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Freitag, 03.11.2017

Gespaltenes Bewusstsein

Sachsens Konservative sind gut darin, Illusionen zu erschaffen. Was, wenn sie nun zerplatzen?

Von Michael Bittner

Michael Bittner
Michael Bittner

Hat die CDU in Sachsen mehr noch als anderswo Wähler an die Rechtspopulisten verloren, weil die Konservativen nicht mehr konservativ genug waren? Diese Erklärung mancher Ratgeber ist gewiss nicht ganz falsch. Aber reicht sie allein aus? Weil ich gern vom Wissen von Experten profitiere, habe ich den griechischen Philosophen Panajotis Kondylis konsultiert, den wohl besten Kenner der Geschichte des Konservativismus. Er stellte bei jenen modernen Rechten, die sich „Konservative“ nennen, ein gespaltenes Bewusstsein fest: Sie haben sich nach dem Ende von Monarchie und Feudalismus zwar mit dem Kapitalismus angefreundet, kaum aber mit der liberalen Gesellschaft und dem Sozialstaat. Sie begrüßen das Wachstum und den globalen Wettbewerb, wehren sich aber gegen den sozialen Wandel, der von diesen Prozessen ausgelöst wird. Sie entfesseln den Markt und klagen dann darüber, dass auch alte Sitten und Grenzen gesprengt werden.

Mit solchen Illusionen wurde seit der Wende in Sachsen Politik gemacht. Die Konservativen schickten die Sachsen hinaus auf den Weltmarkt, gaben ihnen aber zugleich das Versprechen, fremde Einwanderer zu Hause brauche man nicht. Sie freuten sich über arabische Investoren und dekretierten, der Islam gehöre nicht zu Sachsen. Sie priesen die Schönheit der heimatlichen Landschaft, aber ließen sie wegbaggern, wenn unter ihr Kohle zu holen war. Sie lobten das gesunde Landleben, während die kranken Leute auf dem Land verzweifelten, weil sie keinen Arzt mehr fanden. Sie forderten mit Donnerworten Recht und Ordnung und strichen Stellen bei der Polizei. Sie salbaderten sonntags vom Erhalt der abendländischen Kultur, während sie an den Universitäten die Kulturwissenschaften aushungerten. Sie lobten die Bürgertugend, aber vernachlässigten die politische Bildung, als wäre das Leitbild der Erziehung in Sachsen nicht der mündige Bürger, sondern der Fachidiot. Sie verlangten von Müttern, mehr Kinder auf die Welt zu bringen, waren aber unfähig, genügend Erzieher und Lehrer für diese Kinder einzustellen.

Zurzeit platzt so manche Heuchelei und die Leute sind unzufrieden. Aber einige Lügen waren auch gemütlich. Darum schauen sich viele Sachsen nach unverbrauchten Illusionisten um. Und siehe da: Es stehen schon welche bereit!