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Freitag, 02.06.2017

Gescheiterte Integration

Erst sollen die Wörter vollständig germanisiert werden, dann am besten das ganze Volk.

Von Michael Bittner

SZ-Kolumnist Michael Bittner.
SZ-Kolumnist Michael Bittner.

© ronaldbonss.com

Jüngst las ich die „Deutsche Stilkunst“ von Eduard Engel. Der Autor hatte mit seinem Buch einst großen Erfolg; im Jahr 1931 erschien es in der 31. Auflage. Allen Liebhabern der deutschen Sprache kann ich das Werk nur wärmstens empfehlen. Engel, ein mit den europäischen Literaturen vertrauter Schriftsteller, lehrt die Grundzüge eines wahrhaftigen, verständlichen und schönen Prosastils.

Nur eines stört: Engels beständige Wutausbrüche gegen die „Fremdwörterei“.

Es gibt gute Gründe, vor einem übertriebenen Gebrauch von Fremdwörtern zu warnen: Sie sind schwerer verständlich, ihnen fehlt anfangs die lebendige Verbindung zum deutschen Wortschatz, sie dienen oft Angebern zur sprachlichen Hochstapelei. Doch Engels Krieg gegen Fremdwörter ging über jedes vernünftige Maß hinaus. Der Gebrauch von Fremdwörtern war für ihn eine „Seuche“, eine „krebsartige Sprachkrankheit“. Er redete von einem „fremden Blutgift“ und bezichtigte Menschen, die Fremdwörter gebrauchten, sie übten sich im „Mauscheln“ und redeten eine „Zigeunersprache“. Nicht weniger als alle Fremdwörter wollte Engel möglichst aus der deutschen Sprache „ausmerzen“.

Engel redete über Fremdwörter so, wie fanatische Antisemiten gleichzeitig über die Juden sprachen. Engel aber war selbst jüdischer Herkunft, hatte sich allerdings von dieser Kultur völlig gelöst. Politisch war er ein stramm deutschnationaler Mann. Vor diesem Hintergrund erscheint sein Krieg gegen die Fremdwörterei in trübem Licht: Der jüdische Deutsche wollte offenbar seinen rechten Gesinnungsgenossen durch Sprachnationalismus die eigene Deutschheit beweisen. Sie dankten es ihm nicht. 1933 wurde Engel von seinen puristischen Kameraden verlassen. Nach seinem Tod wurde sein Buch von dem Nazi-Mitläufer Ludwig Reiners für ein eigenes ausgeschlachtet.

Aus diesem tragischen Fall lässt sich lernen: Auch heute erklingt der Lockruf der Rechten, Fremde müssten sich doch nur vollständig germanisieren und wären dann auch willkommen. Im Vertrauen auf dieses Versprechen werfen Einwanderer ihr Erbe ab, ja einige helfen wie Akif Pirinçci sogar als nützliche Idioten dabei, ihre alte Kultur zu denunzieren. Sicher aber ist: Sollten die Nationalisten aufs Neue an die Macht kommen, dann nützen Sprache und Kultur gar nichts. Dann zählt wieder einmal nichts als das Blut.