kunstwerk zugleich. Das Bild dokumentiert, was der Fotograf zeigen will, und ist von daher auch Fiktion.

Seit 1820 ziehen immer wieder Seefahrer, Forscher, Extremsportler in die größte Eiswüste der Erde. Legendär wurde der Wettlauf zum Südpol im arktischen Sommer zur Jahreswende 1911/12. Der Norweger Roald Amundsen war als Erster da. Der zweite Sieger, der Engländer Robert Scott, verlor alle seine Männer auf der mörderischen Tour und starb auf dem Rückweg.

Aus den Tiefen des Meeres

Echte Kerle müssen auch die Männer um den Zoologen Carl Chun gewesen sein, die am 1. August 1898 in Hamburg zur ersten deutschen Tiefsee-Expedition in See stachen. Einen Dampfer mit dem schönen Namen Valdivia hatten sie zum Forschungsschiff umbauen lassen. Mit Kühlschrank an Bord für die Pflanzen und Tiere, die sie mitbringen wollten. Und mit einer Dunkelkammer, um die Glasplatten zu belichten, auf denen sie zusätzlich festhielten, was die Landschaft zu bieten hatte, was ihnen an unbekannten Lebewesen ins Netz ging auf ihrer neunmonatigen Reise und natürlich auch, was ihnen widerfuhr: Der Kapitän krank in der Hängematte. Ein Expeditionsmitglied umringt von Pinguinen. Eisberge. Ein kleines Aquarium an Bord. Wie festgeklebt. Nur der Schrägstand des Wassers darin verrät die bewegte See.

Vier Wochen waren die Männer in der Antarktis unterwegs und entdeckten in der Tiefe auch leuchtende Meeresbewohner in schillernden Farben. Sie mussten zusätzlich gezeichnet und aquarelliert werden, denn die Kamera konnte nur Schwarz-Weiß. Nach der Reise gab Carl Chun das Buch „Aus den Tiefen des Weltmeeres“ heraus. Es wurde ein Bestseller.

Diese Glasplatten lagerten zusammen mit Forschungsergebnissen und Expeditionsrelikten im Berliner Naturkundemuseum und wurden erst jetzt aus dem Depot geholt, neue Abzüge angefertigt und nun in den Technischen Sammlungen Dresden mit den großformatigen Fotografien von Hans-Christian Schink präsentiert. Ein Schatz der Fotografiegeschichte wurde gehoben, dessen naturwissenschaftlicher Kontext längst ausgewertet ist. Der Vergleich mit den zeitgenössischen Aufnahmen macht Freude und weitet den Blick.

„Scenerie und Naturobjekt“ bis 26. Juni in den Technischen Sammlungen Dresden, Junghansstr. 1-3, geöffnet Di – Fr 9 –17 Uhr, Sa/So/Feiertage 10 – 18 Uhr

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 22:00 Uhr abgegeben werden.