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Montag, 12.02.2018

„Ich bin unbelehrbar“

Der Schriftsteller T. C. Boyle über seine harte Drogenphase, die Klimaerwärmung, Donald Trump und sein neues Buch.

Die Mittelsträhne ist ein Markenzeichen: T.C. Boyle.
Die Mittelsträhne ist ein Markenzeichen: T. C. Boyle.

© Bram Budel/VISUM

Er wuchs in New York mit alkoholkranken Eltern auf und wurde selbst zum Junkie. Dennoch entwickelte sich T. C. Boyle zu einem der bedeutendsten US-Schriftsteller. Seine Bücher werden in 30 Sprachen übersetzt, und seine Live-Auftritte machten ihn zum Rockstar der Literatur. Der 69-jährige wurde mit Auszeichnungen überhäuft, zuletzt mit dem Jonathan-Swift-Preis für Satire und Humor. Soeben erschien mit „Good Home“ eine Sammlung neuer Kurzgeschichten.

Schreiben Sie Kurzgeschichten, um zwischen Ihren großen Romanen in Übung zu bleiben?

Das ist sehr viel mehr als ein Training. Short Storys sind für mich eine eigenständige Kunstform. Diese klare, im Umfang begrenzte Vorgabe fasziniert mich, und ich stürze mich in jede Erzählung mit genauso viel Energie wie in meine Romane. Auf Kurzgeschichten habe ich schließlich auch meine Karriere aufgebaut: 1979 erschien mein erstes Buch „Tod durch Ertrinken“, das aus 17 Short Storys bestand.

Seitdem haben Sie 27 Bücher veröffentlicht, Sie sind unglaublich produktiv.

Das liegt vielleicht daran, dass ich irgendwann mal erkannt habe, dass die meisten Künstler vor ihrem Tod produktiver sind als danach. Also gebe ich Gas, arbeite hart und schaue nach vorn. Es gibt immer etwas, worüber ich schreiben will. Mein nächster Roman dreht sich um den Schweizer Wissenschaftler Albert Hofmann, der 1943 die halluzinogene Wirkung von LSD entdeckt hat.

Ziehen Sie sich für Ihre Schreibphasen noch immer in Ihre Berghütte in der Sierra Nevada zurück?

Das ist überlebenswichtig für mich. Ich brauche die totale Isolation und Einsamkeit für meinen Seelenfrieden. Bei meinem letzten Aufenthalt habe ich mich bei einer Wanderung sogar hinter Büschen versteckt, um nicht von den Insassen eines herankommenden Autos gesehen zu werden – so scheu bin ich in diesen Phasen. Nur Tiere lasse ich dann näher an mich heran.

Tiere tauchen in Ihrem Werk ständig auf. In Ihrem neuen Erzählband wimmelt es vor Ratten, Kampfhunden, Schlangen und Tigern. Was fasziniert Sie an Tieren?

Ich liebe alle Kreaturen unserer Erde! Wäre ich nicht Schriftsteller, würde ich wohl als Biologe arbeiten. Umwelt, Natur und Tiere ziehen mich magisch an. Ich kann stundenlang Krähen und Seevögel beobachten. Und ich bin ein berüchtigter Ratten-Retter.

Wie bitte?

In unserer Nachbarschaft in Santa Barbara sind Ratten nicht gerade beliebt. Die Leute vergiften und töten sie, weil sie die Kabel ihrer SUVs durchknabbern. Also sammle ich die Ratten ein und setze sie fünf Meilen entfernt in den Bergen wieder aus. 160 habe ich schon gerettet.

In Ihrer Ökokalypse „Ein Freund der Erde“ schildern Sie, wie die Erderwärmung die Natur im Jahr 2025 zerstört hat. Nun haben Sie in den USA seit einem Jahr einen Präsidenten, der die Klimaerwärmung leugnet.

Das ist schrecklich. Dieser Clown und seine Leute haben unsere Demokratie in einen Konzern verwandelt. Die Mitglieder der Trump-Administration behaupten, Patrioten zu sein. Aber das sind sie nicht – sie sind gierige, machtgeile Typen und religiöse Fanatiker, die sich auf unsere Kosten bereichern. Aber ich gebe zu: Das Problem bin eigentlich ich.

Wieso das denn?

