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Mittwoch, 02.12.2015

Film ab, Pionier!

In Pirna entstand das erste Filmstudio Junger Pioniere in der DDR. Es lieferte für die Filmbranche Nachwuchs in Ost und in West.

Von Jörg Stock

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Junge Pioniere als Kameramänner, Beleuchter, Assistenten und Darsteller: So sah die Illustrierte Zeit im Bild die Arbeit im Filmstudio Pirna Anfang der 1950er-Jahre. Der Junge rechts an der Kamera ist der damals 14-jährige Werner Kohlert. Er wird Dokumentarfilmer bei der Defa in Berlin werden. Klaus Goldmann (r.) macht sich als Kamera-Assistent beim Defa-Spielfilm (u.a. bei „Die Abenteuer des Werner Holt“) einen guten Namen.
Junge Pioniere als Kameramänner, Beleuchter, Assistenten und Darsteller: So sah die Illustrierte Zeit im Bild die Arbeit im Filmstudio Pirna Anfang der 1950er-Jahre. Der Junge rechts an der Kamera ist der damals 14-jährige Werner Kohlert. Er wird Dokumentarfilmer bei der Defa in Berlin werden. Klaus Goldmann (r.) macht sich als Kamera-Assistent beim Defa-Spielfilm (u. a. bei „Die Abenteuer des Werner Holt“) einen guten Namen.

© Sammlung Kohlert

  • Junge Pioniere als Kameramänner, Beleuchter, Assistenten und Darsteller: So sah die Illustrierte Zeit im Bild die Arbeit im Filmstudio Pirna Anfang der 1950er-Jahre. Der Junge rechts an der Kamera ist der damals 14-jährige Werner Kohlert. Er wird Dokumentarfilmer bei der Defa in Berlin werden. Klaus Goldmann (r.) macht sich als Kamera-Assistent beim Defa-Spielfilm (u.a. bei „Die Abenteuer des Werner Holt“) einen guten Namen.
    Junge Pioniere als Kameramänner, Beleuchter, Assistenten und Darsteller: So sah die Illustrierte Zeit im Bild die Arbeit im Filmstudio Pirna Anfang der 1950er-Jahre. Der Junge rechts an der Kamera ist der damals 14-jährige Werner Kohlert. Er wird Dokumentarfilmer bei der Defa in Berlin werden. Klaus Goldmann (r.) macht sich als Kamera-Assistent beim Defa-Spielfilm (u. a. bei „Die Abenteuer des Werner Holt“) einen guten Namen.
  • „Ich bin kein Cineast, aber ein hervorragender Handwerker.“ Der Ex-Pirnaer Gernot Roll, 76, dreht immer wieder mit Deutschlands besten Schauspielern. Er hat sogar einen eigenen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin. Seit 1960 lebt er in München.
    „Ich bin kein Cineast, aber ein hervorragender Handwerker.“ Der Ex-Pirnaer Gernot Roll, 76, dreht immer wieder mit Deutschlands besten Schauspielern. Er hat sogar einen eigenen Stern auf dem Boulevard der Stars in Berlin. Seit 1960 lebt er in München.
  • „Wir waren nicht die Aktuelle Kamera.“ Werner Kohlert erzählte in seinen Dokumentarfilmen viel Ungeschöntes aus dem Alltag der DDR. Der 76-Jährige lebt heute mit seiner Frau, einer ehemaligen Trickfilmgrafikerin, in der Dresdner Neustadt.
    „Wir waren nicht die Aktuelle Kamera.“ Werner Kohlert erzählte in seinen Dokumentarfilmen viel Ungeschöntes aus dem Alltag der DDR. Der 76-Jährige lebt heute mit seiner Frau, einer ehemaligen Trickfilmgrafikerin, in der Dresdner Neustadt.

Dresden 1991. Ein Mann wuchtet seine Kamera, Stativ und Batterien durch die Straßen. Er filmt Passantenströme, Händlerbuden, Plattenbauwüsten und Neustadtruinen. Der Film „Dresdner Interregnum“ wird das einmalige Dokument einer Stadt werden, die zwischen Verfall und Auferstehung taumelt. Die Leute werden einmal Schlange stehen für die Kinokarte. Etwa zur gleichen Zeit erhält ein Kameramann in München den Deutschen Filmpreis für Sönke Wortmanns Komödie „Kleine Haie“. Vier Grimme-Preise hat er schon. Und das Bundesverdienstkreuz wird er auch noch kriegen.

