erweiterte Suche
Montag, 11.09.2017

Höhenflug einer schönen Königin

Die neue Konzertorgel im Dresdner Kulturpalast deutet bei ihrer Weihe und ersten Konzerten ihr reiches klangliches Potenzial an.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Organist Holger Gehring vorm Orgeltisch der neuen Orgel.
Organist Holger Gehring vorm Orgeltisch der neuen Orgel.

© dpa

Majestätisch, feierlich, suggestiv pulsierte der Sound der „Königin der Instrumente“ durch den Saal des Dresdner Kulturpalastes. Olivier Latry stimmte als Zugabe die Toccata aus Léon Boëllmanns „Gotischer Suite“ an und krönte damit am Sonnabend sein erstes Dresdner Gastspiel. Dass er als Palastorganist gewonnen werden konnte, gilt spätestens nach den Vorstellungen dieses Wochenendes als Glücksfall. Latry, 1962 geboren im äußersten Norden Frankreichs, agiert seit mehr als drei Jahrzehnten als Titularorganist von Notre-Dame in Paris, und die Dresdner Orgel ist nicht die erste, an deren Weihe er mitwirkt, gleichwohl eine der schönsten.

Auch wenn die Orgel, die von der Bautzener Firma Eule aus mehr als 4 000 Pfeifen komponiert wurde, bereits vor zwei Wochen in Mahlers „Sinfonie der Tausend“ erstmals öffentlich zu hören war, ist sie nun, mit ihrer feierlichen Weihe, offiziell Teil der Dresdner Musikfamilie. Ohne den Förderverein der Philharmonie, der 2011 eine internationale Orgelkommission einberief und eine beispiellose Spendenaktion anschob, gäbe es die edle, silbrig gefiederte „Palast-Eule“ heute nicht. Wie Vereinsgeschäftsführer Lutz Kittelmann berichtete, konnten 1,1 Millionen Euro an Spenden eingeworben werden, 300 000 Euro gab die Stadt dazu, sodass man nun die Chance habe, Zitat, „mit den anerkannt besten Sälen zu konkurrieren“. Oberbürgermeister Dirk Hilbert freute sich in seiner Festrede auf „unvergessliche Musikerlebnisse“ – die ersten Beispiele gab es sofort. Am Freitag wechselten sich die drei Dresdner Organisten Holger Gehring, Johannes Trümpler und Samuel Kummer mit dem Pariser Gast ab. Mit Werken unter anderem von Bach, Mendelssohn, Schumann, Wagner und Cochereau wurden recht verschiedene Klangfelder ausgelotet. Zum Ausklang improvisierte Olivier Latry – für viele war dies der musikalische Höhepunkt des Abends.

Sein Auftritt war auch der Clou der philharmonischen Konzerte an den beiden folgenden Abenden. Über dem Sonnabend lag, obwohl der Kulturpalast überraschenderweise nicht ausverkauft war, eine prickelnde Spannung, die sich im Verlaufe des Konzerts nicht etwa legte, sondern eher noch steigerte. Das Programm war mit Werken von Dutilleux, Poulenc und Berlioz ein rein französisches. Am Pult stand mit Bertrand de Billy, nunmehr bereits in vierter Spielzeit Erster Gastdirigent des Orchesters, ein weiterer Franzose. Doch sollten wir nationale Eigenheiten nicht überbetonen, Musik ist Musik, auch jene aus dem Land des Champagners kann mehr als nur prickeln.

Mit „Métaboles“ von Henri Dutilleux erklang zunächst ein Werk, das alles in allem vage und verhangen bleibt, die Fantasie des Publikums mit Andeutungen zu wecken sucht. Der Komponist sprach selbst von „kaum wahrnehmbarer Formgestaltung“, mit der er sich von der Leitmotiv-Technik Wagners distanzierte und zu feinsinniger Nuancierung à la Debussy bekannte. Die Philharmonie verstand es unter der gewohnt weichen Federführung de Billys gut, die thematischen Wandlungen und Drehungen im Fluss zu halten. Wo keine Kanten sind, kann man auch keine zeigen.

Kraftvoll und kontrastreich wirkte dagegen das Konzert für Orgel, Streicher und Pauke von Francis Poulenc. Die Orgel entfaltete unter Latrys Händen mitreißende Klangpracht, ließ aber auch, vor allem im fünften der sieben ineinandergleitenden Sätze, ganz zarte Lichter aufscheinen. Von besonderem Reiz war es, wenn das warme, vibrierende Raunen der Orgel, hier bildlich eher Aquarell als Ölgemälde, auf die transparente Textur der exzellenten Streicher traf – einmal mehr offenbarte der Saal seine wohltuend geschmeidige Hellhörigkeit. Zum Niederknien dann die schon erwähnte Toccata-Zugabe.

Nach der Pause war die „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz zu hören, ein extrem emotionales Werk, über das schon ganze Bücher geschrieben wurden. Zauberhafte Details wie das Duett der Oboen im Adagio oder das Trudeln der Streicher in der Ballszene und den Albtraumsequenzen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es dem Dirigat hier und da an Akzentuierung mangelte, manche Einsätze etwas ausfransten, Momente feinen Esprits mit Passagen eigentümlicher Unentschiedenheit wechselten. Alles in allem aber bot der Sonnabend, nicht nur wegen der Orgel, erlesenen Konzertgenuss. Mit Neugier harrt das Publikum weiterer Orgelwerke.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.