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Freitag, 13.04.2018

„Ich bin ein wandelndes Geschichten-Lexikon“

Die Leiterin der Dresdner Bürgerbühne über Selbstentblößung, Tabus und politisches Theater.

Miriam Tscholl leitet seit 2009 die Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden. Sie etablierte unter anderem das Montagscafé.
Miriam Tscholl leitet seit 2009 die Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden. Sie etablierte unter anderem das Montagscafé.

© dpa

Vor neun Jahren machte Miriam Tscholl die Dresdner Bürgerbühne zum Erfolgsmodell. Viele europäische Theater zogen nach und arbeiten nun mit Nicht-Profis. Ab nächstem Jahr wird Tscholl die Leitung abgeben. Zeit für einen Rückblick.

Frau Tscholl, welche Geschichte in Ihrer Zeit bei der Bürgerbühne wird Ihnen im Gedächtnis bleiben?

Ich habe wahnsinnig viele tolle, interessante und schräge Menschen kennengelernt. Als ich herkam, hatte ich keine Ahnung von Dresden, aber ich habe so viel über die Zeitgeschichte gelernt. Ich habe das Gefühl, ich bin ein wandelndes Geschichten-Lexikon. Ich habe mit Menschen aus 40 Nationen gespielt, aus nahezu allen Schichten, zu den unterschiedlichsten Themen.

Also keine berührendste Geschichte?

In der Inszenierung von „Die Leiden des jungen Werther“ hat ein Spieler erzählt, wie er sich sein Sterben wünscht. Er plädierte für aktive Sterbehilfe und das Recht auf Selbstmord. Jetzt ist er tatsächlich im Hospiz und stellt sich diese Fragen im realen Leben. Das bewegt mich sehr.

Sie haben 2009 in Dresden die Bürgerbühne als Sparte des Staatsschauspiels aufgebaut. Wie hat sie sich entwickelt?

Damals gab es wenige Vorbilder: Volker Lösch und Rimini Protokoll, das war es eigentlich schon. Jetzt möchten Regisseure, die gut im Geschäft sind, hier arbeiten. Sie bringen Ideen mit. Auch die Menschen in der Stadt sind den Weg mitgegangen. Früher stand in den Zeitungsrezensionen beispielsweise etwas hilflos: „Die Spielfreude hat begeistert“. Die Beschreibungen sind heute viel genauer geworden.

Können die Kriterien denn die gleichen sein? Es ist nun mal Theater mit Laien.

Aber Bürgerbühne heißt eben professionelles Theater mit nichtprofessionellen Laien. Die Rahmenbedingungen müssen die gleichen sein wie in anderen Inszenierungen auch, nur die Spielweisen sind andere.

Was haben Sie in der Bürgerbühne in diesen bisher neun Jahren ausprobiert?

Es gibt so viele Arten, wie man Theater mit Nicht-Profis machen kann, und wir haben viele davon ausprobiert. Man kann das Erlebte des Bürgers auf viele Weisen erzählen: mit Musik, als Dokumentartheater, man kann einen klassischen Text dazunehmen und es mischen oder es anhand eines klassischen Stoffes erzählen. Ich hatte nie das Gefühl, dass die Möglichkeiten zu Ende sind. Je mehr Menschen ich kennenlerne, umso mehr Ideen kommen mir auch für neue Formen und Inhalte.

Vor vier Jahren haben Sie gesagt, Sie würden gern mit Millionären arbeiten, ansonsten hätten Sie alle Einkommensschichten in Inszenierungen abgedeckt. Hat das geklappt, mit den Millionären?

Leider nicht! Was Einkommensschichten angeht, sind wir wirklich quer durch die Stadt gegangen, aber nein, Millionäre haben wir nicht erreicht. Also keine, die es zugegeben hätten.

Wieso nicht?

Zwei Gruppen sind sehr schwierig zu finden und zu überzeugen, bei der Bürgerbühne mitzuspielen: Das sind Top-Manager und Menschen aus dem Niedriglohnsektor. Wir haben Handwerker, Sekretärinnen, Lehrer, wir haben auch viele Geringverdienende und Hartz-IV-Empfänger. Aber Menschen, die mehrere Niedriglohnjobs machen, die haben einfach keine Zeit.

Wie läuft eine Stückentwicklung mit Bürgern ab?

Zu Beginn stelle ich Fragen, ich muss wirklich etwas wissen wollen. Da trete ich als Regisseurin zurück. Dann finde ich ein Gefäß für die Geschichten, ich muss Mut machen und fordern. Es ist ein intensiver Austausch.

Muss man da auch Kontrolle abgeben?

Innerhalb des Improvisierens brauchen die Spieler viel Begleitung. Aber zu Beginn der Arbeit, wenn ich die Geschichten höre, bin ich sehr offen, weil ich darauf angewiesen bin, dass etwas Interessantes kommt. Da bin ich so blank, dass ich regelmäßig denke: Diesmal geht es schief.

Was ist denn, wenn die Menschen nichts Interessantes erzählen?

Wir wählen natürlich auch vorab anhand ihrer Geschichten aus. Aber am Anfang eines Stückes weiß man tatsächlich nicht, wer den Abend trägt. Manchmal öffnet sich jemand wochenlang gar nicht, und aus der Krise heraus ploppt dann etwas auf, und derjenige trägt dann den Abend. Interessant wird es da, wo sich der ganze Mensch mit seiner Geschichte einbringt.

