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Montag, 09.01.2017

Exzesse, Intrigen und ein Ende im Kugelhagel der Revolutionäre

Die Romanows machten das Zarenreich groß und hatten einst finstere Pläne für Sachsen.

Von Christian Ruf

Das Ende der Romanows: Der letzte russische Zar Nikolaus II. und seine Ehefrau Alexandra Fjodorowna sowie ihre Kinder Olga, Alexej, Maria, Anastasia und Tatjana wurden 1918 von Bolschewiki ermordet. 1998 wurden ihre sterblichen Überreste in St. Petersburg beigesetzt.
Das Ende der Romanows: Der letzte russische Zar Nikolaus II. und seine Ehefrau Alexandra Fjodorowna sowie ihre Kinder Olga, Alexej, Maria, Anastasia und Tatjana wurden 1918 von Bolschewiki ermordet. 1998 wurden ihre sterblichen Überreste in St. Petersburg beigesetzt.

© dpa

Russland hat unter Napoleon mehr gelitten als jedes andere Land. Das meinte jedenfalls Zar Alexander auf dem Wiener Kongress 1815, weshalb er den Großteil Polens als Kompensation forderte und seinem Verbündeten Preußen Sachsen zuschanzen wollte. Ganz Sachsen. Als Frankreichs Außenminister Talleyrand widersprach, warnte ihn Alexander: „Wenn der König von Sachsen nicht abdankt, wird er nach Russland geschickt – er wird dort sterben!“ Nicht nur deshalb war man in Wien pikiert, wie sich die Russen aufführten. Sie galten „als die Besucher mit den schlechtesten Manieren“, hält Simon Sebag Montefiore fest in seiner neuen Studie, die Glanz und Gloria, aber auch dunkle Flecken einer Familie aufzeigt, die 300 Jahre lang die Geschicke Russlands bestimmte: „Die Romanows“.

Über 20 Zaren und Zarinnen gingen aus dem Geschlecht hervor, allesamt getrieben von unbändigem Machthunger und rücksichtslosem Willen zu herrschen. Der Aufstieg der Romanows begann im Windschatten Iwans des Schrecklichen und endete mit dem Sturz der Monarchie 1917. Das Massaker an der Zarenfamilie in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 in Jekaterinburg durch die Bolschewiki war das blutige Tüpfelchen auf dem i. Überhaupt war der Posten des Herrschers stets gefährlich gewesen. Sechs der letzten zwölf Zaren starben eines gewaltsamen Todes. Oft kamen die Mörder aus der eigenen Familie. Schon die französische Literatin Madame de Staël beliebte zu scherzen: „Russland ist eine Autokratie, die durch Strangulierung gemäßigt wird.“

Der Historiker Montefiore hat sich mit Arbeiten über Stalin und Katharina die Große einen Ruf als Kenner menschlicher Details und Abgründe russischer Potentaten erschrieben. Nun erzählt er die Saga einer Dynastie, in der Rivalität, Giftmorde und sexuelle Exzesse auf der Tagesordnung standen. Aber es war ebenso diese Familie, legitimiert durch ihre geheiligte Stellung als „transzendentes Bindeglied zwischen Gott und den Menschen“, die Russland groß machte, auch im geografischen Wortsinn. Durchschnittlich wuchs ihr Reich nach der Thronbesteigung des ersten Romanow täglich um 142 Quadratkilometer. Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten sie ein Sechstel der Erdoberfläche.

Im Spiegel persönlicher Briefe, Erinnerungen von Mitgliedern der weitläufigen Romanow-Familie und sonstigen Zeitgenossen entsteht das dichte Bild einer Dynastie, die zum Inbegriff von Macht und Pracht und Despotismus wurde. Aber die Romanows schufen letztlich auch ein Reich, das Männer wie Puschkin, Tolstoi, Tschaikowski und Dostojewski hervorbrachte; „es war eine Zivilisation mit überragender Kultur und von erlesener Schönheit“, schreibt Montefiore, „und all dessen, was Russland ausmacht, seine Kultur, seine Seele, sein Wesen“.

Last für Millionen Leibeigene

Die Dynastie der Romanows habe zwei politische Genies hervorgebracht: die „Großen“ Peter und Katharina sowie „einige Persönlichkeiten mit Talent und Anziehungskraft“, meint Montefiore. Peter der Große, der August dem Starken durch seinen Sieg über die Schweden 1709 die polnische Krone rettete, sorgte ebenso wie Katharina die Große dafür, dass Russland zu den Großmächten Europas gehörte und die Romanows nicht länger als moskowitische Barbaren im fernen Osten galten. Sie ragen auch deshalb heraus, weil sie es verstanden, zu delegieren. Peter war „herausragend darin, geeignete Gefolgsleute aus ganz Europa ungeachtet von Klasse und Rasse zu finden und Titel zu verleihen“.

Warum aber war dieses Russland selbst dann erfolgreich, wenn ein Kind oder ein Kretin auf dem Thron saß? Montefiore erklärt es sich damit, dass die Romanow-Dynastie „Drehpunkt und Fassade eines politischen Systems war, das auf Familienbindungen und persönlichen Beziehungen beruhte und dessen Protagonisten manchmal gegeneinander rivalisierten, oft aber zusammenarbeiteten, um das Reich als Juniorpartner des Throns zu regieren“. Das System war flexibel, die Zaren förderten talentierte Günstlinge, siegreiche Generäle und fähige Ausländer. Doch die Ausgaben für Armee, Paläste sowie die üppige Apanage für die Mitglieder der Zarenfamilie waren eine schwere Last für die Millionen von Leibeigenen, hält Montefiore fest, und erinnert an die vielen bewaffneten Aufstände, die niedergeschlagen werden mussten.

Regelmäßig gab es Ansätze zu Reformen, dann wieder gaben die Konservativen den Ton an. So versuchte sich unter Zar Nikolaus II. der pragmatische Monarchist Pjotr Stolypin darin, das politische System zu reformieren. Alexander III., Kaiser von 1881 bis 1894, war hingegen eher ein Hardliner. Er liebte die Jagd und Gelage. Seine ungehobelte Art verkaufte er als Nationaltugend und demonstrierte ein schroffes, schlichtes Russentum, indem er Stiefel und Uniformrock trug und sich einen Vollbart stehen ließ.

Hofminister Graf Woronzow-Daschkow warnte ihn vor einer Politik der Lügen. Sie schüre Feindseligkeit gegen die Deutschen, unterjoche die Juden und verfolge die Polen. In „Die Romanows“ erfahren wir, dass der Warner recht behalten sollte. Fast alle Juden waren ergebene Bürger, aber die zaristische Unterdrückung trieb viele in die Armee der Revolutionäre oder ins Ausland. Nach 1881 machten sich jährlich mehr als 60 000 Juden auf den Weg nach Amerika.

Simon Sebag Montefiore: Die Romanows. Glanz und Untergang der Zaren-Dynastie. 1613 – 1918, S. Fischer, 1032 S., 35 Euro