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Donnerstag, 18.05.2017

Fliegendes Pferd, flügelloser Mensch

In Chemnitz sind Arbeiten von Wolfgang Mattheuer und Dagmar Ranft-Schinke zu sehen.

Von Uwe Salzbrenner

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Wolfgang Mattheuers Holzschnitt „Und die Flügel ziehen himmelwärts“ von 1979 ist in Chemnitz zu sehen.
Wolfgang Mattheuers Holzschnitt „Und die Flügel ziehen himmelwärts“ von 1979 ist in Chemnitz zu sehen.

© VG Bild-Kunst

  • Wolfgang Mattheuers Holzschnitt „Und die Flügel ziehen himmelwärts“ von 1979 ist in Chemnitz zu sehen.
    Wolfgang Mattheuers Holzschnitt „Und die Flügel ziehen himmelwärts“ von 1979 ist in Chemnitz zu sehen.
  • Wolfgang Mattheuer 2002 bei einer Ausstellungseröffnung.
    Wolfgang Mattheuer 2002 bei einer Ausstellungseröffnung.

Sie gehören von Biografie und Wirkung her nicht zueinander. Hier Wolfgang Mattheuer, einer jener Großkünstler der Leipziger Schule, die der DDR einst Anerkennung einbrachten und dem westlichen Kunstbetrieb eine gehörige Infusion abendländischer Tradition. 1975 Nationalpreis zweiter Klasse, 1977 vorgezeigt auf der Kasseler „documenta“. Die Schau zum 90. Geburtstag offeriert Druckgrafik aus der Sammlung Hartmut Koch. Dort mit einem Blick in das malerische Werk Dagmar Ranft-Schinke – einziges weibliches Mitglied der von 1977 bis 1982 in Karl-Marx-Stadt ansässigen Produzentengalerie „Clara Mosch“, deren Arbeit bis ins Private durch die Staatssicherheit zielgerichtet gestört wurde. Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen die Ausstellungen beider im Dialog in benachbarten Räumen.

Das passt verblüffend gut. Es gibt eine Verbindung, die über Ranft-Schinkes Ausbildung an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Mattheuer hinausreicht. Sie nutzen beide in ihren Bildern Material aus der griechischen Antike. Mattheuer (1927 – 2004) unter anderen die Figur des Ikarus. Ranft-Schinke, Jahrgang 1944, den himmelan stürmenden Pegasus, ein Flügelross, das Zeus Blitz und Donner zuträgt. Beide Künstler treibt zudem ein ausgeprägtes Problembewusstsein. Mattheuer artikuliert Schwierigkeiten mit dem Sozialismus mythologisch verschlüsselt schon Ende der 1960er, Ranft-Schinke beschäftigt sich früh mit gentechnischen Eingriffen in den Lebenszyklus. Und in der Ausführung gibt es trotz aller Gegensätze bei beiden diesen unerklärbaren Rest: dunkle Drohung, surrealistische Rätsel.

Dagmar Ranft-Schinke zeigt 28 Bilder im Oberlichtsaal, zwanzig große und acht kleine, meist mit Acrylfarben gemalt. Große, freie Gesten sieht man dann auch, dazu Kürzel und Skizzen, auf weißen Grund gezeichnet. Der Horizont einer oft gerundeten, also auch kippenden Welt liegt meist knapp unter der oberen Bildkante. Der Betrachter, manchmal bis zur Augenpartie sogar mitgemalt, schaut von unten herauf auf eine bewegte Komposition. Schon in den Gemälden von 1977 und 1982 legt Ranft-Schinke innere Bilder scheinbar beiläufig in dünnen Schichten übereinander, geborgen wie im Traum. In den späteren stürmen Pferde einem Strom blauer Farbe entgegen, werden zu Fruchtfliegen genetischer Experimente oder in der Diffusion mit einer Frau zum Doppelwesen.

Das führt die Malerin selten explizit aus. Allein die blaue Luft in ihrem Strom oder Zickzack enthält schon Drachen und Düsenjäger. Ein höchst mehrdeutiges Geschehen, da man nicht weiß, ob Tiere und Menschen miteinander im Krieg liegen oder bloß im übermütigen Wettstreit. Ist das, was uns begegnet, Verheißung der Gefahr? Oder soll man sich für das Wilde und Unbestimmte begeistern? Das jüngste Gemälde – „Ich, der Robot“ – will seinen Titel freilich nicht verwirklicht sehen.

Mattheuers Grafik wirkt gegen diese Bewegtheit rechtschaffen und simpel: eingefrorene Gewitter, Wolken, wie Kinder sie sehen, Kahnfahrer und Urlaubsstrände. Häuser und Äcker, festgehalten mit den klaren Umrissen und peniblen Strichen des Holz- und Linolschnitts. Mattheuer kann man sogar noch unterschätzen, wenn er in „Und die Flügel ziehen himmelwärts“ aus dem Jahre 1979 den Ikarus auf eine Bühne legt, während das Gefieder allein hochrauscht. Doch der Grafiker ist längst nicht mehr beim Sagenstoff. Meint er, Flüge sind für Menschen nicht passend? Ist Ikarus bloß zu dumm und am Hintern zu schwer? Oder muss man, angesichts der beiden Sänger im Bild, eine Idee gegen ihre eilige Popularisierung in Schutz nehmen?

Dieses durch obskuren Witz runtergeregelte Pathos, das Rätsel bei vermeintlich größtmöglicher Schärfe der Darstellung ist Wolfgang Mattheuers große Leistung. Schon das schraffierte Licht im Blatt ist oft merkwürdig, wie bei Dämmerung oder Sonnenfinsternis. Und wer genauer schaut, wird die Talsperre Pöhl beinahe überlaufen sehen. Durch die exakte Schneidetechnik, die Linien, die Reihen aneinandergesetzter Dreiecke kommen nicht bloß der Himmel und das Wasser, sondern kommt selbst der Acker zum Fließen, zum Strömen. Und auch Mattheuer hat seinen animalischen Spuk, im Linolschnitt „Das Feuertier“. Dessen Gewalt halten die züngelnden Halbwüchsigen und der stille Beobachter für sehr interessant.

Dagmar Ranft-Schinkes Ausstellung ist bis zum 5. Juni zu sehen, die von Wolfgang Mattheuer bis zum 25. Juni. Die Kunstsammlungen Chemnitz, Theaterplatz 1, sind täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

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