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Samstag, 07.10.2017

„Ich bin neugierig, was mich erwartet“

Startrompeter Till Brönner kehrt als Professor zurück nach Dresden und sieht sein Konzert im Kulturpalast eindeutig als Heimspiel.

Till Brönner startet seine Deutschland-Tour am Donnerstag im Dresdner Kulturpalast und sieht zugleich großes Potenzial in der hiesigen Szene. Die wird er ab 2019 als Professor an der Musikhochschule auch wieder aktiv mitgestalten.
Till Brönner startet seine Deutschland-Tour am Donnerstag im Dresdner Kulturpalast und sieht zugleich großes Potenzial in der hiesigen Szene. Die wird er ab 2019 als Professor an der Musikhochschule auch wieder aktiv mitgestalten.

© Sony

Er ist nicht nur Deutschlands prominentester Jazztrompeter, Till Brönner fuhr und fährt auch Erfolge als Sänger, Produzent und Fotograf ein. Als Juror mischte er zudem in der Vox-Castingshow „X Factor“ mit. Doch am wohlsten fühlt er sich an der Seite einer spielwütigen Band – egal, ob in einem kleinen Klub oder in einem Konzertsaal. Vor seinem Auftritt im Dresdner Kulturpalast spricht er im Interview darüber, was ihn mit Dresden verbindet, über den Stellenwert des Jazz in Deutschland und über Erfolg.

Herr Brönner, ist es Zufall oder alte Verbundenheit, dass Sie Ihr erstes Deutschland-Konzert in Dresden spielen?

Ich denke, es ist diesmal ein Zufall, aber ein sehr schöner. Ein bisschen Heimspiel – so empfinde ich es mittlerweile.

Was bedeutet es Ihnen, im hochgelobten neuen Kulturpalast-Saal zu spielen?

Nun, da muss ich ehrlich sein: Einer meiner größten Flops fand im Kulturpalast statt – im alten allerdings. Ich werde nie vergessen, wie ich das sehr spärlich versammelte Publikum bat, sich doch in den ersten zwei, drei Reihen zu versammeln, damit wir unter uns sein können. Es herrschte gähnende Leere. Mal sehen, ob der neue Palast mich diesmal ein wenig fairer behandelt.

Haben Sie besonderen Respekt vor der Akustik?

Das habe ich eigentlich nie, denn was macht es für einen Unterschied? Soll ich anders spielen, als ich es sonst täte? Nein, ich bin heute gewöhnt, es mit jeder Akustik aufzunehmen, die uns der Abend beschert. Ich bin aber neugierig, was mich in Dresden erwartet.

Auf Ihrer Tour spielen Sie ohnehin nur in noblen Hallen. Fühlen Sie sich da wohler als in Jazzklubs?

Nein, ich mag beides. Der Klub, das sind meine Wurzeln – und natürlich gastiere ich auch nach wie vor in kleinen Häusern. Die Stimmung ist schlicht nicht zu vergleichen, verzichten möchte ich auf keine der beiden Varianten.

Welchen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach der Jazz hierzulande?

Wenn man von ein paar Ausnahmen absieht, die kommerziell auch einem breiten Publikum vermittelbar sind, dann ist Jazz sicher eher etwas Elitäres. Musik für Menschen, die kulturellen Anspruch für sich reklamieren und nicht das hören, was jeder hört, wenn er ins Auto steigt. Das kann auch problematisch sein.

Sind Sie mit diesem Zustand zufrieden?

Ich war damit noch nie zufrieden. Wer sich meine Platten anhört, der hört nicht nur einen Trompeter, sondern auch den Spaß, den ich am Entertainment habe. Mir war immer mal wieder die Schnittmenge wichtig, die das beinhaltet, was mir selbst und einer Mehrheit gefällt. Es gibt aber auch Projekte, die ich völlig abkopple von Verkaufszahlen, weil es um nichts anderes als die Schärfung meines künstlerischen Profils geht.

Sie haben einen Wohnsitz in den USA und sind auch dort erfolgreich. Worin unterscheidet sich die dortige Szene von der in Deutschland?

Jazz ist in den USA nicht erfolgreicher als hierzulande. Eher im Gegenteil, wenn man ehrlich ist. Aber in Los Angeles, wo ich lebe, wird diese Musik mit einer Selbstverständlichkeit gespielt, die man nur dem Herkunftsland dieser Musik zuschreiben kann. Das kennen Filmschauspieler genauso wie Künstler oder Fotografen. Das Terrain liefert eine Menge Authentizität und Stoff, aus dem die Träume sind. Viele Zeitzeugen leben auch dort, die man nur trifft, wenn man selber dort verkehrt.

