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Montag, 19.09.2016

Hauptsache Geld für Kino und Kondome

Erich Honecker als Lügenbaron: Martin Sabrow schildert die frühen Jahre des Ex-Staatsoberhauptes bis 1945.

Von Wolfgang David

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Erich Honecker stieß früh zur kommunistischen Bewegung, bekämpfte das Naziregime und wurde zehn Jahre inhaftiert.
Erich Honecker stieß früh zur kommunistischen Bewegung, bekämpfte das Naziregime und wurde zehn Jahre inhaftiert.

© Verlag C.H.Beck

Im Jahr 1949 meldete die Berliner Volkspolizei dem Landesvorstand der SED, dass sich einer der seinen bei einer Kontrolle an der Sektorengrenze „herausfordernd und ausfällig“ verhalten habe. Kein West-Provokateur auf Schuhen mit Kreppsohlen, sondern ein gewisser Erich Honecker. Ein Rückfall in den Modus seiner Jugendjahre?

1912 im Saarland geboren, stieß Honecker früh zur kommunistischen Bewegung, bekämpfte das Naziregime und wurde zehn Jahre inhaftiert. In der DDR brachte er es bis zum Staatsoberhaupt, verlor 1989 alle Ämter, kam vor Gericht und starb 1994 im chilenischen Exil. Das Interesse an diesem durchaus turbulenten Leben hielt sich bislang in Grenzen. Gewiss kein Charismatiker und zuletzt ein Gescheiterter, dürfte es seinem geistigen Erbe kaum anders ergehen. Etliche Jahre an seine Biografie gewendet zu haben muss daher mutig genannt werden. Zumal es nicht der Spitzenpolitiker ist, dem Martin Sabrows Neugier gilt, sondern der Abschnitt seiner Vita, in dem Honecker noch keine Person der Zeitgeschichte war. Um die Wurzeln freizulegen, gräbt der Historiker tief. Dass Honeckers Ahnen Bauern in der Gegend um Zürich waren, erfährt man, und ein Zweig der Familie weitläufig mit dem Komponisten Arthur Honegger verwandt ist. Dass der junge Erich, kinderlandverschickt, zwei Jahre auf einem pommerschen Gut arbeitete und so einschlug, dass ihn der Großbauer als Schwiegersohn wollte. Dass er in Moskau, wo er zum Berufsrevolutionär geschult wurde, eines Mädchens wegen disziplinarisch kurzzeitig schwächelte.

Mut und Mittelmaß

Realsozialistische Politiker pflegten mit ungefilterten Selbstauskünften zu geizen. Obzwar Honecker nach seinem Sturz gesprächiger wurde, verlässt sich Martin Sabrow weder auf seine Angaben noch auf die anderer. Kirchen- und Adressbücher, Personalbögen, Fahrpläne und Wetterberichte nutzt er, um auch minder wichtige Urteile abzusichern. Und tut gut daran. Mal datiert Honecker seinen Eintritt in die KPD um ein Jahr vor, mal verschweigt er, dass er die Dachdeckerlehre abbrach. Den Vater lässt er in Kiel an der Novemberrevolution teilnehmen, obwohl dieser, Mitte 1917 aus der Marine entlassen, da längst wieder Bergmann war.

Richtig flunkern kann er auch. So sei er nach dem Anschluss des Saarlandes auf einer Manifestation von 300 jungkommunistischen Pistoleros beschützt worden, die nur ihre Knarren zeigen mussten, damit die Polizei floh. Eine Machtprobe wie diese, meint der Autor, hätte 1935 anders geendet. Er findet heraus, dass am Abend des Abstimmungstages ein Bombenattentat stattfand, an dem Honecker beteiligt war. In der anschließenden Straßenschlacht sei die Polizei Herr der Lage geblieben.

Als Sowjetsoldaten das Zuchthaus Brandenburg befreiten, will auch Honecker sie in die Arme geschlossen haben. Doch das konnte er nicht, weil er schon am Vortag mit einem Kumpel nach Berlin aufgebrochen war, zu jener Gefängnisaufseherin, die seine erste Frau wurde. Später mochte es ihm peinlich gewesen sein, dieser Liebschaft wegen nicht am legendären „Marsch der Brandenburger“ teilgenommen zu haben. Als der britische Verleger Maxwell 1979/80 Honecker zu einer Autobiografie überredete, holte ihn diese Lüge ein ...

Obwohl ihm Sabrow nichts durchgehen lässt, Triumphgeheul ist der brillanten Studie fremd. Wo er Honecker borniert nennen könnte, spricht er dezent von einem „eingefrorenen Erfahrungsschatz“. Ehe er schneidet, misst er lieber einmal mehr; die Strenge, mit der er sich überwacht, ist vorbildlich. Er spart auch nicht mit Lob: Edelmütig und uneigennützig habe sich Honecker vor den Schranken der NS-Justiz verhalten. Fast überschwänglich urteilt der Biograf über dessen Mut, sowohl im Untergrund als auch im Häftlingskommando. Sein lebensgefährlicher Einsatz beim Beseitigen von Bombenschäden und Blindgängern wurde von einem leitenden Staatsanwalt gewürdigt.

Was trieb ihn an? Diese Frage verliert Sabrow nie aus dem Auge. Da ist der tapfere Illegale, der seiner Sache auch in misslicher Lage treu blieb – und sich noch im Alter zu Stalin bekennt, millionenfachen Mord mit den Worten bagatellisierend: „... trotz all der anderen Dinge“. Da ist der Funktionär, der bis zuletzt Klassenkampfrhetorik pflegt – und wie ein Honigkuchenpferd strahlt, wenn er an der Seite des Modellkapitalisten Berthold Beitz Wild abknallen kann. Der lange auf Abgrenzung zur BRD pochte, aber qua Amt Sonderbeziehungen zum Saarland förderte und die Anerkennung derer ersehnte, denen er politisch den Garaus machen wollte.

Den gemeinsamen Nenner solch scheinbarer Gegensätze sieht Martin Sabrow einmal in der starken Bindung an die frühen Prägungen. Honeckers schwärmerische Heimatverbundenheit verwunderte bereits die Ständigen Vertreter der BRD in der DDR Bölling und Bräutigam. Als ihn 1987 beim Besuch an der Saar die Gefühle übermannen, denkt er zum Entsetzen des Ostberliner Sowjetbotschafters laut über eine Lockerung des Grenzregimes nach. Hinzu kommt ein fast theorieindifferenter Pragmatismus; ideologischen Debatten ging er aus dem Weg. Als er 1946 Werke des Wissenschaftlichen Sozialismus notieren soll, die er gelesen habe, antwortet er patzig: „Zahlreiche.“ Was ihm an Bildung fehlte, ersetzten Leitbilder: Thälmann, Herbert Wehner (während des Saarkampfes faktisch sein „Vorgesetzter“), Stalin, Ulbricht. All dies zusammen schützte Erich Honecker vor Schwankungen und Zweifeln, hinderte ihn aber auch daran, sich neuen Einsichten zu öffnen.

Wie sehr er auf die Ideale seiner Jugend fixiert war, ließ selbst Weggefährten staunen. Wichtig für Erich, erinnerte sich Politbüromitglied Hermann Axen amüsiert, seien vor allem Obdach, Kleidung, Nahrung gewesen sowie „genug Geld für eine Kinokarte am Wochenende und ein Kondom“.