Die Rede ist von dem Dokumentarfilmer Werner Kohlert und von dem Spielfilmer Gernot Roll. Der eine filmte im Osten, der andere im Westen. Zwei Leben, zwei Karrieren, ein Anfang: Pirna und sein Pionierfilmstudio. Als im Januar 1951 der Physiklehrer Wolfgang Scholze ein Dutzend Kinder der örtlichen Schillerschule zur Arbeitsgemeinschaft Filmstudio versammelte, formte er die erste Amateurfilmgemeinschaft Junger Pioniere in der DDR. Sie sollte eine wichtige Nachwuchsschmiede für die Filmer des Staates, die Defa, werden.

Werner Kohlert und Gernot Roll sind Kriegskinder. Beide werden 1939 geboren, beide wohnen auf der Rottwerndorfer Straße in Pirnas Süden. Werners Vater führt einen kleinen Friseurladen, der kaum genug zum Leben abwirft. Manchmal gibt es einen Liter Milch extra von der Migeno, der Milchgenossenschaft, deren Leute oft zum Haareschneiden kommen. Gernots Vater, ein städtischer Beamter, stirbt früh, die Mutter arbeitet bei der HO. Geredet wurde immer nur vom Essen, erinnert sich Gernot Roll. „Ein anderes Thema gab es nicht.“

Gernot ist einer der Ersten in Wolfgang Scholzes Filmstudio. Woher der bebrillte, hoch kompetente Lehrer so viel übers Filmemachen wusste, erfährt Gernot Roll nie. Der Mann sei jedenfalls besessen gewesen vom Film, sagt er, und fügt auf gut Bayrisch an: „Er war filmnarrisch.“ Scholze organisiert sich eine Siemens-Kinokamera bei der Kreisbildstelle. Schon im ersten Jahr stellt seine AG tausend Meter Rohfilm her. Die Streifen handeln von Pirna und den „Heimatbergen“, von der Pioniereisenbahn und vom Gastspiel des Zirkus Busch. Das Leben im Berliner Pionierpark „Ernst Thälmann“ halten die Schüler in dem Dokumentarfilm „Freundschaft siegt!“ fest. Zur Premiere kommt auch eine Abordnung der Defa.

Gernot Roll lässt sich von Scholzes Filmeifer nicht wirklich anstecken. Es ist eher seine Mutter, die ihn zum Filmberuf lenkt. Ganz anders sieht es bei Werner Kohlert aus. Dessen Mutter sähe ihn gern bei den Jungen Elektrikern, damit er zu Hause was reparieren kann. Doch Werner ist von Fotoapparaten fasziniert. Er verkaufte schon als kleiner Junge eigene Fotos für ein paar Pfennige an Nachbarn. Als er 1952 in Scholzes Studio eintritt, ergreift ihn die Lust an den Bildern, die laufen können. Er ist beim Zirkus-Dreh dabei, wo ihn der Inder Banda, der die Elefanten führt, stark beeindruckt, und er filmt die Radsportler der Friedensfahrt, als sie 1954 durch Pirna rasen.

Das Filmstudio macht Furore. Die Kinowochenschau, der „Augenzeuge“, berichtet, ebenso das Neue Deutschland und andere Blätter. Die Pionierfilmer schließen einen Patenschaftsvertrag mit der Dresdner Defa-Zweigstelle ab. Das Unternehmen bestückt die neuen Studioräume im Pionierhaus „Maxim Gorki“, vormals die Küttner-Villa, und stellt eine Hochleistungskamera AK 16 von Zeiss-Ikon bereit. Die ersten Filmfreunde erhalten Lehrstellen als Filmfotografen im Defa-Kopierwerk in Berlin.

