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Faschistische Antifaschisten

Für einige Leute ist Gewalt offenbar legitim, solange die Faust nur den Richtigen trifft.

01.07.2016

sche Antifaschisten
SZ-Kolumnist Michael Bittner.

© Ronald Bonß

Die italienischen Faschisten entwickelten in ihrem Kampf um die Macht nach dem Ersten Weltkrieg sehr originelle Methoden. So verprügelten sie ihre politischen Gegner bei Überfällen nicht nur, sondern fotografierten die blutenden Opfer auch und veröffentlichten die Bilder in Zeitungen, um die Demütigung noch zu steigern.

Vor einer Weile überfielen mehrere Täter, die sich selbst als „Antifaschisten“ bezeichneten, einen Leipziger NPD-Funktionär in seinem Laden. Sie schlugen den Mann blutig, filmten die Tat und stellten dann das Video ins Internet.

Der Mann trat inzwischen von seinen Ämtern zurück und hat sich ins Privatleben zurückgezogen. Sympathisanten der Täter triumphieren seitdem, diese Aktion verkörpere „konsequenten Antifaschismus“. Ich frage mich: Wenn konsequenter Antifaschismus in der Anwendung faschistischer Methoden besteht, sollten politische Gegner nicht besser gleich erschossen und in den Berliner Landwehrkanal geworfen werden? Wäre es da nicht noch viel konsequenter, wenn die Antifaschisten Lager errichteten, um in ihnen alle greifbaren Faschisten zu foltern und umzubringen?

Für einige Leute ist Gewalt offenbar legitim, solange die Faust nur den Richtigen trifft. Ich kann mich dieser Einschätzung nicht anschließen, mir ist Gewalt einfach widerwärtig. Natürlich gibt es auch Fälle berechtigter Notwehr und Nothilfe. Aber Angriff ist keine Verteidigung. Und eine Gesellschaft, die Gewalttaten nicht grundsätzlich ächtet und bestraft, löst sich in Bürgerkrieg auf. Die Behörden unseres Staates, leider besonders die sächsischen, haben in den letzten Jahrzehnten im Kampf gegen Nazi-Gewalt oft versagt. Über hundert Menschen wurden seit der Wende von rechten Terroristen erschlagen, erschossen oder verbrannt. Der NSU durfte unter dem Schutz eines Versagervereins namens „Verfassungsschutz“ sogar unbehelligt morden.

Dass Menschen dem Staat und seinen Behörden misstrauen, verwundert deshalb nicht. Aber militante antifaschistische Selbstjustiz bringt nur die Faschisten ihrem Ziel näher, denn die wünschen sich nichts sehnlicher als einen Bürgerkrieg.

Artikel 20 des Grundgesetzes gibt jedem Deutschen das Recht zum Widerstand gegen alle, die unsere Demokratie beseitigen wollen – aber nur, „wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Davon sind wir glücklicherweise weit entfernt.