erweiterte Suche
Dienstag, 08.12.2015

Hauptsache billig

Die Ausstellung „Fast fashion“ in Dresden moralisiert über Mode und zeigt deren Schattenseiten.

Von Birgit Grimm

Bild 1 von 4

Sind die Jeans der jungen Frau neu oder aus dem Altkleiderpaket, auf dem sie sitzt? Die Ausstellung „Fast fashion“ zeigt weniger Designerstücke wie dieses noble Cocktailkleid von Dior aus dem Jahr 1953, sondern vielmehr die immer schneller ablaufenden Mechanismen der Produktion und des Vertriebs von Bekleidung. In einem „Slow fashion lab“ stellen Dresdner Designer und Werkstätten Mode vor, die sie bewusst gegen den Trend entwickeln. Hier leuchtend gelbe Fahrradwesten von Neonon. Fotos: O., T. Mitchell, D., MKG
Sind die Jeans der jungen Frau neu oder aus dem Altkleiderpaket, auf dem sie sitzt? Die Ausstellung „Fast fashion“ zeigt weniger Designerstücke wie dieses noble Cocktailkleid von Dior aus dem Jahr 1953, sondern vielmehr die immer schneller ablaufenden Mechanismen der Produktion und des Vertriebs von Bekleidung. In einem „Slow fashion lab“ stellen Dresdner Designer und Werkstätten Mode vor, die sie bewusst gegen den Trend entwickeln. Hier leuchtend gelbe Fahrradwesten von Neonon. Fotos: O., T. Mitchell, D., MKG

© oliver killig

  • Sind die Jeans der jungen Frau neu oder aus dem Altkleiderpaket, auf dem sie sitzt? Die Ausstellung „Fast fashion“ zeigt weniger Designerstücke wie dieses noble Cocktailkleid von Dior aus dem Jahr 1953, sondern vielmehr die immer schneller ablaufenden Mechanismen der Produktion und des Vertriebs von Bekleidung. In einem „Slow fashion lab“ stellen Dresdner Designer und Werkstätten Mode vor, die sie bewusst gegen den Trend entwickeln. Hier leuchtend gelbe Fahrradwesten von Neonon. Fotos: O., T. Mitchell, D., MKG
    Sind die Jeans der jungen Frau neu oder aus dem Altkleiderpaket, auf dem sie sitzt? Die Ausstellung „Fast fashion“ zeigt weniger Designerstücke wie dieses noble Cocktailkleid von Dior aus dem Jahr 1953, sondern vielmehr die immer schneller ablaufenden Mechanismen der Produktion und des Vertriebs von Bekleidung. In einem „Slow fashion lab“ stellen Dresdner Designer und Werkstätten Mode vor, die sie bewusst gegen den Trend entwickeln. Hier leuchtend gelbe Fahrradwesten von Neonon. Fotos: O., T. Mitchell, D., MKG
  • Die Ausstellung „Fast fashion“ zeigt weniger Designerstücke wie dieses noble Cocktailkleid von Dior aus dem Jahr 1953 ...
    Die Ausstellung „Fast fashion“ zeigt weniger Designerstücke wie dieses noble Cocktailkleid von Dior aus dem Jahr 1953 ...
  • ... sondern vielmehr die immer schneller ablaufenden Mechanismen der Produktion und des Vertriebs von Bekleidung.
    ... sondern vielmehr die immer schneller ablaufenden Mechanismen der Produktion und des Vertriebs von Bekleidung.
  • In einem „Slow fashion lab“ stellen Dresdner Designer und Werkstätten Mode vor, die sie bewusst gegen den Trend entwickeln. Hier leuchtend gelbe Fahrradwesten von Neonon.
    In einem „Slow fashion lab“ stellen Dresdner Designer und Werkstätten Mode vor, die sie bewusst gegen den Trend entwickeln. Hier leuchtend gelbe Fahrradwesten von Neonon.

Der Typ ist eine echte Nervensäge, aber ein gut aussehender, gepflegter junger Mann. Er sitzt zu Hause auf der Couch, vor ihm ein Dutzend brauner Papiertüten, aus denen er genüsslich hervorholt, was er gerade eingekauft hat. Er schwadroniert im modischen Denglish über weiße und graue Ein-Euro-Shirts und Basecaps, als wären es sensationelle Entdeckungen. Von seinem erfolgreichen Beutezug ist er noch berauscht und steigert sich nun hinein in die Selbstinszenierung vor der Kamera. Damit das Gefühl möglichst lange anhält, hat er den Clip, dieses sogenannte „Haul Video“ ins Internet hochgeladen. Nun wartet er darauf, dass andere es gut finden.

Ein Shitstorm wäre sehr unwahrscheinlich. Denn dass dieser junge Mann ein Problem hat, merken nur die, die dieses Problem nicht haben. Alle anderen werden sich seiner Jagd auf Billigklamotten gern anschließen.

