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Freitag, 18.05.2012

Geht es Ihnen gut?

Die Ärzte probieren es beim Tourstart in Zwickau mal mit guten Manieren. Länger als eine Stunde halten sie das nicht durch. Gott sei Dank.

Von Andy Dallmann

Ein Mittvierziger stopft Zementsäcke in den Kofferraum, sein Nachbar packt derweil das Wegzehrungspils aus und prostet ihm zu. Eine Mutti mit grünsträhniger Frisur verstaut stumm ihre neuen Balkonblumen im Auto, daneben singt ihre Doppelgängerin kichernd ins wolkenlöchrige Himmelblau. Auf dem Baumarktparkplatz neben der Zwickauer Stadthalle gibt es am Mittwochabend kaum eine freie Lücke, doch für den Andrang zwei grundverschiedene Motive: Vorfeiertags-Shopping trifft Ärzte-Konzert-Premiere. Trotz Überschneidungen beim potenziellen Klientel werden die Kunden des rockenden Trios eindeutig besser bedient. Die Herren arbeiten intensiver, lauter und länger – und spendieren jedem ihrer Gäste ein Beutelchen voller Glückhormone, das länger vorhält, als der Heimweg dauert. Eine großartige Leistung; wir werden Sie weiterempfehlen!

Etwas Förmlichkeit ist an dieser Stelle durchaus angebracht, wurde sie doch auch von der besten Band der Welt – aus Berlin! – zelebriert. Denn zur offiziellen Eröffnung ihrer „Das Ende ist noch nicht vorbei“-Tour probierten es Die Ärzte ausnahmsweise mal mit guten Manieren. Die erste Überraschung der Show, die irritierend früh um 19.30 Uhr beginnen sollte. Ein Test offensichtlich. Und so lautete die Antwort auf die mit dem Eröffnungssong gestellte Frage „Ist das noch Punkrock?“: Jein. Während die Band in guter Tradition eine halbe Stunde bis zum Einmarsch vertrödelt hatte, packte manchen im Publikum ganz fix die Ungeduld. Rock’n’Roll-Lässigkeit geht anders; wie, das führten Die Ärzte dann überzeugend und nachhaltig wirksam vor.

Vor weiter weißer Leinwand aufgereiht, ohne jeden Show-Schnulli und gerade deshalb so effektiv: Drei Männer, drei Instrumente, ein bisschen buntes Licht – wer Spaß haben wollte, musste nur zuhören können. Nicht nur, dass Farin Urlaub und Bela B. bei jeder Ansage ihre viereinhalbtausend Gäste in der seit Langem ausverkauften Halle brav siezten, sie trieben die neue Höflichkeit bis in die Songtexte hinein. „Es ist nicht Ihre Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär’ nur Ihre Schuld, wenn sie so bleibt.“ Vorsichtshalber fragte Farin Urlaub sofort nach: „Geht es Ihnen wirklich gut?“ Aber sicher. Selten war es besser. Eine derartig straffende Kur für den gesamten Körper wirkt Wunder. Die Ärzte führen ihren Namen eindeutig zu Recht, auch wenn ihre Mittel zweifelsfrei unkonventionell sind.

Pfeif auf Perfektion, wenn das Herzblut förmlich überkocht. Dass die drei nach eigenem Bekunden etliche Songs erstmals beim Premierenkonzert probten, darf man ihnen glauben. Doch was bedeutet schon Präzision, wenn es um Leidenschaft geht? Nichts. Ganz egal, dass der Sound mal eher rumpelte als rockte. Unerheblich, dass Stehtrommler Bela B. bei seinen Einsätzen als Vorsänger ein paar Zeilen versumpfte. Nur um die inneren Werte ging es: Laut, rotzig und mit speziellem Witz machte die Band nicht nur Werbung für sich, ihre neue und fast komplett abgearbeitete Platte „Auch“, sondern für ein ganzes Genre. Das mit dem Song „TCR“ formulierte Versprechen „Wir kümmern uns um den Rock“ wurde in Zwickau gleich mehrfach eingelöst.

Erfolg verbindet. Und so hatten Die Ärzte nach gut einer Stunde Lust auf Verbrüderung – sie boten dem Publikum das Du an und nutzten die neue Vertraulichkeit, ein paar Zoten loszuwerden. Vor allem aber gaben sie musikalisch Gas und bliesen schließlich den Zugabenblock – stilrichtungsweisend mit „Cpt. Metal“ eröffnet – fast noch einmal auf Standardkonzertlänge auf. Nach zweieinhalb Stunden entließ die Band ihre Fans mit schmerzenden Ohren und jubelndem Herzen in die Nacht und auf einen Baumarktparkplatz ganz ohne Baumarktkunden. Die hatten längst das Feld geräumt und folglich nicht erfahren, dass der Rock die Welt regiert. Doch Die Ärzte sind ja erst am Anfang ihrer Tour und werden weiter Aufklärungsarbeit leisten.

Die Ärzte spielen am 10., 11. und 12. August auch bei den Dresdner Filmnächten am Elbufer.