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Montag, 13.11.2017

Freie Fahrt für Ausreißer

Mit „Herr der Diebe“ will das Staatsschauspiel Dresden dem Kino Konkurrenz machen.

Von Rafael Barth

Der Herr der Diebe (Emil Borgeest, l.) und seine Bande nehmen Kurs auf eine geheime Insel vor Venedig. Die Meereswellen im Hintergrund wogen digital.
Der Herr der Diebe (Emil Borgeest, l.) und seine Bande nehmen Kurs auf eine geheime Insel vor Venedig. Die Meereswellen im Hintergrund wogen digital.

© sebastian hoppe

Die Wände schwarz verrußt, eine Neonröhre flackert, Graffiti hier und da, selbst auf der Leinwand, denn dort läuft schon lange kein Film mehr. Es ist ein verlassener Kinosaal, in dem der Herr der Diebe eine Bande von Halbwüchsigen um sich schart. Statt brav in die Schule zu gehen, fläzen sie sich im abgerockten Lichtspielhaus auf speckigen Matratzen, spielen Gitarre, singen Lieder, planen den nächsten Deal. Sie verhökern Geklautes, um ihr Aussteigerleben zu finanzieren. Ihr Meister hält sich mit Mantel und venezianischer Maske bedeckt, seine Weisheiten sticht er mit dem Zeigefinger in die Luft: „Diebe sollten nicht zu gierig werden, sonst erwischt man sie.“

Ein Kino also ist der Ort, an dem sich Kinder vor den Zumutungen der Erwachsenenwelt in Sicherheit glauben. Vielleicht hat man sich am Staatsschauspiel Dresden auch deshalb dazu entschieden, die Inszenierung von „Herr der Diebe“ fast wie einen Film abschnurren zu lassen. Die Premiere lief am Samstag im Schauspielhaus. Nach gut zwei Theaterstunden haben Tempo, Effekte und vor allem die bildmächtige Bühne mehr Eindruck hinterlassen als die Schauspieler: Der Platz für Nuancen ist schmal.

Bühnennebel kriecht ins Parkett, Herbst in Venedig. Schon im Roman aus dem Jahr 2000 lieferte die geheimnisumwitterte Stadt die perfekte Kulisse für die Abenteuer der Kinderbande. Cornelia Funke schrieb einen internationalen Bestseller, der selbstverständlich auch verfilmt wurde. Das Theater steht somit weit hinten in der Verwertungskette. Aber es wachsen ja immer auch neue Menschen nach, die sich dank der hauseigenen Trickkiste begeistern lassen.

Besorgter Bruder

Wie eines der Bilderbücher, in denen sich dreidimensionale Gebilde erheben, fächert die Drehbühne wunderbare Räume auf: den Markusplatz mit den Kaffeetischen, eine Brücke zwischen Häusern, einen Salon. Die Schauplätze sind über Gänge, Treppen, Türen raffiniert miteinander verbunden. Sonst könnten die Kinder niemals so fix von einem Ort zum anderen gelangen. Das aber ist wichtig. Eine perlenbehängte Dame hat einen Detektiv angeheuert, ihren ausgebüxten Neffen zurückzubringen, den sie erziehen und vor allem knuddeln will. Würde Bo von der Gruppe getrennt, verlöre er auch seinen älteren Bruder Prosper. Für beide ein Unding. Und für den Großen ein Grund mehr für Handgreiflichkeiten.

Prosper packt seinen kleinen Bruder am Kopf und an den Schultern, um ihm Vorsicht einzubläuen. Die Sorgenfalten sind sein Erkennungszeichen, im Wutausbruch tritt er gegen Matratzen. Mit dieser Energie setzt Paul Wilms seinen Prosper deutlich ab von den anderen, den eher unbekümmerten Figuren. Eine Vergangenheit im Waisenhaus oder ähnliches kann man ihnen nicht anmerken. Tillmann Eckardt gibt dem kleinen Blondschopf Bo eine hübsche Naivität.

Selbst, wer regelmäßig ins Staatsschauspiel geht, dem sagen die Namen Wilms und Eckardt nichts. Fünf Spieler in diesem Stück sind an der Leipziger Theaterhochschule eingeschrieben, seit dieser Saison sammeln sie Praxiserfahrung in Dresden. Neu im Ensemble ist Moritz Dürr. Seinen tapsig-humorvollen Detektiv erkennt trotz Hut- und Bartwechseln jeder sofort. Philipp Lux als einziges bekanntes Gesicht fühlt sich als Nebenrollenkönig offenbar ganz wohl und zeigt: Er kann auch Pudel und Nonne. Daniel Séjourné führt als schauspielernder Gitarrist durch die Inszenierung, besingt Venedig ebenso wie Schildkröten und Spaghetti.

Die stimmungsvollen Lieder stehen in der Bühnenfassung von „Herr der Diebe“, die Brigitte Helbling geschrieben hat. Ihr Mann Niklaus Helbling führt Regie. Den Druck, vierhundert Buchseiten auf gut hundert Theaterminuten umzurubeln, merkt man der gedrängten Inszenierung an. Und eben auch das Bedürfnis, neben der Kinofassung nicht blass aussehen zu wollen. Wenn die Kinder im Boot zu einer sagenhaften Insel aufbrechen, projiziert die Technik Meereswellen auf eine große Wand. Wenn am Ende alle spaghettibeseelt beisammenhocken, dreht sich ein Pastabild auf einer Scheibe, die gerade noch der Mond war. Soll keiner sagen, Theater sei altmodisch.

Jedenfalls nicht so altmodisch wie der stinkreiche Vater, vor dem Scipio floh und sich zum Bandenführer machte. Die Konflikte werden nicht ausgespart, aber eben auch nicht ausgeleuchtet. „Herr der Diebe“ will vor allem unterhalten, es steht als Weihnachtsstück auf dem Plan des Staatsschauspiels. Und vermutlich werden viele kommen, die der Stoff schon in anderer Form verzückt hat.

Nächste Vorstellungen am 17., 19., 22., 29. November im Schauspielhaus Dresden. Kartentel. 0351 4913555

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