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Donnerstag, 07.01.2016

Frauen geben musealen Ton an

Für die Wirtschaft sind Frauen in Führungsetagen seit Jahren ein Thema. Aber auch in Sachsens Museen ist die Weiblichkeit auf dem Vormarsch. Und das nicht nur in den Staatlichen Kunstsammlungen.

Von Simona Block

Tulga Beyerle leitet als Direktorin das Kunstgewerbemuseum in Dresden.
Tulga Beyerle leitet als Direktorin das Kunstgewerbemuseum in Dresden.

© dpa

Dresden. Tulga, Hilke, Nanette, Stephanie - in der Runde der Museumsdirektoren bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) haben Frauen starkes Gewicht. Sie ist unter Generaldirektor Hartwig Fischer viel weiblicher geworden, das Verhältnis derzeit mit 4:4 sogar ausgeglichen - bei drei vakanten Chefposten. In der Amtszeit des 53-Jährigen übernahmen Frauen mit Format die Leitung von Kunstgewerbemuseum, Albertinum, Kupferstich-Kabinett und Staatlichen Ethnographischen Sammlungen: Tulga Beyerle aus Wien, Hilke Wagner aus Braunschweig, Nanette Jacomijn Snoep aus Holland und Stephanie Buck aus London.

Um die besten Köpfe zu gewinnen, sei Qualifikation entscheidend, nicht Geschlecht, Herkunft, Nationalität oder Religion, betont Fischer. Ob Frauen die besseren Chefs sind und die Direktoren nun das Fürchten lehren, ist für ihn kein Thema. Allerdings hätten sich schon Ton und Umgang im Führungsteam verändert, erzählt der unaufgeregte Feingeist. „Sie bringen eine andere Sensibilität, eine anders kalibrierte Intelligenz ins Spiel.“ Ein ausgewogenes Mann-Frau-Verhältnis in verschiedenen Ebenen tue - wie jedem Unternehmen - auch den SKD gut. „Vielfalt ist Stärke.“

Auch die Landesstelle für Museumswesen hat eine Direktorin. Es gebe bereits einen hohen Frauenanteil auf der Führungsebene der Museen, sagt Katja Margarethe Mieth. „Das ist nichts Neues und eigentlich selbstverständlich.“ Auch wegen der DDR-Vergangenheit, wo eine Chefin nichts Besonderes war. Viele der Museologen, Kultur- und Geisteswissenschaftler seien Frauen und auch die Kulturvermittlung weitgehend ihre Sache. In der Führungsetage indes sei das Verhältnis noch umgekehrt: drei Viertel Männer und ein Viertel Frauen. „Es gibt aber eine gewisse Anpassung.“

So hat Sachsen eine Landesarchäologin, eine Landeskonservatorin, eine Landesbibliothekarin - und die Kunstministerin Eva-Maria Stange. „Wichtige Museen werden von Frauen geführt“, sagt die SPD-Politikerin. Bei der Besetzung von Spitzenpositionen, für die vor allem fachliche Qualifikation und die Fähigkeit zur Personalführung entscheidend seien, werde ein ausgewogenes Verhältnis angestrebt. Stange sieht das Ziel erreicht, wenn der Gedanke oder die Notwendigkeit einer Quote kein Thema mehr sind.

Inzwischen folgen auch schon mal Männer Frauen auf den Chefsesseln - wie in den SKD. Dort hat sich der Frauenanteil in der Führungsebene im Vergleich zu 1990 vervierfacht; mit Sybille Ebert-Schifferer gab es 1998 bis 2001 sogar eine Generaldirektorin. Ihr damaliger Stellvertreter Dirk Syndram, Direktor von Rüstkammer- und Grünem Gewölbe, freut sich über die weibliche Verstärkung. „Es gibt Aufgaben, denen man sich stellen muss. Das hat nichts mit Mann oder Frau zu tun.“

Auch Albertinum-Direktorin Hilke Wagner sieht keine Unterschiede in der inhaltlichen Arbeit, aber im Umgang. „Frauen kommunizieren anders, sie haben eine andere Diskussionskultur und arbeiten für ein großes Ganzes.“ Es gebe weniger Konkurrenzdenken. Im Trio mit Beyerle und Snoep hat sie in wenigen Monaten die Direktorenkonferenz komplett umgekrempelt: Gesprächsforum statt Konferenz mit Tagesordnung. „Es ist lockerer und effektiver - und getroffene Entscheidungen werden umgesetzt“, schildert die gebürtige Hessin. „Das inspiriert alle, die da sind.“

Wagner, Beyerle und Snoep sind mehr oder weniger im gleichen Alter, inzwischen befreundet und wohnen im Szeneviertel Neustadt. Auch Buck, die erst im November nach Dresden kam, gehört schon zum „Girls Club“. „Frauen tun sich schneller zusammen“, stellt Beyerle fest. Die studierte Designerin frischt seit zwei Jahren das Kunstgewerbemuseum auf. „Man spürt den Generationswechsel - auch an der flacheren Hierarchie, der Transparenz und einem anderen Geist des Arbeitens.“ Dafür gebe Fischer den nötigen Raum. „Er hat ein Gespür für Menschen.“

Für die Holländerin Snoep sind Frauen in Spitzenpositionen nach 25 Jahren in Frankreich eine Selbstverständlichkeit. Dort gebe es viele Direktorinnen in der Kultur. „Hier sind Frauen im Führungsteam neu für Männer und sie müssen sich noch daran gewöhnen.“ Die 44-Jährige, Chefin von drei Museen wie dem Leipziger Grassi, ist begeistert von Fischers Idee vom Museum der Weltkultur, von und für die Welt und von seinem besonderen Interesse an der außereuropäischen Kunst. „Ich bin für ihn hierhergekommen.“

Auch für Buck, Direktorin des Kupferstich-Kabinetts, sind Frauen in Top-Positionen an international renommierten Museen Normalität. „Wir sind nicht nur gute Kolleginnen. Ich kann mir auch vorstellen, dass wir Freunde werden“, sagt die 51-Jährige, die zuletzt in London lebte. Genau dorthin zieht es Generaldirektor Fischer - als Direktor des weltberühmten British Museum. „Es ist sehr schade, dass er geht“, bedauern seine „Dresdner Frauen“ unisono. Die Nachfolge ist offen: Generaldirektor oder Generaldirektorin. (dpa)

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