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Samstag, 18.11.2017

„Hitler ist leider, leider davongekommen“

Ein Comic zeigt die pubertierende Anne Frank als erfrischend freches, witziges und gern auch mal boshaftes Mädchen.

Von Oliver Reinhard

Anne Frank im Auge ihres Freundes Peter – mehr als diesen Blick braucht Zeichner David Polonsky nicht, um das Wesentliche zu zeigen: Verliebtheit.
Anne Frank im Auge ihres Freundes Peter – mehr als diesen Blick braucht Zeichner David Polonsky nicht, um das Wesentliche zu zeigen: Verliebtheit.

© Verlag

Natürlich hat man beim Denken an Anne Frank vor allem eines im Kopf: Ihr Ende, den Tod des Mädchens, das mit den Eltern nach Holland floh, sich nach der Okkupation vor den Nazis versteckte, entdeckt, deportiert und zum weltberühmtesten Holocaust-Opfer wurde. Die Tragik ihres Schicksals lässt sich schwerlich beiseiteschieben, auch beim Lesen ihres Tagebuchs nicht. Immer werden Annes Humor, ihre bunten Träume und herrlichen Spinnereien davon überschattet.

Nun aber laden Ari Folman und David Polonsky gerade dazu ein: Sieben Jahre nach dem ersten Comic über Anne Frank haben die Israelis – auch in Deutschland bekannt seit ihrem Animationsfilm „Waltz with Bashir“ – eine neue Graphic Novel geschrieben, „Das Tagebuch der Anne Frank“ genannt und eng daran angelehnt. Sie beginnen „ihre“ Geschichte erst 1942, sie enden kurz vor Annes Verhaftung im August 1944. Und wagen es, viele Dialoge im Stil des Tagebuchs hinzuzuerfinden.

Durch sachte Interpretation und kecken Zeichenstil betonen Folman und Polonsky neben Anne Franks Nachdenklichkeit und Sehnsucht auch Frechheit, Witz und kleine Boshaftigkeiten des pubertierenden Mädchens. „Hitler ist leider leider davongekommen“, sagt Anne nach dem Attentat am 20. Juli 1944. Und als der geliebte Peter einfach nur untätig neben ihr aus dem Bett sitzt: „Ob er wohl den ersten Schritt macht, ehe der Krieg zuende ist?“

Tatsächlich kann man beim Lesen immer wieder ihr schreckliches Ende aus den Gedanken weglachen oder -grinsen. Leicht bis mittelschwer verrückte grafische Einfälle, gerade beim Bebildern ihrer heiteren, schrägen oder apokalyptischen Träumen unterstützen diese Lockerheit aufs Amüsanteste. Als Lohn solcher „Dreistigkeit“ tritt aus dem Comic eine Anne Frank hervor, wie man sie mädchenhaft-menschlicher, auch zärtlicher kaum erleben kann. Was die finale Tragik ihres kurzen Lebens nicht abmildert, sondern eher vergrößert.

Ari Folman/David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank. S. Fischer, 160 S., 20 €