Martin Sabrow: Erich Honecker – Das Leben davor. Verlag C.H.Beck, 623 S., 27,95 Euro

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Insgesamt 10 Kommentare

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  1. Realist

    Honecker ist bereits eine Figur auf dem Müllhaufen der Geschichte ,schon große Teile der heutigen Jugend wissen mit dem Namen nichts anzufangen. Was aber die Lebenslügen betrifft da könnte man wohl auch genug aktuelle Politiker hinzufügen beginnend beim Staatsoberhaupt Gauck der sich als DDR Bürgerrechtler präsentiert als solcher aber seine Söhne in der BRD besuchen durfte u auch ein Auto einführen durfte -nach der Wende aber seine MFS Akte nicht auffindbar war . Ja selbst bei Frau Merkel ist einem so manches nicht geheuer,Vater wollte Kirche des Sozialismus aufbauen ,sie durfte in der Sowjetunion studieren,während Kinder von Pfarrern nicht studieren durften weitgehend auch nicht in der FDJ Funktionen innehatten. Nun auch da sind nach der Wende Infos abhanden gekommen u. es gan woh auch Verfügungen bezüglich eines Fotos welches nicht veröffentlicht werden durfte . Ja die Staatsfunktionäre kommen u. gehen das Volk mußte sie ertragen aber auch sie kommen auf den historischen Müllhaufen

  2. RU

    Man sollte beachten, dass Politiker auch nur Menschen sind und die meisten in ihrer Jugend wohl nicht ahnten, dass sie eines späteren Tages einmal Politiker sein würden. Ob man Politiker auf einen Müllhaufen der Geschichte werfen kann, sei dahingestellt. Man sollte sie nach ihren politischen und sozialen Leistungen in ihrer Zeit unter den damals gegebenen Bedingungen bewerten, wobei eine solche Bewertung immer vom Standpunkt des jeweiligen Bewerters abhängt und damit sehr relativ ist.

  3. Realist

    Werter RU selbstverständlich sind Politiker Menschen die in der Jugend nich wissen wo sie das Leben einmal hinführt. Also konnte jeder auch unterschiedliche Lebensphasen haben. In meiner Zuschrift aber ging es um unentschuldbare Lebenslügen um beim Wähler nur im positiven Licht zu stehen. das sich Menschen auch in ihrer politischen Haltung verändern dürfen ist normal aber man muß dann auch seine Vergangenheit nicht verleugnen u. muß dazu stehen. Bezüglich der jüngsten deutschen Geschichte werden Persönlichkeiten wie Adenauer,Erhardt Kohl einen bestehenden Platz erhalten,dann hört es aber auch schon auf -

  4. Vopos Rache

    Schon erstaunlich wer sich alles so nach dem Ende des Vorsitzenden so erinnert und seine Anekdoten preisbewusst pfeilbietet. Selbige Leute hätten früher dem Genossen Staatsratsvorsitzenden pflichtgetreu den Hintern blankgewinnert.In der damaligen Zeit taugte das Kino wahrscheinlich noch was und das der Genosse Vorsitzende Kondome wollte lässt nur auf seiner Zeit weit voraus (saver Sex) oder den finstren Blick seiner Krankenschwester schließen. Heute vögelt so mancher zeitprägende Politcasanova drogenbeschwingt junge Knaben und keiner schreit deswegen auf. Ich freu mich schon wenn im senilen Altenrausch die Mitgenossen von heute über Beck,Roth oder Angi auspacken...gruseliger Schauder was uns da erwartet

  5. Berg

    Die SED repräsentierte die Diktatur des Proletariats, doch war Honecker deswegen der Diktator? Mit"regiert" haben nicht nur die Polibüromitglieder in ihren Ressorts, dazu die Plankommission, die Ministerien (mit den ca 8 Industrieministerien), dazu Hunderte Konzerndirektoren der VVBs, die Staatssicherheit, die FDJ. - Honecker hatte Ulbricht abgelöst, der zur Witzfigur verkommen war. Man war i.a. erleichtert über diesen Wechsel. Und je mehr man H. als stinknormalen Parteifunktionär "entlarvt", desto harmloser wirkt er nachträglich.

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