Sie haben als einziger Deutscher, als Barack Obama noch Präsident war, mit einer All-Star-Band im Weißen Haus gespielt. Wünschten Sie sich, die Offiziellen hierzulande würden mehr für den Jazz tun?

Klares Ja. Wer die Presse ein wenig verfolgt hat, der hat sicher bemerkt, dass mein Bestreben, in Berlin das offizielle deutsche „House of Jazz“ zu bauen, ungebrochen ist. Es gibt geeignete Orte dafür und auch Geld. Natürlich nie genug, und die Angst schwingt immer mit, es könnte am Ende keinen interessieren. Aber Deutschland hat seit Ende des Krieges kein offizielles Dach für den Jazz, obwohl sich deutscher Jazz trotz der Nazi-Katastrophe weltweit großer Beliebtheit erfreut. Hier gilt es jetzt dranzubleiben, dann gibt es auch demnächst gute Nachrichten und etwas zu feiern, von dem die Kulturwelt weltweit Notiz nehmen wird.

Ist es noch immer so, dass viele deutsche Jazzer Popularität eher als etwas Lästiges ansehen und sich in der Nische wohlfühlen?

Vielleicht. Ich kann aber nur für mich selbst sprechen. Für mich macht es Sinn, die eigene Karriere auch als Künstler selbst in die Hand zu nehmen.

Warum machen das andere anders?

Na ja, es bedeutet viel Arbeit und eine Menge Zeit, die einem vom Üben am Instrument abgeht. Außerdem haben wir es in den heutigen Medien meist mit Menschen zu tun, die das Wort Jazz gleichsetzen mit Katzenmusik. Da ist eine Menge Überzeugungsarbeit nötig, wenn man nicht bereits ein Star ist.

Wieso kommen Sie so gut damit zurecht? Immerhin dürften Sie der einzige deutsche Jazzmusiker sein, den auch Nicht-Jazz-Konsumenten kennen.

Ich arbeite seit über dreißig Jahren an diesem Umstand. Das kann man mit keinem Tipp aufwiegen. Darüber hinaus bin ich zu einer Zeit groß geworden, die noch ein paar Plattformen mehr für den Jazz übrig hatte, als heutzutage.

Ist deutscher Jazz vielleicht auch zu akademisch, um zu zünden?

Zu akademisch? Nein. Aber die Erwartung geht in die Richtung. Das hat auch seinen Ursprung in der Zeit, als die Überpräsenz amerikanischer Musiker und deren Stil in Deutschland sehr hoch war. Man musste sich schlicht um einen eigenen, wiedererkennbaren Ansatz bemühen. Das war wohl die eigentliche musikalische Geburtsstunde von Albert Mangelsdorff.

Haben Sie eigentlich noch Verbindungen zur Dresdner Musikhochschule?

Natürlich. Meine Rückkehr dorthin ist für 2019 geplant.

Wie haben Sie Ihr erstes Engagement an dieser Schule in Erinnerung?

Sehr gut! Dresden ist für Studenten ein gutes Pflaster, finde ich. Man hat die Chance, der Musik in Ruhe nachzugehen, sich untereinander auszutauschen. Die Lebenshaltungskosten sind geringer als in Köln oder Berlin, und das Kollegium kann sich wirklich sehen lassen. Der Geist an dieser Musikhochschule ist ideal.

Ist Dresden aus Ihrer Sicht generell eine gute Adresse für Jazz? Hat die hiesige Szene Potenzial?

Potenzial ist immer relativ. Dresden hatte immer eine starke Dixieland-Szene. Unsere Ausrichtung am Institut ist eine eher moderne und ja, auch berufsorientierte. Bundesweit ist Dresden als Jazzstandort noch weiter ausbaubar. Da ist Berlin sicher auch kein ganz fairer Vergleich. Aber ich höre mich um und merke, dass Bewegung in der Szene ist. Und darum geht es am Ende.

Das Interview führte Andy Dallmann. Das Album: Till Brönner, The Good Life. Sony Das Konzert: 12.10., 20 Uhr, Kulturpalast, Dresden, Karten gibt es in allen SZ-Treffpunkten.