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Hölzerne Hetze

Eindringlich ist Arthur Millers Sozialdrama „Hexenjagd“. Enttäuschend inszeniert es Stephan Rottkamp am Staatsschauspiel Dresden.

02.10.2017
Von Sebastian Thiele

Hetze
Sind die Glanzpunkte einer mittelmäßigen Inszenierung: Torsten Ranft als Richter (.) und Matthias Reichwald als Verdächtiger.

© sebastian hoppe

Wo ein Gerücht kursiert, da lauert die Denunzierung wie die Katze auf dem Sprung. Aus Ängsten wird Hysterie. Aus schwer zu entwirrenden Lügennetzen erwächst die Sehnsucht nach schnellen Lösungen. Schuldspruch, Verurteilung, Hinrichtung: Jede Diktatur vertraut auf diesen Mechanismus. Fiebernde Mädchen, eine Nadel in der Stoffpuppe und seltsame Tänze bei Nacht. Schon brechen zwischenmenschliche Geschwüre auf, Beweise für Hexerei zerrt man herbei. Ein bisschen Waterboarding als Gedächtnisstütze, gestotterte Geständnisse und zack: Schuldig. Mädchen, du bist mit dem Teufel im Bund.

Schülerhaftes Sprechtheater

So ungefähr könnten sich die historischen Hexenprozesse von Salem 1692 abgespielt haben, die Arthur Miller für sein Stück „Hexenjagd“ zur Vorlage nahm. Doch in seinen Dramentext von 1953 packt er Parallelen zur antikommunistischen Hetze der McCarthy-Ära. Heute würde er wahrscheinlich Donald Trumps Einwanderungspolitik ins Visier nehmen. Oder Erdogans Verfolgung von Oppositionellen. Zur Premiere im Dresdner Schauspielhaus am vergangenen Freitag hätte Miller hingegen gestaunt. Denn für Gegenwartsbezüge interessiert sich hier keiner.

Aber für erdigen Waldboden, naturalistische Baumstümpfe und nett anzuschauende Holzfällerei in Zeitlupe hat man etwas übrig. Bei dieser Bühnenästhetik von Robert Schweer wandern dann bald auch Schatten über die weiße Wand der Hinterbühne. Schummrige Klangteppiche künden überdeutlich von drohendem Unheil. Tja, der Teufel soll in diesem Stück bekanntlich im Spiele sein, irgendwie hat er es auch auf die Bühne geschafft. Vor allem in Form von Lähmung treibt er sein Unheil. Nach dem ersten aufwändigen Bild der Einfühlung steht das blaugrau kostümierte Ensemble herum. Die Tochter des Reverend Parris, brav gespielt von Oliver Simon, liegt regungslos vor ihnen. Man zeigt mit dem Finger hierhin und dorthin – Millers Text plätschert dahin. Doch dieses schülerhafte Sprechtheater reicht Regisseur Stephan Rottkamp. Nahezu einfallslos inszeniert er seine erste Premiere in Dresden vom Zettel.

Zum Glück hat er Matthias Reichwald. In der Hauptrolle des Tatenmenschen John Proctor prescht er heran und erspielt sich mit der Axt in der Hand den vermeintlichen Hexentanzplatz. Da können andere nur zuschauen. Seine gekränkte Ehefrau zeigt Fanny Staffa sehr gebremst und mit Händen an der Kleidnaht. Proctors ehemalige Geliebte, die hintertriebene Abigail, spielt Ursula Hobmair ohne diabolisches Feuer. Unbeholfen wirkt auch die Entwicklung der Figur des Hexenjägers Hale. Will der „Teufelsspezialist“ erst Hexen ausfindig machen, so kämpft er später für gerechte Prozesse. Unverständlich, weshalb Ahmad Mesgarha oder Albrecht Goette fast als Statisten agieren müssen und David Kosel sich als Hale blass durch den Abend wurschteln darf.

Generell erscheint das Ensemble zu groß, ausgewählte Darsteller in mehreren Rollen hätten bestimmt kräftiger Staub aufgewirbelt. Doch die Regie hat abermals Glück. Denn in der zweiten Hälfte, wenn in Salem bereits jeder um seinen Hals zittern muss, erscheint Torsten Ranft als Richter Danforth. Im zugeknöpften Schwarzmantel überstrahlt er wie eine Sonne des Bösen das Geschehen. Den vermeintlichen Hexen spricht er von hinten ins Gewissen, dass denen nur so die Haare flattern. Jetzt stimmen auch Tempo und Zuspitzung. „Wer nicht gesteht, wird gehängt“, brüllt der Richter als der wahre Teufel.

Bedrohliche Bühnentechnik

Doch leider setzt wieder illustrierender Klangkleister ein. Jegliche psychologische Schärfe und Eindringlichkeit verschwimmen in Richtung Geisterbahn-Gefühl. Anfänglich gestapelte Bretter liegen jetzt kreuz und quer. Puritanische Willkür regiert. Das aufrichtige Mädchen Mary Warren, ambitioniert von Amelle Schwerk gespielt, will John Proctor helfen. Doch das Lügennetz von Abigail ist zu engmaschig – John Proctor kann sich nur selbst helfen und wenigstens moralisch gewinnen. Er rettet seine Haut nicht durch ein falsches Geständnis. Vielschichtig und überzeugend spielt Matthias Reichwald diese inneren Kämpfe. Am Ende rauscht von oben raumschiffartig üppige Bühnentechnik herab. Bedrohlich und effektvoll, dieses Symbol für Ungerechtigkeit. Doch das Bedrohlichste an dem Abend ist seine inszenatorische Mittelmäßigkeit. Da hebt sich das Niveau auch nicht durch ein inspirierendes Programmheft.

wieder: 11. und 21. 10.; Kartentel. 0351 4913555