erweiterte Suche
Dienstag, 22.03.2016

Gründlich zum ganz großen Ding

Millionen Youtube-Klicks, ausverkaufte Hallen und jetzt die Debütplatte: Die Karriere der Kölner Band AnnenMayKantereit geht steil nach oben.

Von Henrik Boerger

Mal heimelig im Wohnzimmer: die Kölner Band AnnenMayKantereit mit (v.l.) Christopher Annen, Henning May, Malte Huck und Severin Kantereit.
Mal heimelig im Wohnzimmer: die Kölner Band AnnenMayKantereit mit (v. l.) Christopher Annen, Henning May, Malte Huck und Severin Kantereit.

© Fabien J. R. Raclet

Verstehen Sie das nicht falsch: AnnenMayKantereit (AMK) gelten als die neue große Hoffnung deutschsprachiger Popmusik. Und obwohl ihr erstes Studioalbum „Alles Nix Konkretes“ gerade erst erscheint, muss die junge Gitarrenband aus Köln längst keine Versprechen mehr einlösen. Die gesamte Tour 2016 ist wie das anstehende Konzert in Dresden bereits ausverkauft. Die vermeintlich wundersamen Geheimnisse dahinter klingen einfach wie einleuchtend: Intuition und Eigenregie.

AMK widersetzen sich seit ihrer Gründung 2011 gekonnt den Pop-Mechanismen zwischen Plattenvertrag, straffem Zeitplan und organisiertem Marketing. Ein Prinzip, bereits im Ausland bewährt, erreicht damit in bislang ungekanntem Ausmaß Deutschland: Scheinbar aus dem Nichts springt eine Gruppe junger Musiker ins öffentliche Rampenlicht und kann doch längst auf eine Basis von Tausenden textsicheren Fans zurückgreifen – über das Internet und auf der Bühne eigenständig erobert.

Wie im Bilderbuch lernen sich Christopher Annen, heute 25, Henning May, 24, und Severin Kantereit, 23, gegen Ende ihrer Schulzeit am wohlbehüteten Schiller-Gymnasium in Köln-Sülz kennen und gründen eine Band. „Die ganzen anderen Mitschüler waren auf Weltreise, und wir waren zu Hause und haben Straßenmusik gemacht“, erinnert sich Schlagzeuger Kantereit. Sie treten in Fußgängerzonen auf oder im Park. Erste auf Youtube hochgeladene Videos werden schnell zigfach geteilt und empfohlen. Kleine Klub-Gigs werden organisiert, unaufhaltsam entwickelt sich das Projekt zum Selbstläufer.

Auf Anraten des auf Nachhaltigkeit konzentrierten Managements wird so lange wie möglich dem Prinzip Eigenregie die Treue gehalten. „Wir waren da immer sehr interessiert, alles zu verstehen und auch selber zu machen“, betont Kantereit. „Und so ist das dann ein immer größeres Konstrukt geworden. In allen Bereichen, sei es im Booking oder was die ganze Live-Crew betrifft, mit der man jetzt unterwegs ist. Jetzt ist das schon so eine große Gruppe. Aber das fühlt sich, weil man sich mit allem so viel Zeit gelassen hat, sehr schön an – auf einem Fundament, auf dem man allen vertraut.“

Mit sagenhaft rauer Stimme

Mitte 2014 stößt der Bassist Malte Huck, 22, zur Band. Noch immer aber gibt es zu diesem Zeitpunkt weder einen unterschriebenen Plattenvertrag noch einen ordentlich produzierten Tonträger. Es folgen Tourneen und Konzerte im Vorprogramm bekannter Künstler wie den Beatsteaks, Clueso oder Kraftklub. AMK schätzen heute, in den vergangenen zwei Jahren ungefähr 200 Konzerte gegeben zu haben.

Die Band entschließt sich, eine über Crowdfunding finanzierte EP zu produzieren und selbst zu vertreiben. Die Unterstützung ist enorm, innerhalb weniger Tage kommt mehr als das Dreifache des benötigten Betrages zusammen. „Weil für uns auch klar war, live aufzunehmen“, erklärt Gitarrist Annen, bucht die Band den für seinen organischen Sound bekannten Produzenten Moses Schneider und leistet sich bewusst die renommierten Räume der Hansa Studios in Berlin.

Erst seit August 2015 steht die Band bei Universal Music unter Vertrag: „Weil die natürlich auch sehen, dass wir so viele eigene Ideen haben, die supergut klappen“, wie Severin Kantereit bescheiden formuliert und damit ausverkaufte Konzerte vor mittlerweile über 2 000 Leuten und YoutubeVideos mit zehn Millionen Klicks meint. „Da haben die auch kein Interesse, groß was an einem zu verändern.“

Und so singt Henning May auch auf „Alles Nix Konkretes“ mit einer sagenhaft rauen Stimme Lieder über die Liebe und das junge Leben. AMK bedienen sich dazu aus Pop, Rock, Blues und Folk. Nicht überladen, jedes Element findet Raum im Stile englischer Arrangements der 70er-Jahre. Mehr als zwei Wochen hat die Band dabei nicht gebraucht, um zwölf Stücke in genau 100 Takes einzuspielen. „Klanglich und musikalisch war die Grundüberlegung bei der Produktion, dass alles schon bei der Aufnahme so fertig klingt wie möglich“, erklärt Co-Produzent Tim Tautorat. Denn „ohne Netz und doppelten Boden Entscheidungen zu treffen, weil man sie für richtig hält, im konkreten Moment“, das sei ohnehin ein Grundansatz der Band AnnenMayKantereit. (dpa)

Das Album: AnnenMayKantereit,

„Alles Nix Konkretes“ auf Universal. Das Dresden-Konzert am 25. April im Alten Schlachthof ist bereits ausverkauft.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein