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Donnerstag, 31.12.2015

Handarbeit und Hitlerei

2015 war in Deutschland das erfolgreichste Kinojahr aller Zeiten. Mit mehr Qualität hatte das nicht unbedingt zu tun.

Von Thomas Klein, Oliver Reinhard und Andreas Körner

Obwohl die Schulkomödie „Fack ju Göhte 2“ nicht so gelungen war wie ihr Vorgänger, zog die Fortsetzung noch mehr Zuschauer als Teil 1 an und wurde mit insgesamt 7,6 Millionen Besuchern der erfolgreichste Film in Deutschland.
Obwohl die Schulkomödie „Fack ju Göhte 2“ nicht so gelungen war wie ihr Vorgänger, zog die Fortsetzung noch mehr Zuschauer als Teil 1 an und wurde mit insgesamt 7,6 Millionen Besuchern der erfolgreichste Film in Deutschland.

© PR

Liegt’s an der zunehmenden Neigung zum Event? Daran, dass sich mehr und mehr Filmfreunde schon Wochen vor dem Start eines Großereignisses Karten kaufen, gemeinsam hingehen und jeden öffentlich bedauern, der „den neuen Bond“ oder „den neuen Schweiger“ noch nicht gesehen hat? Die Gründe bleiben vorerst dunkel, die Fakten aber strahlen hell: Schon vor dem endgültigen Kassensturz im Februar 2016 steht fest, dass 2015 in Deutschland das erfolgreichste Kinojahr aller Zeiten war. Mit rund 125 Millionen Besuchern bis zum 27. Dezember, sechs Millionen mehr als 2014. Wie monströs das Wachstum ausfällt, zeigt die Chartsspitze: Brauchten „Monsieur Claude und seine Töchter“ nur 3,6 Millionen Zuschauer, um 2014 erfolgreichster Film zu werden, zog „Fack Ju Göhte 2“ nunmehr 7,6 Millionen an. Das Kinojahr als rätselhafter Meilenstein …

Großkino

Das dickste Ende kam erst zum Schluss: J. J. Abrams’ „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ scheint alle Rekorde zu brechen. Allein an den ersten beiden Wochenenden nach dem Start wollten 4,4 Millionen Menschen das siebente Abenteuer des Weltraum-Epos sehen. Gute Nachrichten für Disney, denn neben Marvel und Pixar gehört dem Konzern eine weitere Erfolgsmarke. Solange dadurch Großartiges wie „Alles steht Kopf“ entstehen kann, warum nicht? Der Blockbuster hat auch branchenweit Folgen: Abrams hat weitreichend auf Computerbilder verzichtet und in realen Sets gedreht, mit Modellen und Bauten, auf analogem Material. So was kommt in Mode: Tom Cruise hat sich in „Mission: Impossible – Rogue Nation“ wirklich an ein startendes Flugzeug gehängt, und Ridley Scott fand für seinen hübschen „Der Marsianer“ den Roten Planeten in Jordanien.

Freilich stand dieser Rückkehr zu Handarbeit und Klassik 2015 viel eher digitales und maschinelles Kino gegenüber. Vom Fließband in die Charts kamen laue Fortsetzungen („Avengers 2“, „Fast & Furious 7“, „Mockingjay Teil 2“, „Bond 24“) und schlampige Industrieware wie „50 Shades of Grey“ oder „Jurassic World“.

Obwohl neben einer Katastrophe wie „Fantastic Four“ auch funktionierende Innovation wie „Der Marsianer“ steht, mag Hollywood keine Experimente mehr und steckt Geld statt in Stoffentwicklung und Kreativität lieber ins Marketing. Ohne Omnipräsenz der „Minions“ in der Werbung hätte der mäßige Film kaum über eine Milliarde Dollar eingespielt. Und so schließt sich der Kreis: Ob „Star Wars“ auch ohne galaktischen Werbeaufwand Rekordmeister werden könnte, muss wohl bezweifelt werden. (Thomas Klein)

Heimkino

Klar können wir auch anders. Aber irgendwie wollen wir nicht anders: Der deutsche Film reflektierte 2015 paradigmatisch unsere Dunkelgeschichtsbesessenheit – es hitlerte ausgiebig. Das Biopic „Elser“ verhandelte direkt die NS-Zeit, „Phoenix“ unmittelbare menschliche und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ die nachkriegsgesellschaftlichen Folgen. „Heil“ verhob sich am Versuch einer persiflierenden Groteske heutigen Neonazitums, und „Er ist wieder da“ holte Hitler ins Heute, hinkte der Qualität der Buchvorlage aber in jeder Hinsicht hinterher. Rechnet man die TV-Neuverfilmung „Nackt unter Wölfen“ hinzu, ist das Sortiment filmischer deutscher Vergangenheitsbearbeitungsstrategien komplett: Vom Aufklärungskino mit Entertainmentqualität bis zum Entkrampfungsfilm samt Zwerchfellmassagegutschein – auch das macht uns keiner nach.