Auch Gernot Roll und Werner Kohlert werden Defa-Lehrlinge. Die Jungs aus der sächsischen Provinz erleben nun das schrille Treiben der Frontstadt. Werner Kohlert dreht mit der Kamera vom heimischen Pionierfilmstudio im Berliner Lehrlingswohnheim eigene kleine Streifen, die er mit Skizzen und Drehbüchern akribisch plant. Schon damals ist er Perfektionist. „Ich habe nie aus der Hüfte gedreht“, sagt er heute.

Gernot Roll, inzwischen Defa-Kamera-Assistent, verlässt die DDR 1960 mit einem S-Bahn-Ticket nach West-Berlin. In München geht er zur Bavaria, einem der wichtigsten Fernseh- und Kinofilmproduzenten Europas. Die Firma stellt den gut geschulten Defa-Mann mit Kusshand ein. 1964, da ist er gerade mal 25 Jahre alt, dreht er seinen ersten Film als Chefkameramann.

Werner Kohlert bringt es fertig, sich ohne Abi auf die Hochschule für Filmkunst in Berlin-Babelsberg zu schmuggeln. Was ihm an Wissen fehlt, holt er durch gnadenloses Büffeln nach. Die Jahre in Babelsberg sind eine „ulkige Zeit“. Die Hochschule steht im Bannkreis der Mauer. Ständig muss man Passierscheine vorzeigen. Aus den Fenstern sieht man Stacheldraht und Wachhunde. Den hübschen Schauspielerinnen gefällt es, mit den Grenzsoldaten zu flirten.

Kohlert kommt zum Defa-Dokumentarfilmstudio. Seine Kamera befasst sich am liebsten mit großen Künstlern, mit Malern und Literaten, Musikern und Baumeistern. Er schwärmt für Goethe, darf für Aufnahmen über dessen „Italienische Reise“ sogar nach Italien fahren. Kohlert dreht auch in seiner alten Heimat. Die „Romantisch-pittoreske Reise durch die Naturschönheiten der Sächsischen Schweiz“ läuft jahrelang im Bad Schandauer Kino für die Urlauber. Die Arbeit hinter der Kamera ist ihm längst nicht mehr genug. Er schreibt auch Drehbuch, wählt die Musik aus, führt Regie. „Ich war ein Ein-Mann-Theater“, sagt er.

Der Dokfilmer geht auch zu den Arbeitern. Das Volk ohne viel Kommentar reden lassen, ist der neue Stil. Dabei treten Missstände subtil zutage. Werner Kohlert sagt, man habe die Parteilinie aus den Filmen möglichst herausgehalten und stattdessen das menschliche Element betont, so wie etwa in dem Film über die Reparaturbrigade eines Zementwerks. „Ich wollte, dass die Zuschauer Respekt vor diesen Arbeitern kriegen“, sagt Kohlert. Nachdenklich stellt er fest, dass die Arbeiterklasse später allen voran „zu den Bananen“ gelaufen sei.

Gernot Roll wird einer der gefragtesten deutschen Kameramänner überhaupt. Vor seiner Linse steht regelmäßig die erste Garde deutschen Filmschaffens – Götz George, Heiner Lauterbach, Mario Adorf, Veronica Ferres und viele andere. Den „Bewegten Mann“ mit Til Schweiger und Katja Riemann sehen 1994 über sechs Millionen Kinogänger. „Nirgendwo in Afrika“ erhält 2003 den Oscar. Und Roll dreht weiter und weiter, bis heute. Filmfieber hat er immer noch nicht. Er sieht es eher als Handwerk, sagt er. „Und ich bin ein hervorragender Handwerker.“

Und was wurde aus dem Pionierfilmstudio? Werner Kohlert hat vor etwa fünf Jahren eine Spurensuche unternommen, unter anderem bei den Nachkommen des verstorbenen Studiogründers Scholze – erfolglos. Auch das Pirnaer Stadtmuseum forschte nach und der Videoclub Pirna. Sie alle liefen ins Leere. Technik und Filme scheinen verschollen. Die Küttner-Villa, das einstige Pionierhaus, hat überlebt. Es ist heute Heimat der Musikschule Sächsische Schweiz.

Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. GG52

    Zu ergänzen wäre noch, dass das Pionierfilmstudio auch Zeichen-, Silhouetten- und Puppentrickfilme in hervorragender Qualität herstellte.

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