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Montag, 25.01.2016

Ich bin Polizei

Der Tatort „Totenstille“ überrascht mit Gehörlosen und kontroversen Blicken auf benachteiligte Menschen.

Von Rafael Barth

So sieht Wahrheit in Gebärdensprache aus. Kommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) lernt die Zeichen, um unter Gehörlosen zu ermitteln.
So sieht Wahrheit in Gebärdensprache aus. Kommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) lernt die Zeichen, um unter Gehörlosen zu ermitteln.

© dpa

Es ist fast wie im Kirchenblättl: Freud und Leid sind einander verdammt nah. Während Trauergäste im Hotelcafé den Leichenschmaus für den Gründer einer Gehörlosenschule abhalten, gibt es einen Stock höher drogengestützten Fremdgehsex. Dabei stirbt die Frau. Ihre Leiche würde der Mann, um sein bürgerliches Eigenheimfamilienglück zu sichern, gern verschwinden lassen. Und während er seinen Plan vom Autositz aus ins Telefon spricht, liest ihm einer der hörbehinderten Trauergäste das böse Geheimnis von den Lippen ab. So beginnt die Erpressung.

Der Saarbrücker Tatort „Totenstille“ vom Sonntag schaut sich um in der Welt von Menschen, die nichts oder kaum etwas hören. Sie bleiben oft unter sich, abgeschirmt vom Ticken der Welt drumherum. Doch gerade diese unsichtbare Grenze sorgt im insgesamt durchschnittlichen Krimi für reizvolle Momente. Regisseur Zoltan Spirandelli lässt in der Wohnung des gehörlosen Erpressers durch Lichtsignale ein Türklingeln anzeigen. Und manchmal dreht er den Ton ganz ab. Mit dieser Spielerei kitzelt er die Sinne der Zuschauer und erinnert die meisten daran, wie viel sie sonst nur unbewusst wahrnehmen. Der Effekt kommt dem gewöhnlichen Abschnurren eines Fernsehabends erfrischend in die Quere. Da dürfen die Kollegen Filmemacher gern weiter experimentieren.

Was diesen Tatort außerdem hervorhebt, sind die kontroversen Blicke auf behinderte Menschen. Manche fühlen sich benachteiligt, so der gehörlose Ben. „Wir sind ja eh immer die Verarschten“, lässt der wütende Mann über eine Gebärdendolmetscherin ausrichten. „Wenn wir uns nicht wehren, können wir uns eigentlich gleich erschießen.“ Doch gerade Bens Beispiel zeigt, dass eine Behinderung nicht die Moral hebt. Er erpresst jenen Fremdgeher, der die Frauenleiche verschwinden lässt. Auch Ben ist Täter. Anderswo fühlt sich ein Mann als Opfer, der über das Aufwachsen mit einer gehörlosen Schwester spricht: „Es ist die Hölle, weil alle immer nur um die arme Behinderte herumtanzen.“

Es schlagen die Emotionen hoch, hier ein Hieb, da ein Messerstich, und wie so oft beim Tatort sind es ein paar Einfälle zu viel für anderthalb Stunden. Auch mit der Glaubwürdigkeit ist es nicht weit her: Dass Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink für die Saarbrücker Gehörlosen-Gemeinschaft gleich mal eine Party schmeißt und mit einer eben noch Verdächtigen rumknutscht, geht bestenfalls der Heiterkeit wegen durch.

Dabei ist Heiterkeit nichts, was dem Kommissar fremd wäre. Mit Freude lernt er die Gebärdensprache, um sich in Zivilkleidung bei Hörgeschädigten auch mal vorstellen zu können. Doch so richtig bekommt Devid Striesow die Hauptfigur nicht zu fassen, springt hin und her zwischen auffahrend, herablassend, schelmisch, einfühlsam. Vielleicht liegt es an Striesows abnutzender Dauerpräsenz, dass er, der als Film- und Theaterschauspieler Hervorragendes geleistet hat, sich als Tatort-Darsteller im Mittelmaß bewegt.

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