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Dienstag, 10.10.2017

Geschlossene Gesellschaft

Bombendrohung und Hassmails: Der Friedrichstadtpalast will keine AfD-Wähler als Zuschauer. Aber was soll das?

Von Johanna Lemke

Am Ende doch noch Versöhnung? Friedrichstadtpalast-Chef Bernd Schmidt (r.) mit dem AfD-Mann Ronald Gläser.
Am Ende doch noch Versöhnung? Friedrichstadtpalast-Chef Bernd Schmidt (r.) mit dem AfD-Mann Ronald Gläser.

© dpa

Das ist einmalig: Ein komplettes Theater wird kurz vor der Vorstellung evakuiert. Eine Bombendrohung ist am Sonnabend im Berliner Friedrichstadtpalast eingegangen, 1 700 Zuschauer müssen das Haus verlassen. Eine Bombe, im Theater?

Unklar ist, ob die Drohung, die letztlich glücklicherweise eine blieb, eine Reaktion auf die Ereignisse der letzten Tage war. Denn letzte Woche hatte der Friedrichstadtpalast-Intendant Berndt Schmidt in einem Rundschreiben an seine Belegschaft betont, dass er auf AfD-Wähler gern verzichte. Er wolle sich in Zukunft noch stärker „von 20 oder 25 Prozent unserer potenziellen Kunden im Osten abgrenzen“. Schmidt gab seinen Brief an einen Spiegel-Online-Journalisten weiter, der aus diesem zitierte. Nicht alle AfD-Politiker seien Nazis, schrieb Schmidt auch noch, „und auch nicht alle AfD-Wähler*innen. Aber wer AfD wählte, wusste, dass er auch Nazis in den Bundestag wählt. Wer das aus Angst oder Sorge oder Protest in Kauf nimmt, ist ein Brandstifter und Mittäter“.

Was dann passierte, kann man als einen veritablen Shitstorm bezeichnen. „Reichlich hasserfüllte ‚Fanpost‘“ sei eingegangen, so Schmidt auf Facebook, unter anderem Hunderte Hassmails und auch Morddrohungen. Am Sonnabendnachmittag besuchte eine Delegation von AfD-Wählern eine Vorstellung im Friedrichstadtpalast – die Partei hatte Freikarten spendiert. Abends kam dann die Bombendrohung. Seit Jahren versuchen Kultureinrichtungen, sich zu dem Rechtsruck im Land zu verhalten, meist auf künstlerischer Ebene. Die Spielpläne der Theater sind voll von Stücken und Inszenierungen zu den Themen Flucht und Ausgrenzung. Zunehmend beziehen Intendantinnen und Intendanten aber auch direkt Stellung im politischen Diskurs. Besonders im Osten setzen sich die Theaterleiter mit der Frage auseinander: Wie erreichen wir mit unserem Programm die Zuschauer, die sich abgehängt fühlen?

Der Friedrichstadtpalast tat das Gegenteil. Er machte zu. Sein Chef hat keine Toleranz für diejenigen übrig, die andere nicht tolerieren. Das ist einerseits ein Widerspruch – natürlich gehört es zu einer Demokratie, dass man niemandem vorschreiben kann, welche Kulturdarbietung er wahrnimmt. Es wundert auch nicht, dass der Berliner AfD-Abgeordnete Dieter Neuendorf flugs forderte, dem Friedrichstadtpalast die Subventionen zu kürzen. An diese Folklore hat man sich in Bundesländern mit AfD-Beteiligung bereits gewöhnt.

Die Entscheidung über die Höhe der Fördersummen für Kultureinrichtungen richtet sich in unserem Land glücklicherweise nicht nach der politischen Einstellung ihrer Leiter. Dennoch bleibt die Frage, ob nicht eben die ausschließende Haltung, die der Theaterchef Schmidt an den Tag legt, eine Teil-Verantwortung am Erfolg der AfD hat. Der Großteil der Wähler machte sein Kreuz aus Protest. Wo sich Türen schließen, entsteht Widerstand. Vielleicht sah er das sogar selbst ein: Nach dem Protest-Besuch der AfD-Zuschauer schüttelte Bernd Schmidt dem AfD-Sprecher Ronald Gläser versöhnlich die Hand. Ganz zu macht er dann wohl doch nicht.