Das Video des Ein-Euro-Einkäufers läuft in der Ausstellung „Fast fashion – Die Schattenseiten der Mode“, die das Deutsche Hygiene-Museum Dresden vom Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe übernommen hat, und es ist eins der harmlosen. Kritisch geht es zu in dieser Ausstellung. Die Besucher werden nicht geschont. Textilarbeiterinnen und Näherinnen aus der Dritten Welt, die Cent-Ware herstellen, reden Klartext über ihre Arbeitsbedingungen und ihr Leben. Vor einem Video der Tierschutzorganisation Peta wird im Hygiene-Museum ausdrücklich gewarnt. Qualen erleiden Schafe und Angorakaninchen, während sie geschoren werden.

Man hätte ja eigentlich wissen können, dass der Wollpullover kratzt. Warum hat man ihn denn gekauft?! Und musste es unbedingt diese coole Mütze mit der Bommel aus Fuchsfell sein?

Weltreise zum Container

Wenn man weiß, dass die Herstellung einer einzigen Jeans 7 000 Liter Wasser verbraucht und Bilder vom Aralsee sieht, der wegen der Baumwollproduktion austrocknet, könnte man darüber nachdenken, ob nicht mindestens eine Jeans zu viel zu Hause herumliegt. Vierzig Prozent der Klamotten, die wir kaufen, vergessen wir im Schrank und tragen sie nie. Die Deutschen stecken nur 4,6 Prozent ihrer Konsumausgaben in ihre zweite Haut. Das klingt, als wäre es wenig. Dabei kaufen sie mehr Kleidungsstücke denn je: 27 Kilogramm im Jahr sind es aktuell. Die Europäer insgesamt „bescheiden“ sich mit 20 Kilogramm. Dafür entsorgt Deutschland korrekter und fleißiger als der kontinentale Durchschnitt.

Landet ein Kleidungsstück im Container, dann hat es in seinem kurzen Leben an die 40 000 Kilometer zurückgelegt. Man mag es kaum glauben: Knopf, Reißverschluss, Tasche, Saum – fast jeder Arbeitsschritt wird in einem anderen Land ausgeführt. Die schicke Outdoorjacke mit der blau-gelben Flagge als Label kommt nicht aus Schweden, nicht mal aus Skandinavien. Sie ist „made in Vietnam“. Aber was davon denn nun genau? Das Etikett?

Wer seine Altkleider in öffentlichen Containern entsorgt, gibt sie nicht an Bedürftige weiter, sondern unterstützt den globalen Secondhandhandel. Die besten Stücke kommen direkt in deutsche Läden, die zweitbesten werden in Russland und Osteuropa weiterverkauft, abgetragene Sommerkleidung in Afrika.

Fotos, Filme, Grafiken zeigen anschaulich die Wege der Textilien durch die Welt, klären auf über ökologische Risiken durch Chemikalien und über Nebenwirkungen des Konsumrauschs. Die Informationen sind korrekt. Oft wurden sie von Ämtern zugeliefert. Nur schade, dass die Kuratoren vergaßen, das Beamtendeutsch zu übersetzen. Die aufklärerische Wirkung mancher Objekttexte dürfte wegen grober Unverständlichkeit gegen null gehen. Oder gehört es zur Allgemeinbildung, was ILO-Kernarbeitsnormen festlegen? Muss man wissen, was das SA 800 für ein Zertifizierungssystem ist? Die Multi-Stakeholder-Initiative Social Accountability International hat es entwickelt, um die Einhaltung oben genannter Normen in den Zulieferbetrieben überprüfen zu können, erfährt man. Aha. Soso. Wieder was gelernt. Aber was eigentlich genau? Diese Ausstellung ist keine Mode- und keine Designschau. Sie ist wichtig und politisch korrekt, aber gute Laune macht sie nicht.

Echte Entdeckungen und einen optimistischen Ausblick bietet das „Slow Fashion Lab“. Dort präsentieren junge Designer, Modegestalter und Unternehmer aus Sachsen auf einem Laufsteg ihre Kollektionen. Wie wäre es mit einem roten Kleid aus Leder, das mit Rhabarberextrakt gegerbt wurde? Oder mit neongelb leuchtenden Radhosen und -westen aus einer Kunststofffaser, die 90-mal recycelt werden kann? Alternativen zur Billigmode mit dem schnellen Verfallsdatum wären auch, Altes gegen Neues zu tauschen oder Kleidung auszuleihen. Das Internet macht es möglich. Nur die Socken stopft der heimische PC immer noch nicht. Und die losen Knöpfe muss man per Hand und mit Nadel und Faden annähen, falls noch jemand weiß, wie das geht.

Aber mal ehrlich: Mehr Spaß macht doch immer noch ein Beutezug durch die Geschäfte. Gerade jetzt, so kurz vor Weihnachten braucht frau unbedingt noch etwas Schickes für die Festtage. Man kann doch wirklich nicht noch einmal aus dem Schrank holen, was man im vorigen Jahr am Heiligabend trug. Was soll denn der Weihnachtsmann denken?! Also, auf geht’s! Man gönnt sich ja sonst nichts.

„Fast Fashion – Die Schattenseiten der Mode“, bis 3. Juli

2016 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden;

geöffnet dienstags bis sonntags und an Feiertagen

von 10 bis 18 Uhr. Der Katalog kostet 6,90 Euro.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein