erweiterte Suche
Dienstag, 19.01.2016

Federn und Paraden

Breslau feierte am Wochenende den Start in sein Jahr als Europas Kulturhauptstadt und bietet Dresden Hilfe bei der Bewerbung an.

Von Robert Kalimullin

Breslau ist jetzt Kulturhauptstadt. Die Feier zum Start setzte schon mal Zeichen und Maßstäbe.
Breslau ist jetzt Kulturhauptstadt. Die Feier zum Start setzte schon mal Zeichen und Maßstäbe.

© Robert Kalimullin

Es schneit Federn, und Andrzej ist aus dem Häuschen. „Ich bin in dieser Stadt geboren, so etwas hat es hier noch nie gegeben.“ Der 62-Jährige tanzt über die Straße, reckt seine Hände in den Breslauer Abendhimmel, um noch mehr der weißen, weichen Flocken zu erhaschen, die langsam zu Boden gleiten. Er steckt die Beute in die Tasche seiner etwas abgetragenen Jacke, um gleich darauf wieder eine Handvoll Federn hervorzuziehen: „Die bringe ich meiner Enkeltochter mit, die noch zu klein ist, um heute dabei zu sein.“

Manchmal sind es die einfachsten Dinge, die die Menschen glücklich machen. So zumindest könnte eine Lehre des Wochenendes lauten, mit dem die viertgrößte Stadt Polens das Jahr einläutete, in dem sie gemeinsam mit San Sebastián im spanischen Baskenland den Titel der Kulturhauptstadt Europas trägt. Wenige Stunden, bevor Paraden aus vier Himmelsrichtungen aufbrachen, um die Kultur auf die Straßen der niederschlesischen Metropole zu tragen, hatten sich rund 1 800 geladene Gäste im vergangenen Herbst eröffneten Nationalen Musikforum versammelt. Politiker, Diplomaten, Kulturfunktionäre und Journalisten durften die offizielle Eröffnung jedoch nicht nur höflich beklatschen, sondern fanden sich plötzlich selbst in der Rolle des Orchesters wieder. Aus PVC-Rohren und Plastikflaschen, die die Besucher an ihren Plätzen vorfanden, waren unter Anleitung in wenigen Minuten kleine Instrumente gefertigt. Agnieszka Franków-Lelazny, Kuratorin für das Musikprogramm des Kulturhauptstadtjahres, dirigierte das ungewöhnliche Ensemble von der Bühne aus. Und schuf, zur Freude und auch Verblüffung fast aller Anwesenden, mit der kleinen, gemeinsam gespielten Melodie Minuten der Zufriedenheit und Harmonie.

Botschaft der Aussöhnung

Der einfache musikalische Zauber fegte auch für einen Moment die gefühlten Gewitterwolken beiseite, die gerade eben noch über dem Saal hingen. Es waren die Wolken, die seit Monaten über Europa aufziehen, das heftig wie lange nicht mehr über seine Identität streitet. Wolken, die sich über Polen in nur wenigen Wochen nach dem Amtsantritt der neuen, nationalkonservativen Regierung in ungeahnter Geschwindigkeit verdichtet haben. Ein vernehmbares Donnergrollen in Form von Buh-Rufen löste schließlich die Rede des neuen polnischen Kulturministers Piotr Glinski bei der Eröffnungsgala aus. Der hatte zunächst die christlichen Werte als das Fundament der europäischen Kultur identifiziert, um dann aufzuzählen, wo sie derzeit in Gefahr seien: in der kriegsgeplagten Ukraine, in Paris und in Köln. Eine Aufzählung, die der Minister offenbar für selbsterklärend und abschließend hielt, denn eines, so Glinski, sei nicht in Gefahr: die polnische Demokratie, die Kritiker nach umstrittenen Neubesetzungen beim Verfassungsgericht als ausgehebelt ansehen.

Manchmal können sich die vermeintlich einfachsten Dinge als ungeheuer schwierig erweisen. Ein Lied hiervon kann Rafal Dutkiewicz singen. Der 56-jährige parteilose Politiker leitet als Bürgermeister seit mehr als 13 Jahren die Geschicke Breslaus. Seit seine Stadt 2011 den Zuschlag für das Kulturhauptstadtjahr bekommen hat, treibt er die Vorbereitungen voran. Es ist wesentlich Dutkiewiczs Verdienst, dass Breslau ins Zentrum des Jahres die manchmal schmerzhafte Suche der Stadt nach ihrer eigenen Identität gestellt hat. Vorbehaltlos erkennt Dutkiewicz das Unrecht der vollständigen Vertreibung der deutschen Bevölkerung Breslaus nach 1945 an. Er setzt auf die positive Botschaft der Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen, möchte seine Stadt zu einer machen, die „offen ist für ihre Vergangenheit und ihre Zukunft“. Und ausgerechnet Dutkiewicz muss sich nun dafür rechtfertigen, dass der Ruf seiner Stadt befleckt wird durch Vorwürfe von Antisemitismus und Fremdenhass.

„Ich hasse Nationalismus“, sagt Dutkiewicz in seinem Amtszimmer im Breslauer Rathaus, das Thema bewegt ihn spürbar. Nur einen Steinwurf entfernt, auf dem Marktplatz, demonstrierten im vergangenen November Rechtsradikale, eine Puppe, die einen Juden darstellen sollte, wurde angezündet. Dutkiewicz persönlich hat den Täter angezeigt, hakt nach eigenen Angaben regelmäßig bei der Staatsanwaltschaft nach, da ihm die Ermittlungen zu schleppend vorangehen. Und doch nimmt er seine Stadt in Schutz: das Phänomen des Rechtsrucks sei ein breiteres – Dutkiewicz spricht von einer europaweiten „Stimmung des Hasses“, nennt Dresden und Leipzig als Beispiele. In Breslau seien die Radikalen eine Minderheit.

Die Vielfalt in Form verschiedener Glaubensbekenntnisse hat auch der britische Performancekünstler Chris Baldwin als Essenz der Stadt ausgemacht, als einen der „vier Geister“, die Breslau über die Jahrhunderte formten. Es sind diese symbolischen Geister, neben der konfessionellen Vielfalt die Kraft der Innovation, der Wiederaufbau nach der Zerstörung, aber auch die Überflutung durch das Hochwasser der Oder, die in Form von Paraden ins Zentrum ziehen, um sich am Marktplatz zu vereinigen. Von Westen kommend ziehen Häftlinge, die für die Teilnahme an der Eröffnungsfeier Freigang bekommen haben, den Wagen, der das fruchtbare Miteinander von Katholizismus, Orthodoxie, Protestantismus und Judentum symbolisiert. Mit dem Zug laufen Breslauer Bürger, an jeder Station kommen neue dazu.

Die jungen Eltern Magda (37) und Jarek (31) haben sich bewusst dafür entschieden, mit ihren beiden kleinen Kindern beim Thema Religion mitzulaufen. „Wir sind gläubig“, erklärt Magda, „daher wollen wir ein Zeichen für Toleranz setzen.“ Von Minister Glinski und seiner Warschauer Regierung, deren Rhetorik so stark vom Christentum geprägt ist, fühlt sich Magda nicht repräsentiert: „Wir stehen politisch in der Mitte, die sind weit rechts.“ Wie stellt sich die junge Familie die Zukunft für ihre Heimatstadt vor? Die Antwort der gebürtigen Breslauerin Magda überrascht: „Ich möchte, dass die Stadt wieder so vielfältig wird, wie sie es vorm Krieg war.“

Manchmal kommen gute Ideen nur stockend voran. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt stehen Tausende Menschen auf dem Marktplatz, wo sie auf die Ankunft und die Fusion der vier Geister warten. Doch die vier von Hand gezogenen Wagen stecken fest, offenbar wurden die Zufahrtswege nicht freigehalten. Mit mehr als einstündiger Verspätung rollen die Wagen ein, die Performance kann beginnen. Es ist eine hoch symbolische Auseinandersetzung mit der Breslauer Stadtgeschichte, die Chris Baldwin da als Teil eines vierteiligen Zyklus inszeniert, der im vergangenen Juni mit dem Brücken-Festival seinen Anfang nahm, bei dem Bürger auf 26 der mehr als 100 Breslauer Brücken selbst künstlerische Projekte verwirklichten. Allein: Der Aufbau eines gemeinsamen Turms aus den vier Themenwagen gestaltet sich etwas zäh, die Sicht der meisten Zuschauer auf dem Marktplatz auf das Geschehen ist eingeschränkt.

Doch zum Schluss wird es spektakulär, als drei engelartige Seiltänzer hoch über dem Marktplatz zu schweben scheinen. Es beginnt Federn zu schneien, erst sanft, dann immer mehr, Zehntausende, Hunderttausende werden aus Kanonen in die Luft geschossen, hell angestrahlt, und gehen auf die Zuschauer nieder, bedecken den Marktplatz zentimeterdick. Gleichzeitig gehen die Fenster rund um den Platz auf, hinter jedem Fenster ein Musiker, das Orchester spielt auf. Und dann ist alles ganz schnell vorbei, Breslau ist offiziell Kulturhauptstadt Europas, und erwachsene Einwohner tollen ebenso wie Kinder auf dem Marktplatz herum, bewerfen sich gegenseitig mit weißen Federn.

Sechs Millionen Besucher erwartet

Für „toll“ und „fulminant“ befand der zur Eröffnung angereiste Dresdner Oberbürgermeister Dirk Hilbert den Breslauer Auftakt und schreibt bei Facebook von einer guten „Inspiration für unsere Dresdner Kulturhauptstadtbewerbung 2025“. Seine Hilfe hat der Breslauer Stadtvater Dutkiewicz der Partnerstadt bereits selbstbewusst angeboten: „Ich weiß Bescheid, wie man so was organisiert. Die wiederbelebte Zugverbindung in die sächsische Landeshauptstadt soll nun zunächst den deutschen Nachbarn das Kennenlernen der Kulturhauptstadt erleichtern, die einen Großteil der erwarteten sechs Millionen Besucher im Jahr 2016 ausmachen. Zu den Höhepunkten des Jahres werden zwei weitere Inszenierungen Chris Baldwins zählen, wobei im Juni die Oder die Bühne für die Darstellung der Breslauer Geschichte bieten soll. Mitte des Jahres ist die Eröffnung eines Museums der Breslauer Identität in einem ehemaligen Straßenbahndepot geplant.

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein