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Samstag, 31.01.2009

Heute schon gezwitschert?

Twittern nennt sich eine neue Methode, weltweit Botschaften zu verschicken: Für manche faszinierend, für andere bloß Geschwätz. Ein Selbstversuch.

Von Valeria Heintges

Barack Obama verfolgt mich als erster. Aber darauf darf ich mir nichts einbilden: Er ist auch hinter 221143 anderen her.

Sie glauben, die Journalistin schreibt komisches Zeug? Dann wissen Sie nicht, was Twitter ist. Dafür brauchen Sie sich nicht zu schämen, denn nur sechs Millionen Menschen weltweit sind Twitterer – allerdings werden es sehr schnell mehr. Twitter – das heißt auf Deutsch „Zwitschern“ – ist ein neuer Internetservice. Eine Art SMS-Versand im ganz großen Stil. Der größte Unterschied: Die Twitter-Botschaften können viele gleichzeitig bekommen, wenn Sie es erlauben, sogar alle Nutzer gleichzeitig.

Neuigkeiten 140 Zeichen lang

Aber der Reihe nach: Wer Twitter nutzen will, braucht einen Computer mit Internetanschluss. Ein Handy wäre gut, ist aber nicht nötig. Auf der englischen Internetseite www.twitter.com geben wir uns einen Namen, den kein anderer hat, und ein Passwort, das man nicht leicht knacken kann. Das ist sehr einfach – ob das Passwort zum Beispiel zu lang oder leicht entschlüsselbar ist, wird sofort angezeigt. Wer alles richtig macht, kann sofort loslegen. Er kann eine Botschaft schreiben – allerdings nicht mehr als 140 Zeichen lang, also wie eine SMS. Oder er sucht sich erst Dialogpartner, denn alleine reden wird irgendwann langweilig.

Wer Freunde hat, die twittern, sucht sie über ihren Namen. Jeder kann sich auch bei Prominenten oder Politikern umschauen. Barack Obama ist wohl der Berühmteste hier, während seines Wahlkampfs hat er seinen Fans ständig gezwitschert. Wer Präsidenten-Neuigkeiten lesen will, kann zu seinem Verfolger („following“) werden – ein Mausklick genügt. Obamas Team ist technisch fit, denn automatisch erreicht den Neuling eine E-Mail, dass auch Obama ihn verfolgen und so zu seinem Nachfolger wird („follower“). Die Statistik zählt bei Obama je ca. 220000 Anhänger.

Lance Armstrong guckt fern

Auch der siebenfache Gewinner der Tour de France, Lance Armstrong, ist beliebt – und mit 784 Nachrichten bis gestern Mittag auch fleißiger als Obama mit nur 264. Armstrong ist überhaupt ein typischer „Zwitscherer“, weil er ziemlich viel alltägliches Zeug erzählt. Zum Beispiel, dass er am Mittwoch seine Kinder ins Bett gebracht hat und danach im Fernsehen CNN sah. Aber vor allem berichtet er von seinen zahlreichen Doping-Kontrollen – wahrscheinlich ist er unter die Twitterer gegangen, um das schlechte Image des Radsports wieder aufzubessern.

Die meisten Twitter-Nutzer sind aber durchaus normale Leute, jung und viel unterwegs. Sie erzählen all ihren Freunden, wo sie sich gerade befinden, was sie tun, wie es ihnen geht. Ein gewisser „Trottelbot“ hat schon 5182 Nachrichten geschrieben. Gestern teilte er mit, wann er ins Bett ging, erzählte Witze, regte sich über das Wetter auf und fand, er müsse mal wieder seine Mutter anrufen.

Sicher, das ist Gezwitscher, mancher würde es auch Geschwätz nennen. Und so gehen die Meinungen über Twitter zwischen „ein lustiger Zeitvertreib“ und „purer Blödsinn“ weit auseinander. Tatsächlich ist das sirrende Geplapper nur die eine Seite. Denn wenn Katastrophen passieren, werden die Nutzer plötzlich zu rasenden Reportern, die weltweit direkt vor Ort sind.

Da ist ein Flugzeug im Hudson

Janis Krums ist Unternehmer, er lebt in Sarasota, Florida, und war am 15.Januar beruflich in New York. Um 9.36 Uhr tippte er in sein Handy die Nachricht: „Da ist ein Flugzeug im Hudson. Ich bin auf der Fähre, wir werden die Leute aufsammeln. Verrückt.“ Dazu sandte er ein Foto, das er mit dem Handy aufgenommen hatte. Krums war der erste, der von der Flugzeugnotlandung berichtete. Bis gestern hatten 378288 Menschen das Bild im Internet angeklickt, es wurde auf Zeitungs-Titelseiten gedruckt, der junge Mann vom Boot weg zum Fernsehsender gefahren, von Interview zu Interview gereicht. Seine nächste Nachricht: „Die letzten 24Stunden waren irreal.“ Auch während der Anschläge im indischen Mumbai berichteten Twitterer aus den belagerten Hotels. Wie seriös die Twitterer sind, ist offen.

Den Augenzeugen vor Ort setzen viele Medien eigene Twitter-Botschaften entgegen. Der „Spiegel“ und einige Regionalzeitungen verbreiten so ihre Schlagzeilen, die „Süddeutsche Zeitung“ ist noch in der Testphase. Früher pfiffen die Spatzen Neuigkeiten vom Dach, heute kommt das Gezwitscher aus dem Computer.