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Freitag, 31.03.2017

Gefährliche Auto-Suggestion

Gewaltfreier Streit ist der beste Schutz vor fatalem Irrtum. Leider begreift das nicht jeder.

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Wenn Menschen eine Lage als gegeben ansehen und aus dieser Lagebeurteilung heraus handeln, dann sind die Folgen dieses Handelns real – ganz gleich, wie irreal die „Situationsdefinition“ war. So funktionieren Liebes- und Politikintrigen in Film und Theater, so entstehen Bankzusammenbrüche („Die Bank kriselt, also jetzt auch mein Geld noch schnell abheben!“), so beginnen politische Massenverbrechen. Wenn nämlich Afroafrikaner „keine richtigen Menschen“ sind, kann man sie versklaven; und wenn Kulaken oder Fabrikanten „objektive Volksfeinde“ sind, muss man sie eben in den Tod oder aus dem Land treiben.

Falls Situationsdefinitionen sich auf Reales beziehen, also jemand seinen Schirm bei Regenwetter aufspannt, gibt es nichts zum Wundern. Anders ist es, wenn jemand bei Kondensstreifen am Himmel nach Schutz vor Gift von oben sucht. Dann fragt man sich schon, warum er rein Eingebildetes für die Wirklichkeit nimmt und reale Handlungen aus irrealen Situationsdefinitionen ableitet. Den Weg zur Antwort weisen Begriffe wie „alternative Fakten“, „Filterblasen“ und „Echokammern“. Besonders wirksam wird alles das in jenen „sozialen Medien“, die heute den Tratsch am Brunnen oder das Schwadronieren am Stammtisch fortsetzen. Und Gefahr entsteht, wenn dabei Feindbilder kultiviert werden oder man vom „Feind“ genau das für wahr hält, was man gern über ihn hört. Das verband bei der Judenfeindschaft Millionen von Alltagsgesprächen mit Auschwitz, bei der Ketzerverfolgung die private Verleumdung mit dem Scheiterhaufen.

Der beste Schutz gegen das alles wäre gewaltfreier Streit darüber, was wirklich der Fall ist, welche Maßstäbe ein gerechtes Urteil erlauben, welches Handeln zu einer offenen Gesellschaft passt. Erstaunlich ist, dass vielen Leuten das alles nicht ebenso einleuchtet wie die Kugelgestalt der Erde. Rätselhaft ist, warum manche sich gegen die Zurkenntnisnahme von Fakten so spitzfindig wehren wie die Gelehrten in einer berühmten Szene aus Brechts „Leben des Galilei“: Die wollten einfach nicht durch jenes Fernrohr blicken, das ihnen gezeigt hätte, wie es um die Gestirne wirklich steht. Und besorgt macht es, wenn solche Leute nicht begreifen, dass unzulängliches eigenes Wissen in Verbindung mit dem „Willen zur Tat“ die Welt nicht wirklich verbessert.

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