Ich bin total unbelehrbar und unflexibel, was meine Meinung betrifft: Ich glaube an Demokratie, Menschenrechte, Bildung, Umweltschutz, Gleichberechtigung, ein öffentliches Gesundheitssystem und eine multikulturelle Gesellschaft. Das ist das Gegenteil dessen, woran diese Regierung glaubt. Ich hoffe, dass Trumps Wähler bald merken, dass er nichts in ihrem Sinne tut, sondern nur sich und seinen milliardenschweren Freunden nutzt. Diese Entzauberung wird stattfinden, aber bis dahin kann alles kollabieren. Der Schaden ist immens, für die ganze Welt.

Glauben Sie, dass Sie als Schriftsteller etwas dagegen tun können?

Ich bin nicht politisch motiviert, und ich glaube, dass sich Kunst und Politik nicht gut miteinander vertragen. Aber ich mache in meinen Geschichten sehr deutlich, wo ich stehe und welche Themen ich für wichtig halte. Ich habe gerade eine Kurzgeschichte über eine Innuit-Gemeinde in Alaska geschrieben, die evakuiert werden muss. Grund ist der steigende Meeresspiegel durch den Klimawandel.

1995 haben Sie in Ihrem Roman „America“ den Grenzkonflikt zwischen USA und Mexiko auf die Spitze getrieben. Einer der Protagonisten spricht dort von einer Art Chinesischen Mauer – genauso wie Trump.

Ja, das habe ich quasi vorhergesehen. In „America“ ging es mir nicht nur um Mauern und Grenzen, sondern um die Dämonisierung einer ethnischen Gruppe. Die Rechten in den USA tun so, als ob die mexikanischen Einwanderer pauschal Kriminelle seien und keinerlei Recht auf ein Leben bei uns hätten. Dabei weiß jeder, dass die Realität anders aussieht. Trumps Megamauer würde ohnehin nichts ändern. In „America“ erzähle ich, wie Kojoten alle Hindernisse überwinden, wenn das Futter auf der anderen Seite ist. Und genauso verhalten sich Menschen: Sie zieht es immer zu den Ressourcen.

Ihre Kurzgeschichte „Good Home“ hat wie viele Ihrer Erzählungen einen Schluss, der alles offenlässt. Warum verwenden Sie diese Form so gern?

Anspruchsvolle Literatur behandelt ihre Leser als gleichwertige Partner. Ich will, dass meine Leser in die Geschichte hineingezogen werden und sie auch nach dem Ende weiterdenken. Diesen Prozess würde ich mit einem klassischen Schluss zunichtemachen. In „Good Home“ kann es zu einer Katastrophe kommen. Oder eben auch nicht. Das überlasse ich der Fantasie meiner Leser. So wird das Lesen zu einem doppelten Abenteuer.

Sie schreiben nicht nur anders, sondern kleiden sich auch anders als die meisten Menschen Ihres Alters. Waren Sie schon immer so selbstbewusst, Ihren eigenen Weg zu gehen?

Ich glaube tatsächlich, dass das Unangepasste und meine Lust, gegen Autoritäten aufzubegehren, aus meiner Jugend kommt. Auch mein schräger Humor hat da seine Wurzeln. Ich hing meistens mit einer Gruppe kluger jüdischer Jungs aus meiner Nachbarschaft rum, und wir träumten von einer freien Gesellschaft.

Als junger Erwachsener haben Sie Ihre Freiheit aber arg strapaziert, oder?

Ich habe zwar mit 20 Heroin gespritzt und so ziemlich jede Pille geschluckt, die ich kriegen konnte. Nach diesem ganzen dirty shit habe ich allerdings mein Talent erkannt und gespürt, dass ich nur noch fürs Schreiben leben will. Ich habe studiert und mir einen Doktortitel erarbeitet, sprich: Ich bin erwachsen geworden. Seit diesem Umbruch habe ich alles meiner Kunst untergeordnet, habe keinen Scheiß mehr gebaut und niemandem geschadet. Das ist mein Leben, und das werde ich nicht gefährden. Drogen passen da nicht mehr rein.

Das scheint Ihnen gutzutun. Ende des Jahres werden Sie 70 – aber Sie wirken deutlich jünger. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Ich bin noch fit, weil ich ein unverfälschtes Leben gelebt habe. Ich habe mich nicht verbogen, für niemanden. Und süchtig bin ich nur noch nach Literatur und Natur.

Interview: Günter Keil

T. C. Boyle: Good Home. Hanser Verlag, 432 S., 23 Euro

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