Hatten Sie mal das Bedürfnis, sich von Geschichten abgrenzen zu müssen?

Das Aufnehmen und Erzähltbekommen ist super schön, aber auch super anstrengend. Ich habe schon mit Hunderten von Menschen gearbeitet und wusste manchmal nicht, kann ich noch zuhören? Kann ich die intensiven Beziehungen halten, die in der Arbeit entstehen? Da muss man sich eine Professionalität aneignen, die schade und für die Arbeit vielleicht gar nicht so hilfreich ist.

Geben Sie den Spielern auch mal den Ratschlag: Erzählt das mal lieber nicht?

Natürlich gibt es Momente, wo Menschen sich einfach nur ausschütten wollen und man denkt, das ist ein bisschen zu viel.

Im Internet sind die Menschen zu einem ungeahnten Maß an Selbstentblößung bereit. Merken Sie das auch?

Selbstentblößung ist so ein negativer Begriff. Ich sehe das etwas anders. Bei „Faust“ über Männer in der Midlife-Crisis habe ich die Spieler gefragt: Wollen wir über Depressionen reden oder lieber nicht? Die Gruppe hat sich dann gemeinsam entschieden, das Tabu brechen zu wollen. Wenn ich dazu beitragen kann, dass ein offener Umgang mit so einem Thema möglich wird, und dann sogar noch spielerisch, mit Humor und Leichtigkeit, das ist doch toll. Beim Theaterspielen machen sich die Leute nicht zum Opfer, sondern zum Helden ihrer Geschichte. Damit zeigen sie anderen, denen es auch so geht, dass sie nicht allein sind.

Hat die Bürgerbühne also auch eine politische Funktion?

Ich verstehe meine Arbeit als politisches Theater. Wenn die Spieler für ihre Belange eintreten, hat das im besten Fall Auswirkungen auf politische Prozesse. Es ist auch für die Zuschauenden ein Akt der Toleranz, Menschen zuzuhören.

Gerade in Sachsen gibt es eine hohe Zahl von Menschen, die sich nicht gehört fühlen ...

Ja, eben. Wir hatten in einer Spielzeit ein Stück mit Dynamo-Fans und parallel „Morgenland“ mit Geflüchteten. Die Spieler der einzelnen Inszenierungen laden wir zu den anderen ein, die sehen sich also gegenseitig zu. Wenn da ein bisschen verbale Abrüstung stattfindet, ist schon viel erreicht. Wir sind eine relativ kleine Sparte, und wir tun, was wir können, aber es ist trotzdem nicht viel, so ehrlich muss man sein.

Immerhin: Die Bürgerbühne hatte bisher insgesamt etwa 3 000 Mitspieler.

Ja, und wir können verhältnismäßig viel neues Publikum generieren, weil die Darsteller auch ihre Freunde mitbringen, die unter Umständen vorher keine Theatergänger waren. Gefühlt bleibt es trotzdem ein kleiner Teil in einer Stadt mit 500 000 Einwohnern. Eine Kulturhauptstadt müsste so einen Ansatz eigentlich im großen Maße selbst initiieren.

In etwas mehr als einem Jahr geben Sie die Leitung ab. Wieso?

Ich hatte als Kind ein Lieblingslied, das hieß „Sieben Leben will ich haben“ – ein Kinderlied, aber es ist für mich ein wichtiges Moment:. Das Leben ist kurz, und ich möchte darin aus unterschiedlichen Perspektiven unterschiedliche Wege angehen. Als ich hier anfing, dachte ich, ich mache das fünf Jahre. Und zack, sind es zehn. Die Arbeit macht mir großen Spaß, sie ist mir auf den Leib geschneidert. Aber die Welt ist reich und bunt, die europäische Theaterlandschaft ist vielfältig. Ich möchte noch mal aufbrechen, so simpel ist es.

Haben Sie eine neue Stelle in Sicht?

Ich werde als freie Regisseurin arbeiten und hoffe, dass durch das Heraustreten neue Blickwinkel und Impulse entstehen.

Als letztes großes Projekt kuratieren Sie das europäische Bürgerbühnen-Festival, das 2019 zum zweiten Mal in Dresden stattfindet. Was stellen Sie auf Ihren Auswahlreisen fest?

Gerade vom europäischen Raum hatte ich recht wenig Ahnung, aber ich bin überwältigt, was mir entgegenkommt. Die Anzahl der Projekte in den einzelnen Häusern ist gestiegen, nicht immer in einer eigenen Sparte, sondern als Teil des Repertoires. Gerade in der freien Szene sind Inszenierungen mit Nicht-Profis absolut selbstverständlich. Auf allen größeren europäischen Festivals gibt es sie, gar nicht unbedingt mit einem eigenen Label. Es nimmt rasant zu, die deutsche und europäische Theaterlandschaft wird nicht mehr ohne Bürgertheater auskommen.

Das Gespräch führte Johanna Lemke.

Die nächste Premiere der Bürgerbühne findet am Freitag um 20 Uhr statt: „Crashtest“ läuft im Kleinen Haus, DD. Karten unter: 0351 4913555

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