Doch abgesehen von den 19 Millionen Euro der 2,4 Millionen Zuschauer von „Er ist wieder da“ haben die Hitlerfilme eher wenig beigetragen zum kassenmäßig sehr, klassenmäßig aber weniger erfolgreichen Ergebnis der heimischen Produktionen. So groß die Freude über die 7,6 Millionen Zuschauer des faden „Fack Ju Göhte 2“, über die 6,2 Millionen von Til Schweigers rührseligem „Honig im Kopf“ und den stolzen deutschen Gesamt-Marktanteil von um die 25 Prozent (und damit wiederum 25 Prozent mehr als 2014) ist; sehr viel dünnliche Dutzendware wie „Frau Müller muss weg“ oder „Highway to Hellas“ verstopfte die Leinwände. Und massig eine Sorte Deutschkino wie „Familienfest“, das Ambition schon für Innovation oder gar Mut hält.

Immerhin sorgte Alain Gsponers deutsch-schweizerische Neuauflage „Heidi“ für einen hübschen Retro-Klecks im Familienkino. Zeigte Wim Wenders internationale Koproduktion „Every Thing Will Be Fine“, dass 3-D-Technik auch ein stilles Drama ungemein bereichern kann. Wurden Sebastian Schipper und sein Berlindrama „Victoria“ zum deutschen Kinoereignis des Jahres. Was bewies, dass wirklicher Mut wie Schippers Vorhaben, einen 140-Minuten-Film in einer einzigen Kamerasequenz zu drehen, immer wieder mal von verdientem Erfolg gekrönt wird. (Oliver Reinhard)

Kunstkino

Keiner der vielen aufrechten Programmkinobetreiber sollte in seinem Bemühen um die Filmkultur diskreditiert werden. Sie leiden selbst schon genug und wissen um die Ursachen eines äußerst schwachen Jahrgangs. Die Zahlen, nein, sie stimmen nicht frohgemut, weder die der Kasse noch die der Menge gestarteter Filme. Erstere sind (wieder) zu niedrig, Letztere (wieder) zu hoch. Zwei Tendenzen, vor denen Kenner seit Langem schon warnen. 2015 aber war der Gipfel. Kaum ein internationaler Streifen, der die zumeist beruhigende 100 000-Besucher-Marke knacken konnte. „45 Years“, „Heute bin ich Samba“, „Die Gärtnerin von Versailles“, „Learning To Drive“, „Die Frau in Gold“, „Verstehen Sie die Beliers?“ waren Ausnahmen, deren Qualität war aber nicht immer adäquat. Nach oben gab es nicht einen ernst zu nehmenden Ausreißer, nach unten zu viele.

Gründe? Früher gab es im Angebot von Arthaus und Multiplex wahrnehmbare Grenzen, jetzt verwischen sie. Hier kommen ohne Scham „Bond“ und „Göhte“, dort wird zugegriffen, falls ein kleiner Film groß zu werden verspricht. Doch dieses Jahr hatte eben keinen „Monsieur Claude“ parat und auch nicht „seine Töchter“.

2015 brachte sowieso zu wenige beliebte leichte Stoffe, die man mühelos goutieren kann in einer Zeit, da sich zu viele Menschen (auch Programmkino-Stammgäste) genervt und angestrengt fühlen von den Haken des Alltags. Sagen sie jedenfalls und begründen so ihr Wegbleiben. Selbst „Hardcore“-Sichter, die sich noch jede Dokumentation über baumlose Wälder oder eklige Lebensmittel angesehen haben, fehlen jetzt. Es sei denn – eine nicht unbekannte, nur verstärkte Tendenz –, man ruft zum „Event“, zu geschlossenen Reihen und Premieren mit Gästen. Und Themen, auf die man sich mühelos einigen kann.

Bleibt die Aufzählung einiger Höhepunkte, nur, damit man davon auch mal was gehört hat: „Looking For Silence“, „Atlantic“, „Die Maisinsel“, „Escobar“, „The Forecaster“, „Zweite Chance“, „Von Pferden und Menschen“. (Andreas Körner)

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